APA - Austria Presse Agentur

Neuer Venedig-Roman von Gerhard Roth erschienen

24. Feb 2021 · Lesedauer 4 min

Venedig hat es dem österreichischen Autor Gerhard Roth angetan. 2017 begann er mit "Die Irrfahrt des Michael Aldrian" eine Roman-Trilogie, die er in "Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier" (2019) fortführte. Nach seinem vor wenigen Wochen erschienenen Bildband "Venedig. Ein Spiegelbild der Menschheit" ist nun sein dritter Venedig-Roman erhältlich. Benannt ist er nach einem Shakespeare-Zitat: "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe."

Der prominente österreichische Comictexter und -zeichner Klemens Kuck stirbt an den Folgen eines Sturzes über eine venezianische Brückentreppe. Seine Witwe, die am Kunsthistorischen Museum angestellte Kunsthistorikerin Lilli Kuck, reist in die Lagunenstadt, um Näheres über die Umstände seines Todes in Erfahrung zu bringen. Sie spürt: Etwas stimmt daran nicht. Nicht zuletzt die Tatsache, dass er bereits vier Wochen in Venedig war, aber in keinem Hotel wohnte (auch nicht in jenem, das er seiner Frau angegeben hatte), lässt sie befürchten, dass er ein Doppelleben, vielleicht auch eine geheime Geliebte gehabt hatte. Roth verliert keine Zeit: Schon auf Seite 16 lässt er seine Protagonistin in Venedig ankommen. Und es beginnt jene Mischung aus verblüffenden Zufällen, touristischem Interesse und kriminalistischen Rätseln, die Roth in den beiden vorangegangenen Romanen kultiviert hatte.

Lilli begegnet in der Folge dem im ersten Roman titelgebenden langjährigen Opern-Souffleur Aldrian, der mittlerweile als Zauberkünstler arbeitet, nimmt die Spur ihres Mannes auf, findet dessen geheimes Quartier in einem Möbelgeschäft, trifft seinen Vater und seinen Zwillingsbruder, von dessen Existenz sie nie etwas ahnte, und wird Zeugin eines Polizistenmordes. Es ist bereits die dritte derartige Tat innerhalb von sechs Wochen, erfährt sie von der Polizei. Ein Notizbuch ihres Mannes, aus dem hervorgeht, dass er an beiden Tatorten gewesen war, weckt den Verdacht, ihr Mann könnte den Tätern auf der Spur gewesen sein. Es beginnen höchst verwickelte Ereignisse.

Gerhard Roth hat den Bauplan seiner Trilogie beibehalten. Teilweise ziellos, teilweise anhand der Aufzeichnungen ihres Mannes, erkundet die Protagonistin die Stadt und diesmal vor allem die verschiedenen Inseln der Lagune. Es gibt viele Vaporetto-Fahrten in diesem Buch, und Lillis Radius ist deutlich größer als der eines herkömmlichen Venedig-Touristen. Immer wieder finden sich dabei Gelegenheiten, kunst- und kulturhistorisches Wissen (inkl. Abbildungen) einfließen zu lassen oder detailreich Straßenszenen und alltägliche Beobachtungen zu schildern. Hier ist der Autor ganz in seinem Metier.

Seine Hauptfigur, deren Wegen und Irrwegen man folgt, ist jedoch keine Führerin, der man sich gerne anschließen möchte. Sie erweist sich als geradezu verstörend sprunghaft, ändert immer wieder ihre Pläne, legt fast zu jeder Tages- und Nachtzeit mal kurz ein Nickerchen ein, um anschließend sofort wieder aufzubrechen. Viele Gläser Spritz und einige Ohnmachten begleiten ihren Weg. Die Ermittler, die mit ihr Kontakt halten wollen, sind irritiert, nicht zuletzt, weil sich die Polizistenmordserie fortsetzt und Lilli wie schon zuvor ihr verstorbener Gatte immer irgendwo dabei ist, so dass sie sich selbst verdächtig macht.

Der Krimi wird immer mysteriöser. Bald tritt auch der geheimnisvolle Milliardär Egon Blanc aus dem Vorgängerroman auf den Plan. Bei ihm scheinen die Fäden zusammenzulaufen, doch man schwant: So wie es Gerhard Roth darum geht, die einzelnen Figuren und Erzählstränge seiner Trilogie miteinander zu verbinden, geht es ihm mehr um das Sujet des Kriminalromans an sich, um die grundsätzliche Verbindung von heller Oberfläche und düsterem Inneren, von Alltag und Verbrechen, als um die nachvollziehbare Entwicklung eines Kriminalfalls. Statt Spannung, Vermutung und Aufklärung gibt es vor allem eines: Verwirrung.

Für Lilli ist Venedig "die Stadt, die alle gegensätzlichen Eigenschaften des Menschen repräsentierte wie keine andere, eine steinerne Bibliothek, in der nachzulesen ist, wozu ein Mensch fähig ist". Das Gleiche gilt wohl auch für den Autor. Umso trauriger, dass der S. Fischer Verlag signalisiert, es handle sich bei "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe" um Gerhard Roths Abschied von Venedig: "Er wird, sagt er selbst, die Stadt, die er sein Leben lang bereist und beschrieben hat, wohl nicht mehr wiedersehen. Zurück aber bleibt seine große Liebeserklärung: an Venedig, die Kunst und das Leben."

(S E R V I C E - Gerhard Roth: "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe", S. Fischer, 256 Seiten, 23,70 Euro)

Quelle: Agenturen