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Salzburger Festspiele - Jubel um Bühnenversion von "Amour"

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Ein Film hat am Sonntagabend für den ersten großen Schauspielerfolg der diesjährigen Salzburger Festspiele gesorgt. Im Landestheater brachte Karin Henkel Michael Hanekes Film "Amour" auf die Bühne und erweiterte das preisgekrönte filmische Kammerspiel, in dem vor elf Jahren Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva brillierten, zu einer allgemeinen Auseinandersetzung um Liebe und Leid, Tod und Sterbehilfe: ein nach zweieinhalb Stunden umjubelter Triumph der "Liebe".

"Amour" verdankte seinen mit der Goldenen Palme und einem Oscar gekrönten Erfolgslauf sehr konkreten Umständen: dem ungekünstelten und direkten Spiel zweier herausragender Darsteller, die heute beide nicht mehr leben, und der Inspiration Hanekes durch die Konfrontation mit einer ähnlichen Situation, als seine Tante ihrem Leben ein Ende setzen wollte, weil es nicht mehr lebenswert war. Haneke kommt im O-Ton eines Interviews darüber an diesem Abend auch selbst kurz zu Wort. Auch in seinem Film bleibt er sehr konkret - inklusive Leerstellen und Leerläufen, die jene Lähmung vermitteln, die das alte Ehepaar aus dem Musik-Milieu in seiner Pariser Altbauwohnung immer mehr erfasst.

Realismus setzt Henkel in dieser Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen nur dort ein, wo sie ihn braucht, um die Absurdität unseres gesellschaftlichen, medizinischen und technischen Umgangs mit dem Sterben darzulegen. In ebenso zynischen wie komischen Szenen wird der Umgang mit Spezialbetten und Rollstühlen oder der Leistungskatalog professioneller Pflegedienste erläutert. Ansonsten konzentriert sie sich in einem abstrakten, vor allem auf Schwarz-Weiß-Kontraste setzenden Raum von Muriel Gerstner darauf, ihrem Hauptdarsteller Entfaltungsmöglichkeit zu geben.

André Jung zieht als pensionierter Musikwissenschafter Georges alle Register. Er zeigt, wie sehr sich Liebe und Opferbereitschaft in Überforderung verwandeln, die ihn allmählich dafür bereit macht, das als beiderseitige Erlösung anzusehen, was seine seit Schlaganfällen halbseitig gelähmte und zunehmend regredierende Frau Anne von ihm seit langem fordert: dem für beide Lebenspartner unwürdigen Zustand ein Ende zu bereiten.

Anne ist in Henkels Version keine eindeutig zugeschriebene Person, sondern wird von Katharina Bach, aber auch von Tänzerin Joel Small und einem kleinen Mädchen verkörpert. Bach ist aber etwa auch die Tochter des Ehepaares (im Film gespielt von Isabelle Huppert), eine gefragte Musikerin, die zu Hause gelegentlich "nach dem Rechten" schauen möchte und mit der Situation, in der sie ihre Eltern vorfindet, komplett überfordert ist. Diese Besetzungsentscheidung ist einer von vielen guten Einfällen einer ergreifenden Aufführung, die auch ihre witzigen Momente hat. Dann etwa, wenn Christian Löber und Joyce Sanhá als Spielansager gleich am Anfang bekennen, dass sich die Inszenierung immer wieder vom Original-Drehbuch entfernen werde. Um dies kenntlich zu machen, werde man an diesen Stellen orangene Fähnchen hochhalten. Gesagt, getan.

Die emotionale Wirkung mindert das in keiner Weise. Nicht zuletzt, weil Henkel auch einige "Expert:innen des Alltags" einbaut. Die erzählen dann von ihren eigenen Erfahrungen mit Krankheit und Tod. In diesen Momenten ist es mucksmäuschenstill im Theater. Um nicht zu sagen: totenstill. In diesen Momenten wird auch Henkel konkret - und gibt der oft sehr theoretisch geführten Debatte um Sterbehilfe ganz konkrete Gesichter. Von jenen, die selbst wieder ihren Lebenswillen gefunden haben. Und von jenen, die ihre Freunde oder Kinder gehen lassen mussten.

Während Ulrich Rasche den "Nathan" an die enge Leine eines starren Konzeptes nahm und ihm damit die Luft abschnürte, zeigt Karin Henkel in "Liebe (Amour)" die Macht des Theaters, in dem sie leichtfüßig die Stilmittel mischt und gleichzeitig das Thema todernst nimmt. Langer, anhaltender Applaus für einen außergewöhnlich intensiven Abend, der noch sechsmal in Salzburg und dann ab 21. Oktober in München zu sehen ist.

(S E R V I C E - "Liebe" ("Amour"), Nach dem Film von Michael Haneke. Regie: Karin Henkel, Bühne: Muriel Gerstner. Kostüme: Teresa Vergho. Mit u.a. André Jung, Katharina Bach, Christian Löber, Joyce Sanhá, und Joel Small, Live-Musik: Paul Pötsch, Alex Röser Vatiché. Koproduktion der Salzburger Festspiele mit den Münchner Kammerspielen, Salzburger Landestheater, Weitere Aufführungen: 1., 2., 4., 6., 8., 10.8., Premiere in München: 21.10., www.salzburgerfestspiele.at)

ribbon Zusammenfassung
  • Ein Film hat am Sonntagabend für den ersten großen Schauspielerfolg der diesjährigen Salzburger Festspiele gesorgt.
  • Nicht zuletzt, weil Henkel auch einige "Expert:innen des Alltags" einbaut.
  • In diesen Momenten ist es mucksmäuschenstill im Theater.
  • In diesen Momenten wird auch Henkel konkret - und gibt der oft sehr theoretisch geführten Debatte um Sterbehilfe ganz konkrete Gesichter.
  • (S E R V I C E - "Liebe", Nach dem Film von Michael Haneke.