"Medea" in der Kammeroper: Abgesang der Heimatlosen
Von Rad bewegt sich dabei weg von der dominanten Deutung Medeas, der Prinzessin aus Kolchis, die ihre Familie verrät, um dem von ihr begehrten Griechen Jason beim Diebstahl des Goldenen Vlies zu helfen und mit diesem zu fliehen. Bei ihr ist sie nicht die Furie, die aus Rache am sie verstoßenden Ehemann die beiden gemeinsamen Söhne und die Widersacherin tötet. Diese "Medea" - die vorletzte Inszenierung in der Kammeroper vor deren sparbedingter zumindest einstweiliger Schließung mit Ende der Saison - stellt sich eher in die Tradition von Grillparzers affirmativem Zugang und Christa Wolfs Roman "Medea: Stimmen".
Medea ist in Korinth, wo das Paar Zuflucht gefunden hat, Außenseiterin, Heimatlose, die als Ausländerin nicht akzeptiert wird. Nicht der Verlust des Ehemannes Jason, der die dortige Königstochter Kreusa heiraten will, wirft sie aus der Bahn, sondern die Ausweglosigkeit, der Entzug der Zuflucht. Medea wird zum Opfer des Patriarchats, das ihr die aktive Rolle der Handelnden nicht erlaubt.
Der Kindsmord wird in diesem feministischen Blick auf den Medea-Stoff gestrichen. Dies nimmt der Figur allerdings ein gutes Stück ihrer Vielschichtigkeit, reduziert sie auf den eindimensionaleren Aspekt des Opfers anstatt ihr die zeitgleiche Ambivalenz der Täterin zu lassen. Von Beginn weg ist unstrittig, wer die Unschuldige im die Bühne (Ralf Käselau) dominierenden Gerichtssaal ist, in dem die Gesellschaft über Medea richtet.
Kontrast Schauspielerin/Sänger
Die Positionierung der Medea als "der Anderen" in der Gesellschaft wird dabei geschickt unterstrichen, indem von Rad gemeinsam mit Dirigent Benjamin Bayl die Figur mit der Schauspielerin Lisa-Katrina Mayer besetzt, die somit im Kontrast zum Sängerensemble steht. Mayer weiß die Nähe im kleinen Haus mit intensivem Spiel zu nutzen, schreckt auch nicht davor zurück, selbst mit nicht-klassischer Stimme Arien zu intonieren.
Diese entstammen überwiegend der französischen Barockoper, darunter zentral Marc-Antoine Charpentiers "Médée". Vor allem Johanna Rosa Falkinger als Königstochter Kreusa weiß hierbei mit ihren gut geführten, klaren, beinahe unterspielten Koloraturen im Geiste der Tragédie lyrique zu überzeugen.
Was bei der Vielgesichtigkeit des Abends mit Texten in unterschiedlichem Duktus zwischen Euripides und Wolf sowie Musik zwischen Rameau und Bach jedoch etwas verloren geht, ist die Stringenz der Interpretation. Manches Bild bleibt kryptisch. Und aus den einzelnen Elementen mag nicht recht ein Ganzes entstehen.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - "Medea" mit Texten von Euripides und Franz Grillparzer sowie Musik von Marc-Antoine Charpentier, Jean-Baptiste Lully, Jean-Philippe Rameau, Marin Marais, Henry Desmarets, Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach. Musikalische Leitung des Bach Consort Wien: Benjamin Bayl, Regie: Corinna von Rad, Bühne: Ralf Käselau, Kostüm: Sabine Blickenstorfer, Licht: Franz Tscheck. Mit Medea - Lisa-Katrina Mayer, Jason - Johannes Bamberger, Kreusa - Johanna Rosa Falkinger, Amme - Alois Mühlbacher, Kreon - Felix Pacher sowie Hannes Schöggl als Percussionist. Weitere Aufführungen am 19., 21., 23., 26., 28. und 30. März sowie am 1. April. www.theater-wien.at/de/spielplan/saison2025-26/1512/Medea )
Zusammenfassung
- Die Wiener Kammeroper zeigt mit 'Medea' eine Neuinterpretation der klassischen Figur als feministische Außenseiterin und Opfer des Patriarchats, wobei der Kindsmord aus dem Stoff gestrichen wurde.
- Die Premiere fand am Dienstag statt, weitere Aufführungen sind am 19., 21., 23., 26., 28. und 30. März sowie am 1. April geplant; die Produktion ist die vorletzte vor der vorläufigen Schließung der Kammeroper am Saisonende.
