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Notate von Peter Handke: "Innere Dialoge an den Rändern"

02. Mai 2022 · Lesedauer 3 min

Peter Handke ist ein stetig Wandernder, ein ständig Schreibender, ein dauernd Notierender. Er hält fest, was ihm durch den Kopf geht, ihn anspringt und beschäftigt. Kurz nach seinem "Zwiegespräch" zwischen "zwei besondere Narren" ist nun auch ein weiterer Journalband des Nobelpreisträgers erschienen. "Innere Dialoge an den Rändern. 2016-2021" bietet wieder einen Blick in die Poeten-Werkstatt.

Viele Eintragungen beziehen sich unmittelbar auf Entstehendes. 2016 schreibt er an der "Obstdiebin", häufig auch "Einfache Fahrt" genannt, so dass man den Eindruck gewinnen könnte, der 2017 erschienene Roman "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" sei eine Verbindung aus zwei lange parallel betriebenen Projekten. Mit der Niederschrift beginnt er am 1. August 2016 und ermahnt sich schon bald: "Vergiß nicht, daß die Obstdiebin Parzivals Schwester ist, so unbeholfen auch, so vernarrt in die 'Blutstropfen im Schnee'." Viel später heißt es: "Die Obstdiebin beendet; schon wahr: Jeder Verausgabung folgt jene 'Schwade des Neuen' (auf zu 'Zdenek Adamec')".

In der Folge kann man die Recherche-Reisen Handkes zu Adamec' Wohnort Humpolec nachvollziehen, später das Schreiben an "Das zweite Schwert" und an "Mein Tag im anderen Land: Eine Dämonengeschichte". Für Germanisten ist das eine Fundgrube, ein unerlässlicher Materialbestand, auf den zurückgreifen muss, wer sich mit den Werken dieser Jahre beschäftigt. Für den einfachen Leser ist das irrelevant bis uninteressant. Von allgemeiner Bedeutung sind diese Nebenarme im Fluss der Gedanken kaum.

Aber es gibt ja auch anderes. Vieles kann als Aphorismen durchgehen. "Du bist zu ernst. - Man kann nicht ernst genug sein.", liest man etwa, oder: "Nichts ist zu gewinnen, aber alles zu verlieren, und so vergeht das Leben." Oder: "Vorwurf an mich selber: 'Ich verstehe dich nicht!'" Und immer wieder das Messen am eigenen Anspruch: "Schreiben im Ausnahmezustand. Nur solch ein Schreiben darf 'Schreiben' heißen." Oder am Palmsonntag 2017: "Was ist für dich dein Schreiben. Aufschreiben, Niederschreiben, Weiterschreiben? - In der Pflicht sein. - Und was ist, was gibt, was tut dieses In-der-Pflicht-Sein? - Dasein. Mitdasein."

Immer wieder zitiert Handke aus Werken der Weltliteratur, von Tolstoi oder Goethe, Mörike oder Stifter. Einen besonderen Spaß hat er dabei, eine Vielzahl von elften Geboten zu erfinden (etwa: "Geh, wo du noch nie gegangen bist!", oder: "Lange Sätze, kurze Worte"). U.S. heißt eine Untergattung seiner Journal-Notizen (als Abkürzung für "Unwillkürliches Selbstgespräch"), "Aus der Nacht" eine andere: "Ein Jahr aus der Nacht gesprochen" hieß 2014 ein Buch, für das Handke an jedem Tag des Jahres "aus Schlaf und Traum im Erwachen einen Satz geborgen und aufgeschrieben" hat.

Nur selten bricht Reales ein in dieses poetische Paralleluniversum. Am 8. Oktober 2016 notiert er etwa: "Meine Mutter 96 Jahre alt." Ein anderes Mal heißt es: "Islamistischer Terror in Nizza: Aber ihr Sprengsatzleute werdet mir die Weltweite nicht nehmen!" Auch sein Zweitwohnsitz in der Picardie taucht immer wieder auf in den Notizen. Mitte Oktober sucht man jedoch vergebens nach einem Widerhall des Anrufes von der Schwedischen Akademie. Die Zuerkennung des Nobelpreises hinterlässt kaum Spuren. Am ehesten wohl in einer kurzen Betrachtung über den Unterschied zwischen Glück und Freude. Ansonsten jedoch: zitterndes Regenwasser in der Stängelmulde eines Apfels und zwitschernde Vögel im Morgengrauen. Das gilt dann auch für die hereinbrechende Corona-Zeit: "15. Tag Quarantäne: Die Vögel tun als ob nichts wäre. - Ja, zu tun als ob, ist eine Kraft."

(S E R V I C E - Peter Handke: "Innere Dialoge an den Rändern. 2016-2021", Jung und Jung, 384 Seiten, Klappenbroschur, 26 Euro)

Quelle: Agenturen