Leopold Museum widmet Courbet umfassende Retrospektive
Nicht fehlen darf hier natürlich das wohl berühmteste Werk des 1819 geborenen Malers, das vom Pariser Musée d'Orsay verliehene Gemälde "L'Origine du monde" ("Der Ursprung der Welt") aus dem Jahre 1866, das überhaupt erst zum dritten Mal das Land verlassen durfte. Direktor und Ausstellungskurator Hans-Peter Wipplinger zeigte sich bei der Presseführung am Mittwoch der Kontroverse um das hinter einer Glasscheibe präsentierte Werk durchaus bewusst.
Einerseits sei das Bild, das ein französischer Journalist einst als "die Mona Lisa der Akte" tituliert hat, dazu geeignet, den anderen Werken der Ausstellung die Show zu stehlen. "Und das ist nicht fair", so Wipplinger. Andererseits habe die fragmentierte Darstellung des weiblichen Körpers mit einer naturalistischen Darstellung der Vulva nicht zuletzt aufgrund der suggerierten Passivität und der Unsichtbarkeit des Gesichts Kritik in feministischen Kunstdiskursen geerntet. Genau aus diesem sei zu dem Werk auch eine Diskussionsveranstaltung mit Expert:innen geplant. Dass das Gemälde als eines der beiden Plakatsujets dient, sei einer Umfrage im Marketingteam geschuldet, er selbst habe dies in dieser Form abgelehnt, weshalb das Bild auf dem Plakat nun angeschnitten ist und die Vulva selbst nicht gezeigt wird.
Nun aber zurück zu den restlichen Exponaten, die der Schweizer Kurator Niklaus Manuel Güdel thematisch gruppiert hat. Den Anfang im ersten Saal im ersten Untergeschoß macht jenes Werk, das auf der Weltausstellung in Paris 1855 für Kontroversen sorgte. "Das Atelier des Künstlers", in dem Courbet die sozialen Unterschiede seiner Zeit (vom armen Proletariat bis zur reichen Bürgerschaft, von geistlichen bis zu weltlichen Würdenträgern) auf die Leinwand brachte, sorgte beim Ausstellungspublikum für Unverständnis und wurde schließlich nicht gezeigt, wie Wipplinger erklärte.
Ein selbstorganisierter Ausstellungskünstler
Daraufhin errichtete Courbet einen eigenen Holzpavillon, in dem er seine Arbeiten ausstellte - laut Wipplinger die "Geburt des selbstorganisierten Ausstellungskünstlers". Weiters im Saal finden sich zahlreiche Selbstporträts aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Besonders hervorgehoben wird hier "Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet" aus 1854, in dem der Künstler auf einem Feldweg selbstbewusst auf seinen Mäzen trifft, der ihn fast schon demütig begrüßt.
Ein eigener Raum ist den sozialkritischen Arbeiten des Künstlers gewidmet, die er in der postrevolutionären Zeit ab 1848 schuf, darunter "Die Steinklopfer" oder "Nach dem Abendessen in Ornans", die der damaligen Praxis der idealisierten historischen oder mythologischen Sujets widersprachen. Courbets Erforschung der Identität der Porträtierten statt deren bloßer Repräsentation widmet sich ein eigener Raum mit Porträtmalerei, die Darstellung der rauen Natur in seiner Heimatregion rund um seinen Geburtsort Ornans konzentriert sich unter dem Titel "Die Revolution der Landschaftsmalerei". Auffallend ist dabei die von Erdtönen dominierte Farbpalette.
Nahezu skulpturaler Aufbau in der Landschaftsmalerei
"Mit dem intensiv eingesetzten Palettenmesser baut er das Bild aus übereinander gelagerten Farbschichten nahezu skulptural auf und schafft eine radikal realistische, nahsichtige Bildwelt, die nicht illusionistisch täuschen, sondern Materialität erfahrbar machen will", so Kurator Güdel. Neben zahlreichen Akten, die man um "L'Origine du monde" gruppiert hat, finden sich in weiteren Räumen unter anderem düstere Jagd- und Walddarstellungen oder leuchtende Meereslandschaften, in der die Lichtstimmungen die Hauptrolle spielen.
Das letzte Kapitel ist als einzig rein biografischer Raum schließlich dem Schaffen in Courbets Schweizer Asyl gewidmet: Mit der Ausrufung der Dritten Republik im Jahr 1870 und insbesondere während der "Pariser Kommune" 1871 hatte er Verantwortung im öffentlichen Kunstwesen übernommen. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Kommune wurde Courbet inhaftiert und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, wodurch ihn die zunehmende politische und wirtschaftliche Isolation ins Exil zwang. Zu sehen sind hier Werke, die er bis zu seinem Tod 1877 schuf, darunter ein monumentales "Panorama der Alpen".
(S E R V I C E - Ausstellung "Gustave Courbet. Realist und Rebell" im Leopold Museum. 19. Februar bis 21. Juni, Ebene -1. Der gleichnamige Katalog umfasst 344 Euro und kostet 39,90 Euro. www.leopoldmuseum.at )
Zusammenfassung
- Das Leopold Museum zeigt ab 19. Februar eine Retrospektive mit 130 Werken von Gustave Courbet, darunter das berühmte "L'Origine du monde" von 1866, das erst zum dritten Mal das Musée d'Orsay verlässt.
- Die Ausstellung beleuchtet alle Schaffensphasen Courbets, von sozialkritischen Werken wie "Die Steinklopfer" bis zu monumentalen Landschaften und thematisiert die feministische Kontroverse um das zentrale Aktgemälde.
- Die Schau läuft bis 21. Juni, umfasst thematisch gruppierte Räume und wird von einem 344-seitigen Katalog begleitet, der 39,90 Euro kostet.
