APA/HANS PUNZ

Regisseur Arnarsson: "Demokratie war historischer Zufall"

05. März 2022 · Lesedauer 7 min

Mit seiner Inszenierung der "Edda" feierte der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson im Herbst 2019 am Burgtheater sein Wiendebüt. Seine "Peer Gynt"-Inszenierung fiel im Frühjahr 2020 Corona zum Opfer, nun steht am 12. März die Premiere von "Der Sturm" auf dem Programm. Im APA-Interview erläuterte er, warum er nun Shakespeare statt Ibsen inszeniert, wie Corona die Produktion in Atem hält und warum er durch die Pandemie nun hoffnungsvolleres Theater machen möchte.

APA: Wenige Wochen vor der Premiere von "Der Sturm" hat Sie Corona außer Gefecht gesetzt. Wie geht es Ihnen?

Thorleifur Örn Arnarsson: Man hat sich in den letzten beiden Jahren - auch was die Arbeit angeht - in Geduld, Demut und Gelassenheit geübt. Es war eine gute Übung, das Glas halb voll zu sehen. Corona hat unsere Proben hart getroffen, in den vergangenen fünf Wochen hatten wir nie die ganze Mannschaft bei den Proben. Aber es herrscht trotzdem eine sehr gute Stimmung.

APA: Plant man da schon von vornherein einen gewissen Puffer ein?

Arnarsson: Wir hatten ursprünglich viel Zeit. Aber ich komme ja weniger aus der strengen konzeptionellen Regie, sondern bin einer, der noch auf den Proben viele Ideen sammelt und auslotet, was in so einem komplexen und wunderbaren Stoff drin steckt, um dann gemeinsam mit den Schauspielerinnen und Schauspielern die Narration und die Ästhetik nach außen zu bringen.

APA: Ursprünglich wollten Sie "Peer Gynt" inszenieren - warum nun Shakespeares "Der Sturm"?

Arnarsson: "Der Sturm" ist eine Tragödie in der Verkleidung einer Komödie. In diesem Stück ist es so, als hätte man "König Lear" in "Viel Lärm um nichts" gesteckt und dann alle auf der Heide ausgesetzt. Plötzlich tauchen auch "Macbeth" und "Romeo und Julia" auf. Die Magie dieses Stücks liegt nicht zuletzt in dem, was nicht gesagt wird und welche Träume und welches Scheitern im Hintergrund stecken. Es ist Shakespeares letztes Stück, und es wird viel reininterpretiert. Ich glaube, ich hätte es früher in meiner Karriere nicht gemacht, ich wäre nicht reif dafür gewesen. Aber jetzt ist es meine zwölfte Shakespeare-Produktion, es ist wie mit einem alten Freund. Auf einer Ebene geht es ja auch um künstlerisches Machen und Scheitern.

APA: Was reizt Sie an Shakespeare?

Arnarsson: Shakespeare ist ja immer an menschlichen Strukturen, an Dreidimensionalität und auch Widersprüchen interessiert. Ich glaube, wir Menschen sind viel widersprüchlicher, als wir scheinen. Bei Shakespeare bekommt man Einblick in den Menschen. Seine Stücke wurden für leere Bühnen geschrieben, diesmal wird tatsächlich eine Tabula Rasa geschaffen, in die Menschen aus ihren Machtstrukturen reingeladen werden mit der Absicht, dass sie in ihrem Verhalten den Fehler sehen.

APA: Die Möglichkeit der Einkehr, eine gewisse Tabula Rasa, gab es ja auch durch Corona ...

Arnarsson: Wir leben in einer Zeit, in der die Welt ver-rückt ist. Die Coronazeit hat uns damit konfrontiert, wie viele unsichtbare Strukturen um und in einem sind. Und wenn man denen plötzlich nicht mehr nachgehen kann, dann taucht auch Angst auf, aber auch Erneuerungsdrang. Diese Dialektik ist etwas, das einen antreibt. Das Theater ist ja vielleicht auch die einzige Kunstform, die wahrlich nicht existiert hat, als das Publikum nicht kommen durfte. Rembrandt bleibt Rembrandt, auch wenn er nachts allein im Museum hängt. Konzerte kann man aufnehmen, aber Schauspiel ohne Zuschauer ist keine Kunst. Theater sind Gebäude, in denen es darum geht, den leeren Raum im Zentrum zu definieren. Theater ist ein Ort der Metaphern, der nur durch die Anwesenheit des Publikums belebt wird.

