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Reim statt Recherche: "Musketiere" auf Volkstheater-Tournee

19. Feb. 2022 · Lesedauer 3 min

Athos, Aramis und Porthos sind konsterniert. Ihr ehemaliger Kumpel D'Artagnan ist zur "Zukunftskoalition" übergelaufen und ist nun als Chef-Unterhändler zwischen Bischof und König unterwegs. Doch nun haben die Drei endlich wieder neuen Schwung und starten eine Re-Union-Show mit langen gereimten Monologen und poppigen Songs. Für "Musketiere" wurde das Veranstaltungszentrum Brigittenau am Freitagabend zum Schloss-Saal mit Blick auf die nächtliche Gloriette.

Der junge deutsche Autor und Regisseur Calle Fuhr ist seit dem Vorjahr Künstlerischer Produktionsleiter des Volkstheaters in den Bezirken. Die Programmatik der traditionsreichen Bezirke-Tournee hat er radikal umgestellt: "Was in Wien fehlt, ist das Recherche-Theater. Theater, das nicht in der Fiktion die großen Erzählungen sucht, sondern in der Realität." In "Heldenplätze" ging es um Heldenverehrung, Toni Sailer und Risse in nationalen Fassaden, in "Der Fall Julia K. - Ein Stück True Crime" um einen spektakulären Kriminalfall und das "natürliche Rechtsempfinden. "Musketiere" soll nun "ein Abend über Gemeinschaft, Loyalität und Freundschaft" sein.

Doch diesmal setzt Fuhr auf Reime statt auf Recherchen: Nicht nur, dass die Geschichte der drei um ihr Selbstwertgefühl ringenden Musketiere an sich schon sehr bemüht zusammengereimt wirkt, betätigte sich der Theatermann für sein "Bühnengedicht" auch als Reimeschmied. Wenn also ganz, Tanz und Resonanz aufeinanderfolgen, aber auch Distanz und Chance, wenn ausholen auf "rhetorische Pistolen" gereimt wird und Streit auf "begleit-et", dann ist das manchmal ganz lustig, insgesamt aber eher lästig, weil nicht abendfüllend. Was Alexandre Dumas mit heutigen Gedanken zu Politik ("nichts kam zu kurz"), Sprache und Geschlechtergerechtigkeit und Solidarität zu tun hat, die von den drei aus der Zeit gefallenen Gardesoldaten vorgetragen werden, darauf kann sich der Zuschauer keinen rechten Reim machen. Unfreiwillig stellt man bloß unter Beweis, wie fern uns das Motto "Einer für alle und alle für einen!" heute tatsächlich liegt.

Dabei ist die (per Band zugespielte) Musik von Finck von Finckenstein gar nicht übel und böte - zumal in den Ambientes der Bezirke-Tournee - durchaus ihre Möglichkeiten. Wie man das Armseligkeits-Potenzial einen abgehalfterten Entertainers gelungen ins Bild rücken kann, beweist Ulrich Seidl gerade in "Rimini". So mühen sich aber Martín Peñaloza Cecconi, Runa Schymanski und Luka Vlatković in Latzhosen und Rüschenblusen (Kostüme: Friederike Wörner) durch den Text, angereichert durch ein paar Gags, bei denen ein auf der Bühne befindlicher Ziehbrunnen (Bühne: Patrick Loibl) die wichtigste Rolle spielt.

Gegen Ende taucht D'Artagnan (Rebekka Biener) wieder auf und fragt ganz unschuldig: "Habt ihr noch ein Muske-Bier?" - "Hast Du sie noch alle?", bekommt er zur Antwort. Sein Aufruf zum gemeinsamen Unterhöhlen des Systems kommt zu spät. Aramis und Porthos hauen beleidigt ab. "Gut. Ciao. Danke für das Bier", wird ihnen nachgerufen. D'Artagnan und Athos bleiben noch ein bisschen. Für ein Duett und ein Duell. Der Degen fällt nach wenigen Sekunden. Aua! Der (imaginäre) Vorhang fällt nach 80 Minuten. Applaus! Die Musketiere reiten wieder. Demnächst in der Großfeldsiedlung in Liesing und in Großjedlersdorf.

(S E R V I C E - "Musketiere" von Calle Fuhr, frei nach Motiven von Alexandre Dumas. Uraufführung. Regie: Calle Fuhr, Bühne: Patrick Loibl, Kostüm: Friederike Wörner, Musik: Finck von Finckenstein. Mit Rebekka Biener, Martín Peñaloza Cecconi, Runa Schymanski, Luka Vlatković. Nächste Termine und Spielorte: 20.2.: VZ Großfeldsiedlung, 22.2.: VZ PAHO, 23.2.: VZ Döbling, 24.2.: VZ Liesing, 28.2.: VZ Leopoldstadt, 2. und 3.3., Theater Akzent, www.volkstheater.at )

Quelle: Agenturen