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Noiseband Gewalt entführt ins "Paradies"

02. Nov 2021 · Lesedauer 5 min

Wenn eine Band wie Gewalt ins "Paradies" entführt, dann ist das eine besondere Angelegenheit: Die deutsch-österreichische Noiserock-Formation hat die vergangenen Jahre eine Single nach der anderen vorgelegt, um sich nun an ihr Debütalbum zu wagen. Darauf gibt es viel Wut, Lärm und Energie, aber auch nachdenklich machende Momente. "Wir haben gemerkt, dass es bei Gewalt darum geht, bei sich selber etwas zum Schwingen zu bringen", so Sänger Patrick Wagner.

Seit 2015 gibt es Gewalt in der Musiklandschaft: Wagner, seines Zeichens früher bei Surrogat für Wut und harte Riffs zuständig sowie mehrere Jahre Labelbetreiber, lärmt hier gemeinsam mit Gitarristin Helen Henfling. Nachdem anfangs die Bassistin mehrfach gewechselt wurde, ist die Wienerin Jasmin Rilke nun schon länger für die tief brummenden Töne zuständig. Gemeinsam hat das Trio, unterstützt vom Drumcomputer, zehn neue Stücke eingespielt und das bisherige Bandschaffen auf eine zweite CD gepackt.

"Eigentlich wollten wir wie früher nur Singles aufnehmen", rekapituliert Henfling im APA-Interview. "So haben wir das schließlich immer gemacht." Durch Corona hatte man aber mehr Zeit und letztlich wohl auch mehr Ideen, entstand doch Song über Song über Song. "Wir haben gemerkt, dass eine Single allein für uns nicht mehr richtig kickt", ergänzt Wagner. "Und schließlich hatten wir genug Stücke für ein Album. Wenn wir sowas machen, dann muss es aber richtig rappeln." Also entstand die Idee zu einem Doppelalbum sowie einer begleitenden Buchveröffentlichung. "Das hat eine Dichte, die zu Gewalt passt."

Was auch zum Trio passt: wütende Texte, eine dem Industrial entliehene Kälte sowie viel, viel Kraft. Insofern sind die zehn neuen Lieder natürlich Geschwister des bisherigen Oeuvres, aber gleichzeitig markieren sie auch einen Aufbruch zu neuen Ufern. "Es sind ganz viele neue Töne", nickt Wagner. "Wir lehnen uns sehr viel weiter aus dem Fenster und tun Dinge, die wir eigentlich nicht können. Das ist auch unser Credo, und wir glauben sehr stark daran. Dadurch kommen wir an Punkte, die interessant sind - für andere, besonders aber für uns." Da erinnert "Stumpfer werden" mal an Rammstein, während "3.35 Uhr" als somnambule Ballade gefällt.

Die textliche Schärfe, die beizeiten desillusionierte Direktheit, sie habe sich durch Corona noch verschärft, meint Wagner. "Kein Wunder, wenn sich Leute um Klopapier kloppen oder impfneidisch sind", schüttelt der Sänger den Kopf. "Die haben sich in der U-Bahn angeschrien, weil einer eine Maske trägt und der andere nicht." Einen Text wie "Gier" hätte er vorher wohl nicht geschrieben. "Mir wurde wirklich klar: Es ist nicht die Liebe oder der Genpool, der uns verbindet - es ist die Gier! Sie ist weltumspannend. Corona bedeutet ja auch Börsenhöchststände. Das Geld hat nichts mehr mit Menschen zu tun, es ist komplett entkoppelt. Es kann alles den Bach runter gehen, dennoch gibt es Leute, denen es besser geht als jemals zuvor. Und Jeff Bezos fliegt ins All." Sarkastischer Nachsatz: "Das empfinde ich ja als totale Hölle für ihn."

Das Gegenteil, nämlich tatsächlich paradiesisch war für das Trio die Arbeit am Album. "Ich habe mir immer gewünscht, dass klanglich alles eins wird. Es wird eine Kraft und funktioniert durch die Gesamtheit", so Wagner. Dazu beigetragen habe der in New York lebende Produzent Alexander Almgren, der das Album gemischt hat. "Er hat das einfach umgesetzt und mir gesagt: I just followed the energy. Dadurch hat er das Gefühl vervollständigt, das wir eh schon hatten. Solche Dinge sind einfach passiert. Deshalb heißt die Platte auch 'Paradies', weil es für uns innerhalb dieses Prozesses nur positive Sachen gab."

Für die Aufnahmen galt wiederum eine simple Maxime: "Wir haben versucht, es so roh, ungeschliffen, kraftvoll und wild wie möglich zu halten. Außer bei drei Stücken, wurde alles gleichzeitig aufgenommen", erzählt Wagner über die zweimal fünf Tage im Studio, wo man sich eingebunkert hat. "Das war optimal und hat alles intensiviert." Viel wäre geplant gewesen für 2020, "das hätte ein tolles Jahr werden sollen", wirft Rilke ein. "Stattdessen ist alles ausgefallen." Insofern war die Albumarbeit ein rettender Anker.

Was aber soll sich die Hörerschaft nun mitnehmen von Songs wie "Stirb es gleich", "Die Wand" und Co? "Das bin also ich, das ist also die Welt - also kann ich wirklich tun, was ich will", bringt es Wagner auf den Punkt. "Das wäre für mich das Bestmögliche, was die Leute mitnehmen sollen: Ich bin wirklich frei zu tun, was ich will. Die Welt nimmt keine Rücksicht auf mich, ich muss also keine Rücksicht auf die Welt nehmen." Wobei der Musiker das in einen befreienden Kontext stellt. "Lass uns eine gute Zeit haben, lass uns interessante Dinge tun, lass uns eine Kraft entwickeln und gleichzeitig nichts davon erwarten."

Seine Kolleginnen pflichten ihm bei: "Die Themen bei Gewalt können einem ganz schön Angst machen", so Henfling. "Es ist aber okay, das auch mal zuzulassen. Also diese Angst zu spüren, anstatt sie zu vergraben und immer zu sagen 'Alles ist super'." Rilke bezieht sich dabei selbst mit ein: "Vielleicht findet der ein oder andere Mensch mehr zu sich selbst. Das habe ich auch erlebt durch diese Band, weil ich generell einen nicht so guten Zugang zu mir selbst habe." In der Gewalt letztlich eine erlösende Kraft finden. Dann lockt vielleicht das "Paradies".

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.gewalt.berlin)

Quelle: Agenturen