APA - Austria Presse Agentur

Lesereigen beim Bachmann-Preis geht weiter

Juni 19, 2020 · Lesedauer 5 min

Die älteste diesjährige Teilnehmerin, die 80-jährige Helga Schubert, hat am Freitagvormittag den zweiten Lesetag der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet und sich dabei als erste Favoritin etabliert. Coronabedingt findet die traditionsreiche Veranstaltung zur Vergabe des Bachmann-Preises heuer vorwiegend digital statt. Die Lesungen wurden im Voraus aufgenommen und werden eingespielt.

"Vom Aufstehen" heißt der sich mit der Mutter der Erzählerin auseinandersetzende Text, den Schubert im Garten ihres Hauses in Nordwestmecklenburg, untermalt von Vogelgezwitscher, vorlas. Schubert, die schon 1980 nach Klagenfurt eingeladen wurde, jedoch aus der DDR nicht ausreisen durfte, war 1987-90 Mitglied der Jury. In den offenbar autobiografischen Erinnerungen erfüllt sie ein Versprechen, das sie ihrer vor vier Jahren im Alter von 101 Jahren gestorbenen Mutter gegeben hat: "Sie wollte, dass ich über sie eine Geschichte schreibe." Auf der Intensivstation erzählt die Mutter die von ihr vollbrachten "drei Heldentaten, die dich betrafen": Sie habe sie nicht abgetrieben, sie habe sie bei der Flucht aus Hinterpommern bis zur Erschöpfung in einem dreirädrigen Kinderwagen geschoben, "und drittens: Ich habe dich nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten." Die Jury-Diskussion, die per Liveschaltung aus Berlin, Zürich, Wien, Graz und Bamberg erfolgt, eröffnete Jurysprecher Hubert Winkels mit einem langen, lobenden Monolog.

Nach der 1940 geborenen Helga Schubert las die ein halbes Jahrhundert später geborene Hanna Herbst, die größtenteils in Österreich aufgewachsen ist und vorwiegend als Journalistin arbeitet. Ihr Text trägt den Titel "Es wird einmal" und wird u.a. von Wendungen wie "Du hast erzählt die Geschichte von..." , "Ich habe dir erzählt von..." oder "Ich habe gefragt, ob du dich erinnerst an die Geschichte, die...." strukturiert. Es geht um Geschichten, aber gelegentlich auch um Pointen: "Deine Lieblingszeit war das Futur II. Wir werden glücklich gewesen sein. Und deine andere Lieblingszeit war morgens um halb sechs." Vor allem aber geht es um das angesprochene Du, ein Maler und offenbar der Vater der Erzählperson (was Kastberger bestritt), der am Ende des Textes stirbt: "Das Letzte, das du gesagt hast: 'Gleich weiß ich mehr als du.'"

"Eine Erinnerungsreise einer Tochter an den geliebten Vater", nannte das Hubert Winkels, der den Text gerne gelesen und gehört hat, aber die Außenwelt vermisste und eine Ambivalenz in dem "seltsam Schillernden" des Textes ortete. Die "Rhythmik von einsam und zweisam sein", hob Insa Wilke hervor, die Herbst eingeladen hatte. Michael Wiederstein begeisterte sich über "das perfekte Imperfekte" des Textes, der mitunter jedoch über das Ziel hinausschieße. Tingler vermisste die "emotionale innere Welt des Ichs" und sah einen "experimentellen Text". Kastberger gefiel besonders das gesungene Porträt-Video der Autorin und meinte: "Ich habe das Gefühl, dieser Text tut so, als wäre er ein Text." Gomringer las "eine andere Art von Künstlerbiografie" heraus, Schwens-Harrant fühlte sich in der Kraft des Erzählens an Scheherazade erinnert. Der Text halte dies allerdings nicht durch.

"Immer im Krieg" heißt der Text, dessen Abschnitte der Grazer Egon Christian Leitner jeweils mit "Tag, Monat, Jahr" betitelte. Diese Abschnitte behandeln Politik und Geschichte (vom 9. Jahrhundert vor Christus über Jesus bis zu 1953), gegenwärtige Probleme der Gesellschaft und Beobachtungen aus der "Firma" und der Begegnung mit Menschen. Ein Abschnitt lautet: "Kein einziger Witz gelingt mir. Alle so gut gelaunt und ich bring keinen einzigen Witz an. Einer sagt wenigstens, was ich sage, ist lächerlich. Immerhin was!"

Insa Wilke ortete "einen Eulenspiegelton" in den Geschichten, die Leitner mosaikartig und komplex zusammenfasse. "Ambivalent und komplex ist dieser Text überhaupt nicht, er ist total hermetisch", antwortete Tingler, der darin "ein Weltbild mit kategorischen Positionen von Gut und Böse" fand. "Das ist der Stand einer Diskussion, die wir längst hinter uns haben sollten", meinte er, nannte den Text in einer heftigen Konfrontation mit Wilke "literarisch belanglos" und geriet auch mit Hubert Winkels überkreuz, der in dem Text eher Fragen als Kategorisierungen entdeckte. Wiederstein nannte den Text gelungen, eben weil der Autor eine Haltung habe und sich in den Text integriere.

Mit einer verschachtelten Prosa über die Geschichte der fiktiven Ostsee-Insel Warenz startete der deutsche Autor Matthias Senkel in den Nachmittag. In einer Mischung aus Dialogen, Auflistungen, Einträgen in einer "Heimatkundlichen Broschüre" oder erzählenden Passagen quer durch die Jahrhunderte bis hin in die Zukunft hinein webt Senkel eine im Diffusen bleibende Geschichte. In ihr finden sich auch zahlreiche geologische und biologische Beschreibungen des düsteren Ortes, der mit seinen Findlingen - rund geschliffenen Basaltbrocken - allerhand Menschen anzieht. Den Steinen bleibt auch das letzte Bild vorbehalten: "Doch weder meteorologische noch seismologische Sensoren erfassten, dass die Tagfalter aufstoben, als sich auf den Basaltblöcken tiefe Haarrisse ausbreiteten." So wie die Steine sich am Ende des Textes teilen, zeigte sich auch die Jury äußerst gespalten.

Der vor allem als Lyriker bekannte Levin Westermann beschloss den Lesereigen schließlich mit einer sprachlich näher am Gedicht denn an der Prosa angelehnten Text. Der 1980 im deutschen Meerbusch geborene und in der Schweiz lebende Autor widmet sich in "und dann" langen Tagen des Wartens auf einem Bauernhof: Während der mit Hüftproblemen kämpfende Erzähler lesend, zitierend und Briefe schreibend sehnsüchtig auf die Ankunft des Briefträgers hofft, beobachtet er Tiere sterben, das Klima sich wandeln und globale politische Verwerfungen - alles von seinem Rattansessel aus, alles im Fluss der Tageszeiten: "und dann / geht die sonne wieder unter / und dann / geht die sonne wieder auf", heißt es mehrmals im Text. Erneut zeigte sich die Jury tief gespalten, wenn auch das Lob überwog.

Quelle: Agenturen