Osterfestspiel-"Rheingold": Noch ein Machtkampf in Salzburg
Der derzeit gehypte Kirill Serebrennikov präsentiert eine in sich sehr stringent gedachte und besetzte Inszenierung des Wagner-Werks. Keineswegs einschmeichelnd, keineswegs lieblich, sondern mit Ecken und Kanten wird der Auftakt der gewaltigen "Ring"-Tetralogie hier begangen, die in den kommenden Festspielzeiten vollendet werden soll.
Es ist eben ein archaisches Setting, in das der 56-jährige Serebrennikov diesen archaischen Stoff stellt. Irgendwo angesiedelt zwischen isländischen Vulkanfeldern und Mad Max sind die Nibelungen, also die Zwerge, erdverschmierte Barbaren mit Goldschmuck, der Heinrich Schliemann froh gemacht hätte. Die Götter sind im Kontrast hierzu weißgewandete Bürger, die Riesen fellbewehrte Urviecher. Es ist eine Dystopie aus der Vergangenheit, eine uralte Erzählung.
Den Humus dieser Welt bilden gestockte Lavaströme, von denen sich die Götter auf Planken abheben. Zugleich finden sich diese erkalteten Glutflüsse nicht nur auf der Bühne selbst. Über der Spielfläche schweben gleichsam tanzende Leinwände, die das Geschehen erweitern, an manchen Stellen aber auch einen gezielten Farbakzent im primär grau gehaltenen Ambiente setzen. Dennoch liefert Serebrennikov mit diesem "Rheingold" kein Technikspektakel, sondern eine Arbeit, die vornehmlich auf Klarheit und in ihrer Rohheit beinahe auf Eleganz setzt.
Stringent besetztes Ensemble
Und eben diese Komponenten sind es auch, die das Sängerensemble bestimmen, das sich als sehr stringente, homogene Besetzung präsentiert. Ein wenig ambivalent fällt dabei das Rollendebüt des Liedmeisters Christian Gerhaher in der für ihn ungewohnt tiefen Partie des Wotan aus. Der an der Textverständlichkeit des Kunstlieds geschulte Sänger weiß seine Partie mit ungewohnter Klarheit und Verständlichkeit zu interpretieren, gibt dem an sich mächtigen Göttervater jedoch eine ebenso ungewohnte Schärfe mit und hadert bisweilen mit den Tiefen der Rolle.
Brenton Ryan ist ein grandios diabolisch-flamboyanter Loge, Leigh Melrose ein agiler, fast jugendlicher Alberich im Kampf um die Macht. Und der Volksopern-Star Jasmin White ist eine glasklare Erda ohne Schnörkel und somnambule Verschattung. Alle eint mit wenigen Ausnahmen der absolute Fokus auf den Text, die zurückhaltende Intonation und das Bekenntnis zum Musiktheater anstelle der Bravourinterpretation.
Die Stars sind die Berliner
Dass dieser Ansatz möglich ist, verdankt der Abend aber vor allem den eigentlichen Stars - den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko, die nach Jahren in Baden-Baden nun wieder nach Salzburg zurückgekehrt sind. Der frenetische Applaus am Ende ist dabei nicht nur auf die Dankbarkeit des Publikums über die Rückkehr des Spitzenklangkörpers an die Salzach zurückzuführen, sondern galt auch einer herausragenden Leistung des zweiten Kirills dieses Abends.
So spielen die Berliner über weite Strecken ganz zart, transparent, liefern eine beinahe kammermusikalische Interpretation der gewaltigen Partitur in der nicht minder enormen Felsenreitschule. Bisweilen fühlt man sich an eine der Originalklanginterpretationen erinnert. Die Tempi sind oft gediegen, was nicht heißt, dass hie und da kein gewaltiger Ausbruch erfolgen kann und etwa beim Auftritt der Riesen der gesamte Orchestergraben vibriert.
Dies fällt jedoch ausschließlich in die konzertanten Passagen, denn Kirill Petrenkos Dirigat steht unter einem großen Primat: Die Textverständlichkeit des Sängerensembles. Wer hätte gedacht, dass die Berliner derartige Meister im Understatement sind und sich vollends zurücknehmen können im Dienste des Gesangs?
Der archaische Machtkampf geht weiter
An diesem Abend ist bei den Osterfestspielen wieder zusammengewachsen, was zusammengehört. Das macht neugierig auf "Die Walküre" des Jahres 2027. In der Zwischenzeit können Kulturfreundinnen und -freunde die Wartezeit mit einem anderen archaischen Kampf um die Macht überbrücken. So wird wohl alsbald die Frage beantwortet, ob Intendant Nikolaus Bachler demnächst mehr als nur die überschaubaren Osterfestspiele an der Salzach verantworten wird. Es bleibt also spannend in Salzburg - auf und abseits der Bühne.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - "Das Rheingold" von Richard Wagner bei den Osterfestspielen Salzburg, Felsenreitschule, Hofstallgasse 1, 5020 Salzburg. Musikalische Leitung der Berliner Philharmoniker: Kirill Petrenko, Inszenierung/Bühne/Kostüme: Kirill Serebrennikov, Licht: Sergey Kucher, Video: Yurii Karikh. Mit Wotan - Christian Gerhaher, Donner - Gihoon Kim, Froh - Thomas Atkins, Loge - Brenton Ryan, Alberich - Leigh Melrose, Mime - Thomas Cilluffo, Fasolt - Le Bu, Fafner - Patrick Guetti, Fricka - Catriona Morison, Freia - Sarah Brady, Erda - Jasmin White, Woglinde - Louise Foor, Wellgunde - Yajie Zhang, Floßhilde - Jess Dandy. Weitere Aufführungen am 1. und 6. April. https://osterfestspiele.at/programm/2026/das-rheingold )
Zusammenfassung
- Die Osterfestspiele Salzburg eröffneten am Freitagabend mit Wagners "Das Rheingold" in einer Inszenierung von Kirill Serebrennikov.
- Das Bühnenbild zeigte eine archaische, dystopische Welt zwischen isländischen Vulkanfeldern und Mad Max, geprägt von gestockten Lavaströmen und tanzenden Leinwänden.
- Christian Gerhaher gab sein Rollendebüt als Wotan, während Brenton Ryan als Loge und Leigh Melrose als Alberich das homogene Ensemble ergänzten.
- Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko lieferten eine kammermusikalische Interpretation, bei der Textverständlichkeit und Understatement im Vordergrund standen.
- Als nächster Teil der "Ring"-Tetralogie ist "Die Walküre" für 2027 angekündigt, während Unklarheit über die künftige Leitung der Osterfestspiele herrscht.