APA: Mit dem Krieg in der Ukraine sind wir nahtlos in die nächste Krise eingetaucht ...

Arnarsson: Mit dem Schrecken, der gerade in der Ukraine passiert, wird wieder deutlich, dass Demokratie nur ein historischer Zufall ist. Nur weil wir in eine Demokratie hineingeboren wurden, haben wir sie immer als selbstverständlich gesehen. Jetzt gibt es wieder die Autokraten, die eine klare Narration verfolgen. Das sind auch die Fragen des Stücks. Der ausgestoßene Prospero hat Bücher - das Wissen - auf die Insel mitgenommen und veranstaltet dort ein Menschenexperiment. Das hat auch etwas Utopisches, Revolutionäres: Menschen zu zwingen, die Wahrheit zu sehen, was an sich widersprüchlich und zum Scheitern verurteilt ist.

APA: Hätten Sie das Stück vor Corona anders inszeniert?

Arnarsson: Die Entscheidung für "Der Sturm" fiel, weil es ein Stoff ist, der den Anspruch erfüllt, dass er nicht nur im Gesagten das anspricht, was uns alle beschäftigt. Es ist ein Stoff der Magie, durchdrungen von dem Glauben an den menschlichen Geist. Daher ist auch die Musik an diesem Abend sehr wichtig.

In unserer Gesellschaft läuft viel zu viel über den Kopf. Das sieht man auch in der Debatte rund um Corona. Jener Teil des Gehirns, der für den Instinkt vorgesehen ist, wurde durch die Aufklärung und den Fortschritt vernachlässigt. Die Querdenkerdebatte ist ja keine Debatte der Logik, sondern der Emotionen und nicht vereinbar mit rationaler Politik. Das ist eine Krise, eine Katastrophe in der gesellschaftlichen Seele.

APA: Zurück zum Theater. Sie inszenieren nun regelmäßig am Burgtheater. Haben Sie das Gefühl, dass Sie angekommen sind, wo Sie immer hinwollten?

Arnarsson: Wenn Corona einem wirklich geholfen hat, ist es zu wissen: Alles was Karriere heißt, ist eigentlich nur Staub im Wind. Das Burgtheater ist ein unfassbar schönes Haus, und als junger Regisseur möchte man unbedingt mit diesen großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern hier arbeiten. Aber ich glaube, ich habe alle Ratschläge, wie man an einem Staatstheater Karriere machen kann, bisher nicht beachtet, und es scheint trotzdem okay zu laufen. Vielleicht sollte ich da weiter auf meinen Instinkt vertrauen.

APA: In letzter Zeit werden immer mehr Stimmen laut, die "mehr Unterhaltung" und "weniger Schwere" am Theater fordern. Ein bekannter Theaterautor meinte kürzlich, dass er nicht daran denkt, sich davon beeinflussen zu lassen. Wie gehen Sie damit um?

Arnarsson: Ein Künstler hat das totale Recht zu sagen, dass er sich von der aktuellen Lage nicht beeinflussen lässt. Aber als Regisseur arbeitet man im Jetzt. Texte können auch noch in 50 Jahren inszeniert werden, die Regie muss aber am Puls der Zeit bleiben. Ich zum Beispiel möchte jetzt ein hoffnungsvolleres Theater machen, weil die Welt dringend Hoffnung braucht. Das heißt ja nicht, dass man sich nicht mit schwierigen Themen auseinandersetzt. Man sollte im Theater, wie im Leben, immer beide Seiten der Medaille betrachten.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Der Sturm" von William Shakespeare. Premiere am 12. März, 19.30 Uhr im Burgtheater. Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Bühne: Elín Handóttir, Kostüme: Karen Briem, Musik: Gabriel Cazes. Mit u.a. Michael Maertens, Dietmar König, Maria Happel, Mavie Hörbiger und Florian Teichtmeister. Infos und Tickets unter www.burgtheater.at)

(ZUR PERSON: Thorleifur Örn Arnarsson wurde 1978 in Reykjavík als Sohn eines isländischen Schauspielerehepaars geboren, seine Schwester ist die Schauspielerin Sólveig Arnarsdóttir. Er studierte zunächst Schauspiel an der Kunstakademie Islands und arbeitete anschließend in verschiedenen Theatern in Island, Helsinki und Sydney als Regisseur. Regie studierte er in Berlin, wo er ab der Spielzeit 2019/20 als Schauspieldirektor der Volksbühne fungierte, ehe René Pollesch 2021 dort die Leitung übernahm.)

Quelle: Agenturen