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Neue Saison im Musikverein: "Von Herzen zu Herzen"

Heute, 18:30 · Lesedauer 5 min

Der Wiener Musikverein bleibt in Zeiten des Umbruchs ein Fels in der Brandung und bietet auch in der kommenden Saison ein Potpourri der großen Klassikstars. Klingende Namen wie Anne-Sophie Mutter oder Franz Welser-Möst feiern persönliche Jubiläen mit Residenzen. Das Kompendium an ungewöhnlicheren Formaten wird um zwei weitere ergänzt, und man feiert Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und würdigt "Beethovens Sargschlüssel".

Das Ziel für Musikvereinschef Stephan Pauly ist die Waage zwischen Bewahren und Experiment. "Wir versuchen als Musikinstitution, mit programmatischen Ansätzen und mit Reihen auf Themen der Zeit zu reagieren. Das ist unser Weg, mit der Gegenwart in Kontakt zu sein", machte der Musikmanager im APA-Gespräch deutlich. Zugleich gelte aber: "In Zeiten, in denen Umbruch stattfindet und die viele Menschen als unsicher empfinden, ist ein Konzert auch eine Quelle von Energie. Man kann Energie und Lebensfreude tanken durch die Stücke. Die kommen von Herzen und gehen zu Herzen."

Herzensprojekte sind auch die Residenzen der vier Fokuskünstlerinnen und -künstler. Franz Welser-Möst schaut bei seiner letzten Europatournee mit dem Cleveland Orchestra vorbei, gestaltet etwa aber auch mit dem Singverein, dessen Ehrenmitglied er ist, ein Chorkonzert. Yuja Wang ist in ihrer Experimentierfreude zu erleben, während Anne-Sophie Mutter ihr persönliches halbes Jahrhundert Konzerttätigkeit unter anderem mit gesellschaftspolitischen Botschaften feiert, wenn sie etwa ihren Auftrag an die iranische Komponistin Aftab Darvishi für ein Solowerk für Violine spielt und damit an die Frauen im Iran erinnert. Und Maxime Pascal dirigiert ein breites Spektrum von der Berlioz-Totenmesse mit den Wiener Symphonikern bis zu "Roi Ubu" von Bernd Alois Zimmermann.

"Das Schöne ist: sich mit den KünstlerInnen zu treffen und zu sagen: Worauf habt ihr Lust, was sich vielleicht woanders nicht verwirklichen lässt? So sind bei allen Residenzen sehr individuelle Programme entstanden, die sehr viel über diese vier erzählen", umriss Pauly das Konzept: "Wir machen Programme für Menschen von heute, mit den Künstlern von heute."

Buntes Beethoven-Jubiläum

Dass 2027 ein Beethoven-Jubiläumsjahr zum 200. Todestag wird, lässt man im Musikverein selbstredend nicht an sich vorbeiziehen. Unter anderem wird Welser-Möst die Wiener Philharmoniker für die "Missa Solemnis" dirigieren, während Daniele Gatti die Sächsische Staatskapelle Dresden durch alle neun Symphonien des Komponisten führt. Und nicht zuletzt wird Igor Levit alle 32 Klaviersonaten des Komponisten an acht Abenden spielen. "Das ist ein Projekt, das wir vor vielen Jahren schon vereinbart haben", freut sich Pauly auf die Umsetzung des Vorhabens durch den Pianisten.

Und in gewissem Sinne wird 2027 auch das Musikfest im Geiste Beethovens stehen. Dabei geht man stets von einem Objekt aus der Musiksammlung aus - in diesem Falle dem Sargschlüssel zum dritten Begräbnis von Beethoven. "Alle drei Beerdigungen von Beethoven waren von allergrößter Teilnahme der Bevölkerung geprägt. Deswegen ist der Schlüssel quasi ein Symbol für die enorme Verehrung, die Komponisten zukommen kann und für die Liebe zur Musik überhaupt." Als Inspiration stehen beim Musikfest unter dem Titel "Kult!" nun Werke im Fokus, bei denen Tonsetzer anderen Tonsetzern ihre Referenz erweisen.

