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mumok zeigt "Kollaborationen" in Kunst und Gesellschaft

29. Juni 2022 · Lesedauer 4 min

Vom vermeintlichen Kuss bis zur Verbundenheit mit dem Kosmos: Mit einer neuen Ausstellung spürt das Wiener mumok künstlerischen wie gesellschaftlichen "Kollaborationen" nach. Die Kuratoren Heike Eipeldauer und Franz Thalmair haben sich dafür vorwiegend auf die Sammlungsbestände aus den 60ern und 70ern gestützt, um nicht zuletzt "die Zusammenarbeit als gesellschaftlich notwendige Praxis" (mumok-Direktorin Karola Kraus) zu durchleuchten. Gelungen ist dies nur zum Teil.

Über zwei Ebenen erstreckt sich der vielgestaltige Parcours, der bekannte Namen wie Yoko Ono, Marina Abramovic oder Heimo Zobernig bereithält und bereits im Design gemeinschaftliche Prozesse verinnerlicht: Die vorwiegend auf weiße und transparente Wände setzende Ausstellungsgestaltung stammt nämlich von Anetta Mona Chişa und Lucia Tkáčová, die nicht nur seit über 20 Jahren zusammenarbeiten, sondern ihre Architektur vorwiegend aus wiederverwerteten Materialien zusammengesetzt haben.

Der Gedanke der Kollaboration durchzieht folglich alle sichtbaren wie unsichtbaren Ebenen der ab Samstag (2. Juli) gezeigten Schau, brauche es doch das gesamte Team für ein erfolgreiches Endergebnis. Thematisch wähnt man sich ohnedies am Puls der Zeit: "Zusammenarbeit ist angesichts von Klimakrise, Pandemie und Krieg notwendiger denn je zuvor", betonte Kraus bei der Presseführung am Mittwoch. Die Menschen würden zudem sowohl ihre Individualität stärker hervorheben wollen, als auch ein deutliches Bedürfnis nach Gemeinschaft an den Tag legen, so Eipeldauer. "Kollaborationen können letztlich auch widerständige Denk- und Handlungsmodelle sein." Zentral sei dabei das Element des Unvorhersehbaren.

Zu sehen gibt es jedenfalls einiges: Von Robert Watts' mit einem in Neonfarben leuchtenden "Rembrandt"-Schriftzug versehenen Bankerl, das auf die Werkstätten hinter den großen Heroen der Kunstgeschichte verweist, über ein kleinteiliges "Dollhouse of Poem", das auf Initiative von Kerstin von Gabain und Nino Sakandelidze entstanden ist, bis zur Videoinstallation "Breathing In/Breathing Out", die Marina Abramovic und Ulay gut 20 Minuten lang dabei zeigt, wie sie mit fest aufeinander gepressten Lippen in den Mund des jeweils anderen atmen. So wird selbst ein scheinbar harmloser Kuss zur strapaziösen Angelegenheit.

Von der denkbar kleinsten Gemeinschaftsform, dem Paar, sind es nur wenige Schritte hin zu familiären Settings oder dem Blick in die Sterne. Haus-Rucker-Co. sind etwa mit dem "Battleship" vertreten, einer auf das Space Age replizierenden Arbeit, bei der Gefühle per Knopfdruck stimuliert werden können - futuristisch eben. Nicht fehlen darf naturgemäß die legendäre Aktion "Kunst und Revolution" der Wiener Aktionisten, die mittels Diaprojektion vor Augen geführt wird. Trotz der mannigfaltigen Ausdrucksweisen bleibt das Grundthema aber nur schwer greifbar, weil zu sehr in der Schwebe. Nicht von ungefähr sprach Thalmair davon, dass die Werke in erster Linie "auf einer metareflexiven Ebene aktiv sind".

Das heißt letztlich: Kollaboration muss sich keineswegs in der Autorenschaft abbilden, sondern kann zur grundlegenden Fragestellung der Arbeiten selbst werden. Schließlich schöpft man immer aus einem Fundus, der auch bereits Existierendes umfasst. Ein Beispiel dafür wäre Stephen Prina, der mit "Exquisite Corpse" 148 der insgesamt 556 Gemälde von Manet auf einen sehr verknappten Bildraum wiedergibt, die jeweiligen Werke stets nur als Umrisse und um ein vielfaches verkleinert. Dass fruchtbare Zusammenarbeit außerdem keineswegs selbstverständlich ist, sollen Jörg Schlicks 36 Drucke "Keiner hilft Keinem", die sich bunt gemischt zwischen den weiteren Arbeiten finden, verdeutlichen.

Die thematischen Klammern wie "Allverbundenheit", "Soziale Utopien" oder "Gemeinschaft zelebrieren" finden sich nur im Katalog wieder, in den Räumlichkeiten selbst sollen sie sich von alleine erschließen - was keineswegs so einfach zu bewerkstelligen ist. Da passt es wohl, dass "Kollaborationen" zum mehrfachen Besuch lädt, sind doch auch etliche - erraten - Kollaborationen mit anderen Institutionen geplant. Einerseits ist das ImPulsTanz-Festival heuer wieder im mumok zu Gast, andererseits gibt es im September ein Diskurs- und Performanceprogramm der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ). Und nicht zuletzt können 20 Glückliche bei der Eröffnung am Freitag einen Pass des Kollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK) ergattern, der im erst zum zweiten Mal überhaupt ausgestellten temporären Passamt abzuholen ist.

(S E R V I C E - Ausstellung "Kollaborationen" von 2. Juli bis 6. November im mumok, Museumsplatz 1, 1070 Wien, Di-Do 10.00-18.00 Uhr, Eröffnung am 1. Juli um 19.00 Uhr; Katalog zur Ausstellung hrsg. von Heike Eipeldauer und Franz Thalmair, 240 Seiten, 29,80 Euro; www.mumok.at)

Quelle: Agenturen