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Leïla Slimani: "Wir müssen Mut und Selbstbewusstsein zeigen"

Heute, 04:31 · Lesedauer 9 min

Die marokkanisch-französische Schriftstellerin Leïla Slimani (44) wurde 2016 mit ihrem Roman "Dann schlaf auch du", der Geschichte eines Kindermädchens, die ihre beiden Schützlinge ermordet, berühmt. Mit "Trag das Feuer weiter" hat sie soeben ihre Trilogie "Das Land der Anderen", in der sie ihre Familiengeschichte mit jener ihres Landes verbindet, abgeschlossen. Am Montag war sie für eine Lesung in Wien und gab der APA zuvor in der französischen Botschaft ein Interview.

APA: Frau Slimani, was für ein aufregendes Finale des Afrika-Cups: Marokko gegen Senegal. Haben Sie zugeschaut?

Leïla Slimani: Ich habe in München eine Lesung gehabt und die zweite Hälfte des Matches im Hotel gesehen. Aber ich bin noch nicht in der Lage darüber zu reden - ich bin zu traurig und zu verärgert.

APA: Fußball kommt auch in Ihrem neuen Roman an mehreren Stellen vor. Im März 1980 wird Inés, die Schwester Ihrer Protagonistin Mia, geboren, als Marokko beim Afrika-Cup gegen Algerien spielt. Später ist der Fußball-WM-Titel Frankreichs mit Zinedine Zidane ein Thema, noch später das WM-Halbfinale Frankreich gegen Marokko 2022. Warum spielt Fußball so eine Rolle in Ihrem Buch?

Slimani: Aus mehreren Gründen. Der erste ist sehr privat. Mein Vater war Präsident des marokkanischen Fußballverbandes. Er ist der einzige, unter dem Marokko den Afrika-Cup gewonnen hat, nämlich vor genau 50 Jahren. Fußball hat also eine große Rolle in meiner Kindheit gespielt, mein Vater hat dauernd Fußball geschaut. Und ich wurde während eines Fußballmatches geboren - die Geschichte von Inés' Geburt kommt meiner eigenen sehr nahe. Aber vor allem hab ich gedacht, dass Fußball auch mit seinem Symbolgehalt interessant wäre.

APA: In welcher Hinsicht?

Slimani: In den 70er-Jahren hat Fußball etwas sehr Spezielles für Leute aus dem Süden, aus der Dritten Welt, bedeutet. Fußballspieler waren Helden - die einzigen, die aus einer armen Umgebung kommen konnten und dennoch verehrt wurden. In einer Welt, die stark vom Westen dominiert war, bildeten sie ein kleines, symbolisches Gegengewicht. In den 80ern und 90ern wurde Fußball ein Symbol für Migration. Und neuerlich war Fußball der vielleicht einzige Ort, wo man Migrant, Araber und Held zugleich sein konnte. Die letzte Referenz im Buch, 2022, repräsentiert so etwas wie Post-Globalisierung. In Katar war es das marokkanische Team, das selbst ins Semifinale gekommen ist - und die Hälfte der Spieler hatte zwei Nationalitäten, war in einem europäischen Land geboren. Manche von ihnen sprachen nicht einmal Arabisch. Heute leben 15 Prozent der Marokkaner außerhalb des Landes. Wir haben eine große Diaspora. - Schauen Sie ein Fußballteam an, sehen Sie die Menschen, lesen Sie ihre Namen - und Sie erfahren schon fast die ganze Geschichte eines Landes ...

"Wir sollten stolz sein auf eine Jugend, die auf die Straßen geht"

APA: Man kann diese Geschichte in Zusammenhang mit Marokko in der Zukunft weitererzählen: Dass für die Fußball-WM 2030, die Marokko u.a. gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichtet, viele superteure Stadien errichtet werden, war im Herbst ein Mitauslöser von Jugendprotesten, bei denen mehr Investitionen ins Bildungs- und Gesundheitswesen gefordert wurden.

