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Madrid verwandelt sich in riesiges Kunstfest

Heute, 04:29 · Lesedauer 5 min

Wer an diesem Wochenende Spaniens Hauptstadt besucht, hat eigentlich kaum eine Chance, an Kunst vorbeizukommen. Das liegt nicht an den weltberühmten Museen wie dem Prado, dem Thyssen-Museum oder dem Reina Sofía. In Madrid finden noch bis zum Sonntag gleich bis zu 20 Kunstmessen und Sonderausstellungen statt.

Der wichtigste Kunstevent der sogenannten "Woche der Kunst" ist natürlich die ARCO. An der aktuellen 45. Ausgabe der größten Messe für zeitgenössische Kunst in Südeuropa nehmen 211 Galerien aus 30 Ländern teil. Gleich sieben Galerien stammen aus Österreich - so viele wie nie zuvor.

Die Wiener Galerie Lombardi-Kargl zeigt Werke der slowakischen Künstlerin Denisa Lehocká und des Österreichers Erwin Thorn. Am Stand der Charim Galerie stechen Arbeiten von Eva Beresin hervor. Gregor Podnar bietet neben den Landschaftsfotografien des Slowenen Primož Bizjak bunte Skulptur- und Fotoarbeiten des Österreichers Franz Kapfer an.

Die Wiener Crone Galerie fährt mit einer Solo-Show von Christian Jankowski und einer kuratierten Auswahl von Werken bekannter Künstler wie Channa Horwitz, Hanne Darboven, Rosemarie Trockel oder Charlotte Posenenske auf. Krinzinger und Nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder sind Klassiker auf der ARCO. Werke von Robert Rauschenberg (825.000 Euro) oder Georg Baselitz (1,5 Millionen) am Stand der Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac gehören mit zu den teuersten der Messe.

Protestaktion "Kultursteuer jetzt abschaffen!"

Das teuerste Werk der Messe wird allerdings von Leandro Navarro angeboten: Juan Gris "Die Taube" (1917) für 4,2 Millionen Euro. Der spanische Galerist hat auch wunderschöne Werke von Morandi (3 Millionen) und Matisse (1 Million). Für Chillidas Betonskulptur "Leku III" will die spanische Galerie Mayoral rund 1,9 Millionen haben. Viele Werke waren am Freitagmorgen bereits verkauft. Die Stimmung bei Spaniens Galeristen ist dennoch getrübt. Der Grund: Spaniens Regierung weigert sich seit Jahren, die Mehrwertsteuer von 21 Prozent für Kunstwerke zu senken.

So nutzten 140 spanische Künstler und Galeristen bereits den Messeauftakt am Mittwoch für eine Protestaktion unter dem Motto "Kultursteuer jetzt abschaffen!". "Es kann nicht sein, dass ein Käufer auf der ARCO für das Werk desselben Künstlers am Stand einer deutschen Galerie 7 Prozent, einer französischen 5,5 Prozent, aber bei einer spanischen Galerie 21 Prozent Mehrwertsteuer und damit deutlich mehr bezahlen muss", erklärte der spanische Galerist Guillermo de Osma der APA.

Viele spanische Galeristen sehen die Zukunft schwarz, sollte das Kulturministerium nicht einlenken. Die Zukunft dürfte aber kaum so deprimierend sein, wie sich der Messeschwerpunkt "Die Zukunft, für jetzt" präsentierte. Die Kuratoren haben über ein Dutzend Künstler zusammengebracht, um einen Blick in die Zukunft zu werfen. Vorhersagen wollten sie keine machen, betonten sie selber. Doch warum dann diese Thematik? Das Sonderprogramm kommt nicht einmal einem vagen Blick in eine Kristallkugel nahe. Es ist verwirrend, mehr als erklärungsbedürftig und anscheinend wissen selbst einige Künstler nicht ganz genau, warum ausgerechnet ihre Werke unter dieses Motto gestellt wurden.

Dennoch waren auch in diesem Jahr wieder wundervolle Arbeiten auf der ARCO zu sehen. Von spanischen Klassikern wie Miró, Picasso und Dalí über die Collagen der spanischen Filmemacherin Isabel Coixet bis hin zur großartigen Kugel-Installation des Venezolaners Jesús Rafael Soto, die am Stand von Elvira González mit den Werken Olafur Eliassons dialogiert.