Zwei Komponistinnen im Fokus

Aber nicht nur auf den Jahresjubilar, sondern auch zwei Komponistinnen möchte man ein Schlaglicht richten. Man setzt die Serie fort, je eine Tonsetzerin aus der Musikgeschichte und eine zeitgenössische Kollegin in den Fokus zu nehmen. "Das Anliegen dahinter ist, einen Kontrapunkt zu setzen. Wenn man sich die Werke ansieht, die weltweit im Konzertgeschehen gespielt werden, dann ist das natürlich ganz wesentlich männerdominiert", macht Pauly deutlich. 2026/27 würdigt man deshalb mit Emilie Mayer (1812-1883) eine Zeitgenossin von Richard Wagner und spielt etwa eine Symphonie, ein Klavierkonzert oder Lieder der Deutschen. Und gemeinsam mit Wien Modern präsentiert man ein ganzes Panorama des Œuvres der Italienerin Francesca Verunelli.

Eine weitere berühmte Künstlerin, die in der neuen Saison zu Ehren kommen wird, ist Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, der man in Zusammenarbeit mit Wien Modern "Musikverein Perspektiven" ausrichtet. "Da wird es natürlich auch um aktuelle Gegenwartsfragen gehen, weil Elfriede Jelinek immer schon eine kluge und kritische Beobachterin der Gegenwart gewesen ist." Aus einem verstimmten Flügel, der jahrelang bei Jelinek ungenutzt zu Hause stand, entstand erst ein Stück und dann die Idee zu einem ganzen Programmreigen. Kuratiert von Claus Philipp, Bernhard Günther und Pauly finden sich nun musikalische Fixsterne wie Schubert oder Mahler neben Texte der Autorin. "Es wird ein schönes, starkes Panorama sein, durch das man Jelinek als Person, Schriftstellerin und Beobachterin unserer Zeit wahrnehmen wird", so Pauly.

Ungewohnte Formate werden weiter ausgebaut

Was man weiterhin ausbaut, sind die Formate, in denen über die Musik gesprochen wird wie die "Hör-Bar" mit Dirigent Petr Popelka. Neu im Talon sind (Markus) "Poschners Meilensteine", in denen der neue RSO-Chefdirigent Werke erläutert und die "Orgelnachklänge", in denen Martin Haselböck einige Konzerte mit dem Instrument im Goldenen Saal ausklingen lässt. "Es gab immer schon Menschen, die mit klassischer Musik aufgewachsen sind und das als Teil ihres Lebens verstehen. Und es gibt viele Menschen, die klassische Musik erst entdecken. Und für diese wollen wir Formate schaffen, die das fördern."

In dieselbe Kerbe schlägt das Programm U30, bei dem Menschen unter 30 für 20 beziehungsweise 10 Euro in den großen und in den Brahmssaal kommen. "Die Zahlen haben sich im Vergleich zur Saison vorher vervielfacht. Und wir sehen, dass die allermeisten Käufer, die dort registriert sind, Erstkäufer sind", freut sich Pauly.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

Zusammenfassung
  • Der Wiener Musikverein bietet in der neuen Saison ein breites Programm mit Klassikstars wie Anne-Sophie Mutter, Franz Welser-Möst, Yuja Wang und Maxime Pascal, die jeweils individuelle Residenzen gestalten.
  • Das Beethoven-Jubiläum 2027 wird mit Projekten wie der Aufführung aller neun Symphonien durch die Sächsische Staatskapelle Dresden und allen 32 Klaviersonaten durch Igor Levit an acht Abenden gefeiert.
  • Mit Emilie Mayer und Francesca Verunelli rückt der Musikverein gezielt zwei Komponistinnen in den Mittelpunkt, um einen Kontrapunkt zur männerdominierten Konzertlandschaft zu setzen.
  • Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wird mit dem Programmzyklus "Musikverein Perspektiven" in Zusammenarbeit mit Wien Modern geehrt, der Musik und Literatur verbindet.
  • Neue und ausgebaute Formate wie die "Hör-Bar", "Poschners Meilensteine" und das U30-Programm mit Tickets für 20 bzw. 10 Euro sollen gezielt ein jüngeres und breiteres Publikum ansprechen.