Slimani: Das stimmt - aber diese Geschichte ist viel komplexer. Die, die so etwas fordern, haben absolut recht, und ich bewundere sie. Wir sollten stolz sein auf eine Jugend, die auf die Straßen geht, um für so etwas zu demonstrieren. Das ist auch ein Beweis, dass sich in Marokko etwas geändert hat, denn in meiner Generation wären wir wohl zu ängstlich dafür gewesen. Gleichzeitig ist es aber so, dass ich während des Afrika-Cups in Marokko war, und es waren alle auf der Straße und haben die Nationalfarben getragen und gefeiert. Auch diese Leute haben ein Recht darauf, dass gute Voraussetzungen dafür geschaffen werden. In Europa werden teure Museen gebaut - die sind auch keine Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens. Die Menschen überall sollten beides haben.

APA: Wieso gibt es in Marokko weiterhin so eine hohe Jugendarbeitslosigkeit?

Slimani: Es stimmt, die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch. Es gibt eine gute wirtschaftliche Entwicklung - aber zu wenig neue Arbeitsplätze. Das ist eines der größten Probleme Marokkos: Wir haben immer mehr Menschen mit guter Ausbildung, aber zu wenig Jobs für sie. Wir brauchen Zeit dafür, aber natürlich habe ich keine Lösung.

"Leute sind keine Dinge. Sie haben alle eine unterschiedliche Geschichte."

APA: Ihre Trilogie ist Familiengeschichte und Chronik der politischen Entwicklung des Landes in einem. Wie anders war das Land unter König Hassan II als heute unter seinem Sohn Mohammed VI?

Slimani: Die 80er und 90er-Jahre waren eine ganz andere Zeit. Das Regime war sehr autoritär und wenig zimperlich im Umgang mit der Opposition. Dazu kam eine schwere Wirtschaftskrise. Ich wurde 1981 geboren und erinnere mich, dass viele Menschen in die Städte kamen, weil die Armut am Land unerträglich wurde. Es gab eine schwere Dürre, die viel Schaden angerichtet hat. Es war eine Zeit der Migration - und der Beginn eines gewissen Gefühls der Erniedrigung. Wir haben uns geschämt, dass Menschen unser Land verlassen mussten, um eine Zukunft zu haben. Und wir haben uns geschämt, als wir hörten, wie sie anderswo behandelt wurden.

APA: In der Migrationsdiskussion hierzulande heißt es immer: Spracherwerb ist der zentrale Punkt für Integration. Ist das so?

Slimani: Leute sind keine Dinge. Sie haben alle eine unterschiedliche Geschichte. Es gibt Menschen, die vor einem Krieg flüchten, deren Kinder getötet wurden, die versuchen, einer Verfolgung zu entkommen. Ich denke, man sollte diese Menschen zuerst fragen, ob sie Hunger haben oder frieren, bevor man sie fragt, ob sie Deutsch sprechen.

APA: Sie selbst leben heute in Lissabon? Warum das?

Slimani: Weil ich dort gerne bin.

APA: Haben Sie Pläne, wieder nach Frankreich zurückzugehen?

Slimani: Nicht im Augenblick. Meine Kinder sind dort sehr glücklich.

APA: Wie gut ist Ihr Portugiesisch?

Slimani: Ganz gut. Ich verstehe es recht gut, aber ich fürchte, ich habe beim Sprechen einen ziemlichen Akzent.

"Das war eine Art Elite-Denken"

APA: Sie haben in Rabat ein Lycée besucht, aber nur wenig Arabisch gelernt.

Slimani: Das stimmt, damals war der Arabisch-Unterricht schlecht, und die Arabisch-Lehrer waren viel schlechter bezahlt als ihre Kollegen. Außerdem war es für meine Eltern und deren Freunde nicht sehr wichtig, dass ihre Kindern gut Arabisch sprechen - Mathematik und Französisch waren viel wichtiger. Das war eine Art Elite-Denken, das vielleicht eine Folge der Kolonialisierung war. Ich glaube, heute sind die Bedingungen für den Arabisch-Unterricht deutlich besser als damals.

APA: Ihr Roman "Chanson douce" (deutsch: "Dann schlaf auch du") war 2016 ein Riesenerfolg. Hat dieser Erfolg Ihr Leben verändert?

Slimani: Absolut. Ohne ihn würde ich heute nicht hier sitzen und mit Ihnen sprechen. Erst durch ihn habe ich mir als Autorin einen Namen gemacht.

