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"Messianischer" Nick Cave auf Burg Clam

05. Aug. 2022 · Lesedauer 2 min

Nick Cave-Konzerte verkommen ja häufig zu pseudo-religiösen Fan-Andachten mit großartiger Musikbegleitung. Freitagabend ist der Australier mit seinen Bad Seeds aber fast schon mit einer Überdosis "Messianismus" auf die Bühne der Burg Clam herniedergedonnert. Ein musikalisch über weiter Strecken beeindruckendes Erlebnis, bei dem die Euphorie der Anfangsphase allerdings schlussendlich etwas zum Erliegen kam.

"Get Ready For Love" war ein massiver Opener, gefolgt von "There She Goes, My Beautiful World" und "From Here To Eternity". Was sofort auffiel: Cave, stets in feinstes Tuch gekleidet, sucht intensivsten Fan-, ja tatsächlich Körperkontakt mit seinem Publikum. Er tänzelt ständig auf einer ganz schmalen Rampe vor der eigentlichen Bühne umher, tätschelt Hände, lehnt sich oftmals mit dem gesamten Körper quasi in die "Wand" der ersten Fanreihe, gibt manchmal sogar das Mikro in Fanhände - und singt, ja brüllt vertrauensvoll seine Texte in die Leute rein. "Hinten" auf der Bühne spielen routiniert seine Bad Seeds, am auffälligsten - nicht nur wegen seiner äußerlichen Ähnlichkeiten mit einem nach Jahrzehnten entdeckten Eremiten - der ebenso freakige wie grandiose Multi-Instrumentalist Warren Ellis.

Äußerst intensiv waren auch die ruhigeren Nummern wie "Bright Horses", "I Need You" (Piano solo mit leichter Verzuckerung durch seinen dreiköpfigen Gospel-Backgrund-Chor im Glitzergewand), "Waiting For You" und "Carnage", bei dem sich endlich die Nacht über die Bühne von Burg Clam senkte. Der 64-Jährige und seine etwa gleichaltrigen Bad Seeds gaben danach wieder ordentlich Gas mit Klassikern wie "Tupelo" - der Hymne auf Elvis' Geburtsstadt, eigentlich auf Elvis himself - und einem mitreißenden "Red Right Hand".

Doch wenig später wurde das Konzert leider irgendwie seltsam: Der "Higgs Boson Blues" mit seinem skurrilen "Hannah Montana"-Mantra irritierte wegen Cave's Verhalten am Bühnenrand, das zwingend an einen Prediger erinnerte. Der Glitzer-Background-Chor tat ein Übriges, um plötzlich den Eindruck einer billigen Gospelshow aus Vegas zu vermitteln - allerdings mit nicht fassbaren Inhalten irgendeiner Art von Pseudo-Religion. Der dramaturgische Höhepunkt dieses befremdlichen Schlussteils: Bei "Ghosteen Speaks" riss Nick Cave in der Manier eines allmächtigen Heilsbringers - zu Zeilen wie: "I think they're singing to be free / I think my friends have gathered here for me / I think they've gathered here for me" - die Arme gen Himmel. Und seine tausenden Anbeter taten es ihm gleich.

Quelle: Agenturen