APA/APA / Brandstätter Verlag/Julia Steinigeweg

Sara Schurmann fordert in "Klartext Klima!" rasches Handeln

11. März 2022 · Lesedauer 6 min

Erst vor relativ kurzer Zeit wurde der deutschen Journalistin Sara Schurmann klar, wie rasch sich das Zeitfenster für Maßnahmen gegen die drohende Klimakatastrophe zu schließen droht. In ihrem nächste Woche erscheinenden Buch "Klartext Klima!" mahnt sie einen radikalen Wandel ein. "Wir müssen innerhalb der nächsten acht Jahre alle möglichen Lebens- und Wirtschaftsbereiche grundlegend umgestalten", fordert sie im APA-Interview.

APA: Frau Schurmann, Sie beschrieben in Ihrem Buch "Klartext Klima!" Ihren persönlichen Schockzustand, als Sie erkannten, wie kurz die Zeit für einen echten Bewusstseinswandel noch ist. Wie kann dieser Wandel überhaupt noch gelingen?

Sara Schurmann: Journalist:innen sind dafür meiner Meinung nach ein entscheidender Hebel. Noch immer werden Klimakrise und Artensterben journalistisch wie ein Thema neben vielen behandelt, auch weil sich nur vergleichsweise wenige Kolleg:innen wirklich damit auskennen. Wie grundlegend und akut diese Krisen sind und dass sie tatsächlich die Lebensgrundlagen schon heute lebender Generationen gefährden, wird so nicht ausreichend klar.

APA: Sowohl in Deutschland wie auch in Österreich sind Grüne in der Regierung. Wie erklären Sie sich, dass in beiden Ländern dennoch die entsprechenden Maßnahmen zur Erreichung des 1,5 Grad Ziels weiterhin völlig ungenügend sind?

Schurmann: Ich sehe da im wesentlichen zwei Gründe. Erstens haben die Grünen zwar grundsätzlich mehr Kompetenz in Sachen Klima, aber Faktenwissen allein reicht nicht aus, um das Ausmaß der Krise zu verstehen. Man muss auch emotional an sich heranlassen, was die Auswirkungen konkret bedeuten. Erst dann wird einem wirklich klar, wie umfassend und dringend gehandelt werden muss. Das verdrängen selbst diverse Grünen-Politiker:innen. Zweitens ist der öffentliche und politische Diskurs so weit weg von dem, was nötig wäre, dass es für diejenigen, die das sehen, schwer ist, es zu vermitteln und dafür demokratische Mehrheiten zu gewinnen. Um überhaupt etwas zu erreichen und nicht als Radikale oder "Alarmist:innen" abgetan zu werden, kommunizieren sie zurückhaltender, verlangen weniger als nötig wäre.

APA: Sie schreiben nicht nur von Politik-, sondern auch von Medien-Versagen. Wie lässt sich realistisch die Berichterstattung ändern, ohne sich dem Vorwurf des Alarmismus auszusetzen und damit das Publikum bzw. die Leserschaft zu verlieren?

Schurmann: Es geht vor allem darum, dass alle Journalist:innen - ähnlich wie in der Coronakrise - ein grundlegendes Verständnis für die Klimakrise und die ökologischen Krisen entwickeln müssen. Dann kann man den Ernst der Situation möglichst konkret beschreiben, gleichzeitig aber auch beurteilen, welche Lösungen realistisch sind. Konstruktiv Lösungen mit aufzuzeigen, wird eine der zentralen Aufgaben des Journalismus sein, die Leserschaft mit Katastrophenszenarien allein zu lassen, schreckt ab und lähmt. Den Begriff "Alarmismus" finde ich jedoch irreführend, da die Situation so ernst ist, dass es tatsächlich nötig ist, genau darauf hinzuweisen - und in dem Sinne den Alarm zu betätigen.

APA: Welche Erkenntnis ist wichtiger: Dass die Coronakrise bewiesen hat, zu welchen drastischen und umfangreichen Maßnahmen die Politik fähig ist, wenn die unmittelbare Notwendigkeit gegeben scheint - oder, dass die Politik die einmalige Chance auf einen echten Re-Start unter nachhaltigeren Rahmenbedingungen nach dem Fast-Stillstand der Lockdowns verspielt hat?

Schurmann: Auf jeden Fall erstere. Veränderungen in diesem Ausmaß waren vorher für viele gar nicht denkbar, die Coronakrise hat gezeigt, dass auch umfassende und grundlegende Maßnahmen möglich sind, wenn man weiß, warum. Dass diese Chance vergeben wurde, belegt meiner Meinung nach meine Grundthese: Die Klimakrise ist politisch, gesellschaftlich und medial bisher nicht ausreichend verstanden. Es bleibt wenig Zeit dafür, aber das können wir ändern. Da versuche ich, mit meinem Buch einen Beitrag zu leisten.

