"Liv, Love, Laugh Strömquist": Life-Coaching im Volkstheater
Anders als bei früheren Stücken der schwedischen Comic-Zeichnerin und Theatermacherin Liv Strömquist entstand "Liv, Love, Laugh Strömquist" nicht auf Basis eines Comics, sondern zuerst als Theaterstück, das sie wie die Vorgänger "Liv Strömquist denkt an dich!" oder "Liv Strömquist denkt über sich nach" gemeinsam mit ihrer Landsfrau Ada Berger realisiert hat. Auf die Comic-Ästhetik muss man in der deutschsprachigen Erstaufführung jedoch nicht verzichten, haben Bühnen- und Kostümbildnerinnen Helene Payrhuber und Sophia Profanter doch für den ersten Teil des Abends ein die gesamte Bühnenhöhe füllendes Prospekt geschaffen, das von zwei Comic-Monstern bevölkert und mittels Projektion in den Sprechblasen mit Dialog bespielt wird. Die sechs Darstellerinnen und Darsteller stecken in schwarz-weißen Bodies und geben alles, um dem zeitgeistigen Tempo gerecht zu werden. Aber - sind 10.000 Schritte am Tag schon Sport? Ja. Zumindest, wenn man sie auf der Wellen schlagenden Rennbahn im Volkstheater läuft.
In ihrer ersten Inszenierung auf der großen Volkstheaterbühne kredenzt Marboe, die 2019 in den Bezirken "Die Reißleine" realisiert hat, Szenen wie Instagram-Reels: bunt, pointiert und schnell wieder vorbei. Bevor man einen Charakter wirklich kennengelernt hat, ist er schon wieder weg. Das ist eine Zeit lang ganz witzig, ermüdet durch die Austauschbarkeit der Einblicke in fremde Lebenswelten jedoch im Laufe des 100-minütigen Abends zusehends.
Dabei legt sich das Ensemble selbst in den kürzesten Szenen ordentlich ins Zeug. Da gibt es etwa den "Ich kann alles"-Typ, der nicht müde wird, seine Erfolge zu preisen. Herrlich, mit welcher Wonne Claudia Sabitzer ihre Titel wie "Wiens lustigste Frau" und "Österreichs weiblichste Kabarettistin" aufzählt und - aufgestachelt von den anderen - mit ihrem "Podcast mit Florian Klenk" prahlt oder dem Umstand, vier Kinder in drei Jahren geboren zu haben, bevor sie Hildegard Knefs "Wenn das alles ist" anstimmt.
Fest steht: Wenn man im Internet etwas bekommt, dann sind es Ratschläge. Blöd nur, dass hier auf der Bühne jeder Rat geben, aber keiner Rat bekommen will. Wie das Leben gelingt, weiß etwa Nicolas Frederick Djuren: "Ich tanze jeden Mittwochabend zu Beyoncés neuem Album 'Lemonade'. Weil das gut ist für den Parasympathikus." Was passiert, wenn man nächtens betrunken auf der Couch einen vermeintlichen Rock bestellt, der Paketbote dann aber ein Tube-Top bringt, das man gleich wieder zurückschicken muss, demonstriert Sissi Reich leidenschaftlich. Schlussendlich schlägt sie vor, auf dem Rücksendeformular ehrliche Antworten vordrucken zu lassen. In etwa: "Ich hab es mitten in der Nacht bestellt, nachdem ich stundenlang auf meinem Handy gescrollt, über Tod, Einsamkeit und wie hässlich ich in diesem Winter geworden bin nachgedacht habe, bis mich eine namenlose Traurigkeit, Unruhe und Sehnsucht überkommen hat, die ich in den Kauf dieses Artikels kanalisiert habe."
Shopping, Selfcare und Podcast
Und so springt der Text vom Online-Shopping zu Immobilien-Influencerinnen und von Selfcare-Tipps bis zum Beziehungspodcast. Unterbrochen, übergeleitet oder zusammengehalten werden die Szenen von zahlreichen Songs, die wechselnd vom Band kommen oder vom Ensemble (meist tanzend) intoniert werden. Sebastian Rudolph, der mit einem herzerwärmenden Monolog über einen verliebten Theaterbesucher alle Register zieht, darf einmal auch sein Können am Schlagzeug demonstrieren. Und bevor immer mehr lebensechte Comicfiguren die Bühne bevölkern, gibt Katharina Kurschat eine dem Orakel von Delphi zu opfernde Ziege, verstrickt sich Djuren in ein Elfenritual oder gibt Nick Romeo Reimann ultimative Tipps für das Gelingen einer langen Beziehung durch - genau - Entzug des Gewohnten.
"Liv, Love, Laugh Strömquist" ist eine pointiert gesetzte Satire über den Selbstoptimierungswahn im digitalen Zeitalter, die dann besondere Strahlkraft entfaltet, wenn reine Online-Rituale plötzlich in reale zwischenmenschliche Interaktion überschwappen. Marboe inszeniert mit viel Liebe zum Detail (und zur maßlosen Übertreibung) und hat das Ensemble dazu gebracht, sich mit Haut und Haar auf diesen Ritt einzulassen. Als Zuschauerin fühlt man sich am Ende ein wenig so erschlagen wie nach einer Doomscrolling-Session: Man weiß plötzlich gar nicht mehr so genau, was man da jetzt alles gesehen hat. Oder gekauft. Viel Applaus für das gesamte Team beendete einen Abend, nach dem man sich aussuchen kann, welche Ratschläge man annimmt - und welche nicht.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Liv, Love, Laugh Strömquist" von Liv Strömquist und Ada Berger im Volkstheater. Regie: Anna Marboe, Bühne und Kostüme: Helene Payrhuber und Sophia Profanter, Musik: Bernhard Höchtel. Mit Nicolas Frederick Djuren, Katharina Kurschat, Sissi Reich, Nick Romeo Reimann, Sebastian Rudolph und Claudia Sabitzer. Weitere Termine: 25. Februar, 7., 14., 22. und 27. März. www.volkstheater.at)
Zusammenfassung
- Die Inszenierung "Liv, Love, Laugh Strömquist" am Volkstheater verwandelt die Bühne in eine Rennbahn und bietet ein satirisches Life-Coaching mit schnellen Szenen und viel Spielfreude.
- Das 100-minütige Stück basiert auf einem Originaltheatertext von Liv Strömquist und Ada Berger und verzichtet erstmals auf eine Comicvorlage.
- Comic-Elemente bleiben durch ein großflächiges Bühnenbild, Projektionen und schwarz-weiße Kostüme erhalten, während das sechsköpfige Ensemble verschiedene Beraterrollen spielt.
- Der Abend thematisiert Selbstoptimierung, Online-Shopping, Selfcare und Podcasts, wobei Songs und Musik für Struktur sorgen.
- Mit weiteren Aufführungen am 25. Februar sowie am 7., 14., 22. und 27. März erhielt die Premiere viel Applaus und hinterließ beim Publikum das Gefühl einer überfordernden Doomscrolling-Session.