Politikerinnen beim Gruppensex

Die am häufigsten fotografierten Werke auf der ARCO: Das "Ölfass für Menschenrechte" des spanischen Protestkünstlers Eugenio Merino und die lesbischen Sex-Orgien der afghanischen Künstlerin und Menschenrechtsaktivistin Kubra Khademi. Der Gruppensex zwischen Ursula von der Leyen, Angela Merkel, Kamala Harris, Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum und anderen weiblichen Führungspersönlichkeiten soll ein Appell sein, "dass sich die mächtigen und einflussreichen Frauen dieser Welt vereinen, um einen dauerhaften Wandel in der vom Patriarchat dominierten Politik anzuführen", erklärte Khademi im APA-Gespräch vor allem mit Blick auf Macho-Machthaber wie US-Präsident Donald Trump.

Neben solchen Werken gibt es aber auch im Rahmenprogramm der Madrider Kunstwoche viel zu sehen. Über 200 internationale Künstler zeigen ihre Werke in mehreren Dutzend Galerien auf der Art Madrid im Palacio de Cibeles. Im Matadero-Kulturzentrum steht auf der CAN Art Fair Messe Pop-Surrealismus und Post-Graffiti-Kunst im Fokus. Hier sind auch die Skulpturen und Installationen des österreichischen Recyclekünstlers Daniel Hölzl zu sehen.

Die SAM-Messe im Zirkel der Schönen Künste zeigt hingegen Werke der klassischen Moderne. Wenige hundert Meter entfernt stehen auf der JUSTMAD im Neptuno-Palast junge Künstler und junge Galerien im Mittelpunkt.

Galerien und Privat-Museen zeigen im Rahmen der Kunstwoche Sonderausstellungen wie das neue Kunstzentrum Solo CSV, in dem am Donnerstagabend eine große Ausstellung mit Werken des renommierten US-Künstlers Paul McCarthy eröffnet wurde.

Hybrid Art Fair

Unterdessen konzentriert sich die Hybrid Art Fair vor allem auf experimentelle und ortsspezifische Installationen und positioniert sich seit Jahren als Sprungbrett für junge Künstler. Die Messe findet in den Zimmern des Hotel Petit Palace statt. In Zimmer 216 zeigt die junge Wiener Performance- und Aktionskünstlerin Kata Oelschlägel, Jahrgang 1996, ihre Werke. Auf dem Hotelbett steht ein Bildschirm, auf dem der Film einer ihre Performances läuft, bei der sie ihr Gesicht mit Nadel und Faden bearbeitet. An der Wand hängen dreidimensionale Arbeiten ihrer Körper-Nadel-Faden-Werke. Zentrale Themen ihrer Kunst sind Körperlichkeit und Verletzlichkeit, Identität und menschliche Grenzen, gesellschaftliche Tabus rund um den Körper. Werke, die an den Wiener Aktionismus anknüpfen.

Die Kunstinteressierten gehen von Zimmer zu Zimmer. Es herrscht reges Treiben. Erst recht auf der ARCO. Bis zum Sonntag werden auf der Madrider Kunstmesse bis zu 100.000 Besucher erwartet. Sie ist Europas besucherstärkste Kunstmesse überhaupt.

(Von Manuel Meyer/APA)

(S E R V I C E - www.ifema.es/arco-madrid )

Zusammenfassung
  • In Madrid findet derzeit ein großes Kunstfestival mit bis zu 20 Messen und Sonderausstellungen statt, das die Stadt zum Hotspot für Kunstliebhaber macht.
  • Die ARCO, Südeuropas größte Messe für zeitgenössische Kunst, vereint 211 Galerien aus 30 Ländern und verzeichnet mit sieben österreichischen Galerien einen Rekord.
  • Das teuerste Werk der Messe ist Juan Gris' "Die Taube" aus dem Jahr 1917, das für 4,2 Millionen Euro angeboten wird.
  • Spanische Künstler und Galeristen protestierten mit einer Aktion gegen die hohe Mehrwertsteuer von 21 Prozent auf Kunstwerke, an der sich 140 Akteure beteiligten.
  • Bis zu 100.000 Besucher werden auf der ARCO erwartet, die damit als besucherstärkste Kunstmesse Europas gilt.