APA - Austria Presse Agentur

Reyers "1431": Loderndes Epos über eine Jungfrau in Flammen

17. Feb 2021 · Lesedauer 5 min

"1431" heißt der neue Roman von Sophie Reyer. Wer sich etwas in (französisch-englischer und römisch-katholischer) Geschichte auskennt, weiß wohl, dass damit mitnichten eine Telefonklappe oder ein PIN-Code gemeint ist, obwohl dies heutzutage ja selbst bei einem Buchtitel möglich wäre. Nein, es handelt sich um ein historisches Datum: Am 30. Mai 1431 ging Jeanne d'Arc, die Jungfrau von Orléans, in Rouen in Flammen auf. Um ihr Leben und Wirken dreht sich dieses lodernde Epos.

Wobei dies bei genauerem Hinsehen explizit nur im Katalog des Czernin Verlags auch so ausgeschildert wird, selbst im Klappentext ist lediglich von "Johanna" die Rede, "einer jungen Frau aus Orléans, die den konventionellen Erwartungen ihrer Zeit widerspricht und ihr Leben selbst bestimmt". Die historische Jeanne kommt aber gar nicht aus Orléans, vielmehr wurde sie vermutlich um 1412 in Domrémy in Lothringen geboren.

Anhand des Plots dreht sich alles aber offenbar doch um Frankreichs Nationalheldin, die während des Hundertjährigen Kriegs (1337 bis 1453), in dem England seine erbrechtlich argumentierten Thron- und Herrschaftsansprüche gegen Frankreich durchsetzen will, als Halbwüchsige erste Visionen hat. Die Stimmen von Heiligen und Erzengeln weisen sie an, Frankreich von den Engländern zu befreien sowie dem Dauphin und späteren König Charles VII. den französischen Thron zu sichern.

Diese Erscheinungen lassen sie in ihrem Wunsch, für die Heimat und ihre Überzeugungen zu kämpfen, immer fanatischer und radikaler werden. Letztlich reitet sie in einer an sich der Männerwelt vorbehaltenen Rüstung an vorderster Front in den Kampf, um die englische Belagerung der Stadt Orléans erfolgreich zu beenden. Da die Franzosen aber in Folge die Schlacht von Compiègne verlieren, wird Jeanne d'Arc an die Engländer ausgeliefert und schließlich vom pro-englischen Bischofs von Beauvais, Pierre Cauchon, anhand verschiedener - auch auf Intrigen und Verrat basierender - Anklagen als Zauberin und Ketzerin zum Tod verurteilt. 1431 verbrennt Jeanne d'Arc 19-jährig auf dem Marktplatz von Rouen auf einem Scheiterhaufen, wobei ihr Herz der Legende nach unversehrt bleibt. Später wird sie freilich rehabilitiert, zur Märtyrin erklärt und letztlich 1920 von Papst Benedikt XV. heiliggesprochen.

Soweit der Background. Wer die Historie der Jeanne d'Arc aber nicht vollständig und en détail aus dem Effeff beherrscht, tut gut daran, sich mit dieser im Vorfeld der Lektüre vertraut zu machen. So gesehen wäre ein erklärendes Glossar nicht schlecht gewesen. Aber möglicherweise wurde das bewusst vermieden, ist das historische Beiwerk eventuell ohnehin eher Schall und Rauch. Vielleicht geht es in Sophie Reyers Roman ja en gros um das opulent erzählte Schicksal einer einzigartigen Frauenfigur, die in ihrem starken Auftreten ihrer Zeit zweifellos voraus war.

Mit wortgewaltigen Sprachspiralen webt die 36-jährige Wiener Schriftstellerin viele Einzelstränge, die der historische Stoff hergibt, zu einem literarischen Ganzen. Zwar geht sie dabei chronologisch vor, doch bleibt die Erzählung letztlich ein dichtgestrickter Fleckerlteppich, der sich einerseits sehr behände, andererseits doch schwerfällig vor dem Leser ausbreitet. Einerseits lässt sich dieser nämlich gerne von Reyers ebenso einfühlsamer wie fantasieschwangerer Wortgewalt einwickeln, andererseits läuft er Gefahr, von dieser geradezu erschlagen zu werden.

So heißt es gleich auf den ersten Seiten über die Kindheit der später Heiligen Johanna: "Alles hat Augen: der Äther, die Ähren. Alles singt. Die Grillen sind tönende Glocken am Morgen, Johanna öffnet ihr Ohr und schickt stumm Stoßgebete, denn sie hat keinen Mund vor Staunen. Wird im Gehen Wurzeln und Erz. Auftreten, das ist Leben! Das ist ihr Land! Warum würgen und kauen am eigenen Kram der Gedanken? Dachlos sein unterm Feenbaum!"

Wortkaskaden wie diese überschwemmen die Seiten. Sie beschreiben wohl das Gemüt eines am Land aufwachsenden hypersensiblen Kindes und heranreifenden Mädchen, das offenbar über esoterische oder metaphysische Eigenschaften verfügt und im Lauf seines weiteren Lebens anderen verborgen bleibende Wahrnehmungen hat. Vor allem anno dazumal waren diese wohl nur als göttliche Eingaben oder Heiligenerscheinungen erklärbar: "Ein Heil ist sie, die Stimme. (...) Dreimal ruft sie nach ihr. 'Johanna!' Johanna steht auf. 'Was ist das?' ruft sie laut aus. 'Bist Du es wirklich wieder, lieber Gott?' Ein loderndes Lachen ertönt. 'Führe Dich gut!', tönt es zur Antwort."

Ja, so ging es offenbar zu in Lothringen im frühen 15. Jahrhundert. Schließlich handelt es sich ja um einen historischen Roman, und das darin etwas verstreut auftretende Personal ist zumindest von den Namen her geschichtlich durchaus belegt. Wer sich von "1431" nun erhofft, ein Bild des Lebens, der Gesellschaft, des politischen, profanen aber auch religiösen oder klerikalen Alltags des Spätmittelalters vermittelt zu bekommen, in dem eine herausragende, offenbar hochbegabte - möglicherweise aber auch an akustischen Halluzinationen leidende und damit psychisch labile bis kranke - Frau wie Jeanne erst zur Ikone hochstilisiert und dann angezündet wird, kommt nur bedingt auf seine Rechnung.

Dafür ist es aber geradezu ausufernd möglich, in den üppigen arrangierten Beschreibungen ihrer individuellen Gefühle zu versinken und sich darin zu suhlen, auch wenn der letztlich tragische Inhalt eher zum Unwohlsein anregt. Wie heißt es gegen Ende des Romans, als die Protagonistin ihr Leben den Flammen übergeben muss: "Alle ihre Stunden ziehen vor Johannas innerem Auge vorüber: Kranke Stimmen, Eltern, Erinnerungen, Großmutter, befleckt ihre Hände bei der Ernte, die Fingernägel krumm gehalten, alles nur noch fremde Bilder von damals, Menschen und Ideen schneiden sich aus den Sehnen ihres lodernden Leibes ein Stück Fleisch heraus, steigen auf und werden wie Wunder gesund. So geht Johanna zugrunde." Ob der Leser mit solchen Sequenzen nun viel mehr über Jeanne d'Arc, ihren Mythos und ihre tradierte Bedeutung gelernt hat, sei dahin gestellt. Feurig formuliert, ist es aber allemal.

(S E R V I C E - Sophie Reyer: "1431", Czernin Verlag, 240 Seiten, 22,00 Euro)

Quelle: Agenturen