APA: Lässt sich der nötige Wandel ohne drastische Einsparungsmaßnahmen und Einschränkungen überhaupt bewerkstelligen? Ist die ganze Wahrheit nicht vielmehr, dass sich dieses Lebensmodell der westlichen Welt künftig nicht mehr aufrechterhalten lässt?

Schurmann: Wenn wir wirklich versuchen wollen, unsere Lebensgrundlagen zu retten, müssen wir innerhalb der nächsten acht Jahre alle möglichen Lebens- und Wirtschaftsbereiche grundlegend umgestalten. Und das wird sich spürbar auf die Leben aller Menschen auswirken - allerdings nicht nur zum Schlechten. Die Verkehrs-, Agrar- und Ernährungswende werden unsere Leben auch sicherer und gesünder machen. Die Erzählung von Klimaschutz als Verzicht lässt sich ja nur aufrechterhalten, wenn man ausblendet, dass versäumter oder verschleppter Klimaschutz schon heute massive negative Auswirkungen hat, auch in Europa. Die Flutkatastrophe im Sommer 2021 war da nur ein sehr drastisches Beispiel.

APA: Reicht ein Kulturwandel oder braucht es ein anderes Wirtschaftssystem? Und wie könnte das aussehen?

Schurmann: Ich bin keine Wirtschaftsexpertin, ich persönlich sehe das mittlerweile pragmatisch: Wenn wir unsere Lebensgrundlagen erhalten wollen, müssen wir mit Dingen aufhören, die sie zerstören und mit anderen anfangen, die sie erhalten und fördern. Und zwar jetzt sofort. Das wird zwangsläufig Veränderungen in unserem Leben und Wirtschaften mit sich bringen. Wie sich dieses Wirtschaftssystem dann nennt, ist mir persönlich egal, solange es in der Lage ist, unsere grundlegenden, menschlichen Bedürfnisse zu decken, anstatt die Bedingungen unseren Lebens zu zerstören.

APA: Sind Greenwashing und die Erklärung von Atomkraft als nachhaltig und förderungswürdig nicht Beweise, dass einfach weitergemacht wird, nur eben unter etwas anderen Etiketten?

Schurmann: Ich sehe viele ernsthafte Initiativen, Dinge grundsätzlich zum Besseren zu verändern. Vorreiter:innen in allen Branchen und Bereichen, in Betrieben, in Schulen und Gemeinden leben Veränderung schon. Aber es braucht entsprechende Veränderungen auf politischer Ebene, um unsere Gesellschaften schnell genug klimaneutral und nachhaltig umzubauen. Wir haben noch lange nicht den ernsthaften Wandel erreicht, den es braucht. Klima-Bürger:innenräte haben in Frankreich und in Deutschland gezeigt, dass ganz normale Bürger:innen bereit sind, weitreichende und vermeintlich radikale Maßnahmen mitzutragen, wenn sie verstanden haben, warum sie nötig sind und wenn man sie sozial gerecht umsetzt. Das zeigt: Veränderung ist möglich, und ein angemessener, konstruktiver Diskurs auch.

APA: Was bedeutet der Ukraine-Krieg mit seinen Zerstörungen und der sich abzeichnenden Aufrüstung für den Kampf gegen den Klimawandel?

Schurmann: Es besteht natürlich die Gefahr, dass der Krieg das Thema Klimaschutz wieder länger in den Hintergrund rückt. Diese Zeit haben wir nicht. Außerdem werden Forderungen laut, nun Atomkraftwerke oder Kohlegruben länger zu betreiben, um den Energiebedarf zu decken. Dabei würde ein beschleunigter Ausbau der erneuerbaren Energien beiden Krisen begegnen. So schrecklich das ist, wir werden uns daran gewöhnen müssen, mit multiplen Krisen gleichzeitig umzugehen.

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA per Mail. Die Doppelpunkt-Schreibweise von Schurmann wurde beibehalten.)

ZUR PERSON: Sara Schurmann, geboren in Brandenburg, studierte Sozialwissenschaften in Berlin und Paris. Die an der Henri-Nannen-Schule ausgebildete Journalistin arbeitete für den "Tagesspiegel", "Zeit Online", war Mitgründerin und Redaktionsleiterin des feministischen Frauenmagazins "F Mag" sowie Textchefin und stellvertretende Chefredakteurin der "VICE"-Gesamtredaktion. Sie ist Mitbegründerin des Netzwerks Klimajournalismus Deutschland.

(S E R V I C E - Sara Schurmann: "Klartext Klima! Zusammenhänge verstehen, loslegen und effektiv handeln", Brandstätter Verlag, 224 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-7106-0598-7)

Quelle: Agenturen