APA: In Frankreich wurden Sie rasch eine Berühmtheit, der Präsident Emmanuel Macron sogar ein Ministeramt angeboten hat. Sie haben es ausgeschlagen. Hat es Sie gar nicht gereizt, in die Politik zu gehen?

Slimani: Nein, ich würde niemals etwas machen, für das ich mich nicht kompetent fühle.

APA: Aber Botschafterin der Organisation Internationale de la Francophonie wurden Sie schon.

Slimani: Na ja, als Schriftstellerin ist Sprache mein ureigenes Metier, also fühlte ich mich da natürlich kompetent. Ich habe das fünf Jahre lang gemacht. Es war sehr interessant. Ich mochte es.

"Wenn man tot ist, kann man noch immer pessimistisch sein"

APA: Ihre Themen sind Ausgrenzung gegenüber von Menschen anderer Herkunft oder anderen Geschlechts, Rassismus, Unterdrückung von Frauen. Gibt es für diese Themen heute irgendwo Grund zu Optimismus?

Slimani: In der Tat bin ich sehr optimistisch. Wenn man tot ist, kann man noch immer pessimistisch sein, solange man aber lebt, gibt es immer wieder einen neuen Morgen, an dem man etwas schaffen oder versuchen kann. Als Mutter will ich daran glauben, dass Menschen eine bessere Welt schaffen können. Und ich muss gestehen, dass ich von vielen guten Menschen umgeben bin, die diesen Glauben teilen. Die Mächtigen wollen uns traurig und depressiv haben, weil wir uns dann nicht wehren. Sie tun so, als wären wir dumm und naiv. Wir sollten Ihnen zeigen, dass wir das nicht sind. Wenn wir nicht voll Freude und Optimismus sind und zu unseren Werten stehen, werden sie gewinnen. Es ist so leicht, Trübsal zu blasen und sich über den Zustand der Welt zu beklagen! Wenn Du deprimiert bist: Steh auf und kämpfe!

APA: Wie soll das gehen?

Slimani: Wir müssen Mut und Selbstbewusstsein zeigen. Vielleicht werden wir verlieren, aber wir müssen daran glauben, dass wir gewinnen können! Es ist so leicht, immer darauf zu zeigen, was schiefläuft. Es ist wichtig, auch Dinge ins Licht zu rücken, die funktionieren. Die Welt ist nicht nur grau und schwarz. Es gibt auch Vieles, das besser wird. Nehmen Sie nur Bildung: Heute haben Sie potenziell Zugang zum gesamten Wissen der Welt. Das ist doch außergewöhnlich!

APA: Ist Ihre Familiengeschichte nun auserzählt?

Slimani: Fürs Erste ist das so. Ich schließe aber nicht aus, dass eines Tages eine der Figuren meiner Trilogie zurückkehrt und ich Lust haben werde, mehr über sie zu erzählen. Sag niemals nie! Aber vorerst will ich etwas anderes schreiben.

APA: Ein kleiner Hinweis, um was es gehen wird?

Slimani: Nein, das verrate ich nicht.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Leïla Slimani: "Trag das Feuer weiter", Luchterhand, 448 S., 26,50 Euro)

Zusammenfassung
  • Leïla Slimani, 44, stellte in Wien ihren neuen Roman "Trag das Feuer weiter" vor, der den Abschluss ihrer Trilogie über Familien- und Landesgeschichte bildet.
  • Fußball ist zentrales Motiv in ihrem Werk und Leben, da ihr Vater Präsident des marokkanischen Fußballverbandes war und Marokko unter ihm vor 50 Jahren den Afrika-Cup gewann.
  • Slimani hebt hervor, dass 15 Prozent der Marokkaner im Ausland leben und Fußball Identität, Migration und gesellschaftlichen Wandel widerspiegelt.
  • Sie sieht die hohe Jugendarbeitslosigkeit trotz guter Ausbildung als zentrales Problem Marokkos und bewundert die Jugend, die für bessere Bedingungen demonstriert.
  • Slimani plädiert für Optimismus, Mut und Selbstbewusstsein im gesellschaftlichen Engagement und betont: "Wenn Du deprimiert bist: Steh auf und kämpfe!"