Neuer Roman John Grishams heißt "Der Verdächtige"

03. Mai 2022 · Lesedauer 4 min

John Grisham ist ein Schriftsteller von bemerkenswerter Zuverlässigkeit. Seit seinem erfolgreichen Debüt "Die Jury" aus dem Jahr 1989 veröffentlicht er mit schöner Regelmäßigkeit Romane aus dem amerikanischen Justizsystem. Immer geht es darum, eine spannende Geschichte zu erzählen, oft aber auch darum, Missstände im System offenzulegen. "Der Verdächtige" heißt der neue Roman des 67-jährigen gelernten Juristen, der weltweit mehr als 200 Millionen Bücher verkauft hat.

Wieder einmal hat er einen neuen Aspekt des Justizsystems entdeckt, der spannende Lektüre möglich macht. Hauptfigur des Romans ist die Juristin Lacy Stoltz, die als Ermittlerin für die von Grisham erfundene Rechtsaufsichtsbehörde des Bundesstaates Florida arbeitet. Ihr Auftrag ist es, intern und geheim Beschwerden gegen Richter und andere ranghohe Vertreter der Justiz zu bearbeiten. Grisham hatte sie schon einmal als Hauptfigur in seinem Roman "Bestechung" eingesetzt.

Der neue Fall beginnt für Lacy Stoltz, als sie von einer merkwürdigen Frau angesprochen wird. Die Frau heißt Jeri Crosby, aber sie benutzt alle möglichen Namen. Die Geschichte, die sie erzählt, ist wahrlich haarsträubend. Ihr Vater ist vor 20 Jahren ermordet worden, aber der Täter wurde nie gefunden. Jeri Crosby ist überzeugt, dass sie den Täter identifiziert hat. Und nicht nur das. Der Mann, den sie für den Mörder ihres Vaters hält, soll noch weitere Menschen umgebracht haben. Davon ist sie nach ihren Nachforschungen überzeugt.

Dies wäre eine interessante Ausgangssituation für einen klassischen Kriminalroman. Aber Grisham hat sich für seine Geschichte eine besondere Wendung ausgedacht. Der Mann, den Jeri Crosby für einen Mörder hält, ist amtierender Richter an einem Gericht in Florida. Also jemand, der schon durch seine Person das Rechtssystem verkörpert. In den USA, wo viele Richter in ihre Ämter gewählt werden, genießen die Angehörigen dieser Profession besonderes Vertrauen und enormen Respekt.

Grisham nimmt sich viel Zeit, um die Vorgeschichte der Ermittlungen darzulegen. Gut die Hälfte des rund 400 Seiten langen Romans vergeht, bis Richter Ross Bannick zum ersten Mal als Figur im Roman auftaucht. Mit dem Richter hat John Grisham einen formidablen Gegenspieler für die Ermittlerin geschaffen. Er weiß nicht nur, was er getan hat und was nicht, er ist vor allem ein absoluter Experte in allen juristischen Fragen. Einen großen Teil seiner Spannung bezieht der Roman aus dem Wettstreit der juristischen Schachzüge. Die Ermittlerin und der Richter sind ebenbürtige Gegner auf einem spannenden und komplexen Feld.

In "Der Verdächtige" wirft John Grisham wichtige Fragen auf, was die Möglichkeit betrifft, im amerikanischen Rechtssystem auch Gerechtigkeit zu garantieren. Da im politischen System der USA gerichtliche Entscheidungen eine sehr große Rolle spielen, bekommt die Frage nach der Rolle und der Qualifikation der mächtigen Entscheider eine zentrale Rolle.

Der Autor will mit "Der Verdächtige" mehr als Unterhaltung bieten. In einem Interview mit der "New York Times" erzählte er von seiner Arbeit mit einem Projekt, das zu Unrecht Verurteilten helfen will. Grisham engagiert sich dort seit Jahren und ließ sich davon zu seinem Roman "Die Wächter" inspirieren: "Es gibt so viele Fehlurteile, die aufmerksame Richter vermieden hätten. Es gibt tausende Fälle von Richtern, die ihrer Aufgabe nicht gerecht werden und fehlerhafte Aussagen zulassen. So etwas richtet gewaltigen Schaden an."

Wären die Richter nicht so unantastbar, könnten sie sich solche mitunter tragischen Fehler nicht erlauben. Und es wäre möglich, einem kriminellen Richter wie dem aus dem Roman besser beizukommen. All das erzählt Grisham im Rahmen eines Spannungsromans, der seine Botschaft subtil vermittelt und dabei hervorragend unterhält.

(S E R V I C E - John Grisham: "Der Verdächtige", Heyne Verlag, München, 412 Seiten, 22,70 Euro)

Quelle: Agenturen