APA - Austria Presse Agentur

Regisseurin Kenterman widmet sich aussterbender Tradition

23. Sept 2021 · Lesedauer 3 min

"Mein Vater ist Deutscher, aber er hat so gut Griechisch gelernt, dass er nie mit mir auf Deutsch gesprochen hat. Das habe ich später selbst aufgreifen müssen", erzählt Sonia Liza Kenterman. Die griechisch-deutsche Regisseurin hat in Athen und London Film studiert und wurde für ihren Kurzfilm "Nicoleta" mehrfach ausgezeichnet. Nun legt sie mit "Der Hochzeitsschneider von Athen" (ab Freitag im Kino) ihr Langfilmdebüt vor und würdigt damit eine aussterbende Tradition.

"Für meine Generation war die Finanzkrise ein Wendepunkt. Es war das erste historische Ereignis, das ich miterlebt habe. Dem konnte ich nicht den Rücken zuwenden", sagt Kenterman, die 1982 geboren wurde und in Griechenland aufwuchs, im APA-Gespräch. Mit ihrem ersten Spielfilm widmet sich die Regisseurin der krisengebeutelten Gesellschaft aus der Perspektive der aussterbenden Schneidertradition. "Es war faszinierend, in diese Welt einzutauchen, ich wusste davor nichts über die Schneiderei."

Inspiration für das Skript holte sich Kenterman von einem traditionellen Stoffhändler in Athen. Die Dialoge des Films entspringen den Gesprächen zwischen dem Stoffhändler und seinen Kunden. Er machte die Regisseurin auch mit den letzten verbliebenen Schneidern Athens bekannt. Diese begleiteten die Dreharbeiten mit ihrer Expertise - von ihnen lernte Hauptdarsteller Dimitris Imellos die charakteristischen Handgriffe und Bewegungen. Der Anzug, den der Schauspieler im Film trägt, wurde ihm von einem griechischen Meister auf den Leib geschneidert. "Das war mir wichtig, letztlich wollte ich mit dem Film auch die letzten Schneider Griechenlands anerkennen."

Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der sich daraus ergebenden Notwendigkeit eines nachhaltigen Lebensstils, findet Kenterman, dass das traditionelle Handwerk wieder an Relevanz gewinnt - als Gegenentwurf zur Fast-Fashion. "Ich denke, die Idee, wenige aber dafür hochqualitative Kleidungsstücke zu besitzen, wird zurückkommen."

Durch die langwierige Produktion von "Der Hochzeitsschneider von Athen" hat Kenterman ihre eigene Geduld kennengelernt, aber auch ihre Beharrlichkeit. "Egal, wie viele Kurzfilme du schon gedreht hast - nichts kann dich auf den ersten Spielfilm vorbereiten", fasst die Regisseurin zusammen. Mittlerweile kann sie aber darüber lachen. "Jetzt, wo ich die Erfahrung des ersten Spielfilms durchlebt habe, habe ich das Gefühl, dass nichts Schwierigeres mehr kommen kann!"

Ihr nächstes Projekt ist bereits in Planung. Er soll in gleichem Maße poetisch und lyrisch werden, wie sein Vorgänger - aber in Form eines Dramas. "Und mit ein paar lustigen Momenten." Anders wäre es ein Widerspruch zum täglichen Leben, findet die Regisseurin. "Weil wir lachen in den unpassendsten Momenten. Gerade wenn wir trauern, lachen wir auch zwischendurch, um Anspannung zu lösen." Das Skript schreibt Kenterman aktuell gemeinsam mit ihrer Drehbuchautorin auf Englisch, gedreht werden soll in Deutschland. Kenterman möchte damit ihre persönliche Familiengeschichte aufarbeiten. "Das motiviert mich, mit dem Deutschlernen schneller voranzukommen!"

(Das Gespräch führte Maëlle Nausner/APA)

(S E R V I C E - www.filmladen.at/film/der-hochzeitsschneider-von-athen)

Quelle: Agenturen