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"La Périchole" als politisches Musikkabarett im TaW

17. Jan. 2023 · Lesedauer 4 min

Die Operette ist zurück im Theater an der Wien - und wenn sie so daherkommt wie Nikolaus Habjans Inszenierung von Jacques Offenbachs "La Périchole" am Montagabend im Ausweichstandort MQ, dann lässt man sich das sogar gefallen. Der 35-jährige Shootingstar holt das Werk aus der angestaubten Ecke des Altherrenwitzes und lädt es zum politischen Kabarett auf - als bestünde "Die Fledermaus" im Wesentlichen aus dem Auftritt des Frosch. Das Ergebnis: Ein äußerst unterhaltsamer Abend.

Dabei ist dies angesichts des Librettos um den Vizekönig von Peru (Alexander Strömer), der sich die arme Straßensängerin Périchole (Anna Lucia Richter) als Mätresse nehmen will, was deren Verlobten Piquillo (David Fischer) verständlicherweise gar nicht passt, eigentlich nicht aufgelegt. Es gibt die intriganten Hofschranzen, das obligatorische Besingen des Alkohols, manch tradierten Geschlechterdualismus. Doch Habjan gelingt es, das Genre der Operette auf seinen rebellischen Kern, seine obrigkeitskritische Haltung zurückzuführen.

Teils im ostentativen Wienerisch gehalten, besteht die Hälfte des Abends aus Sprechpassagen, die nicht von Sängern auf Krippenspielniveau herunterdeklamiert werden, sondern die einen zumindest ebenbürtigen Part im Geschehen spielen. Da offeriert Gerhard Ernst, vulgo der Hofstädter, in einer Rolle des Don Pedro zu Beginn Fleischlaberl, während ein rosafarbener Imbiss im Aida-Stil Lokalkolorit verbreitet und Lichterketten im Orchestergraben für Partystimmung sorgen. Im eigentlichen Bühnentext wird Habjans "Périchole" aber bissiger, werden die aktuellen Plattitüden der politischen Arena im Stakkatorhythmus als Zündstoff für den Fortgang der Handlung eingesetzt. "Alkohol oder Psychopharmaka?" ist die Frage bei den Feiern zu Ehren des Vizekönigs, das "Kaufhaus Peru" findet ebenso Platz wie das Beinschab-Tool oder schmutzige Zehennägel als Indiz für den sozialen Stand einer Frau.

Habjan nutzt für seine Sozialkritik in Brecht'scher Tradition neben einer Rekonstruktion zweier Opernballlogen wesentlich die dem Publikum zugewandte Spielfläche vor dem Orchestergraben und damit die spezifischen Besonderheiten der Ausweichspielstätte MQ. Das macht deren Akustikschwächen wett, wobei sich der junge Dirigent Jordan De Souza als Anführer des RSO als kongenialer Partner für den Theatermacher Habjan erweist und auch mal den "Indiana Jones" anklingen lässt. Zugleich gelingt es, nicht zuletzt dank der beiden Opernsänger Anna Lucia Richter in der Titelpartie und David Fischer als ihr Gespiele, die Qualität der Operette als Opernparodie herauszuarbeiten und so manch schmachtendes Liebesduett mittels Körperkomik zu desavouieren.

Habjan hat neben dem Fokus auf seine Hauptdarsteller aber auch ein Auge auf den Chor, der niemals im Regen respektive der Untätigkeit stehengelassen wird. Hier weiß ein Theaterpraktiker seine Leute zu beschäftigen, zu choreografieren und den Arnold Schoenberg Chor als wuselnde Bühnenmäuse spielsinnig einzusetzen. Worauf diese "Périchole" hingegen weitgehend verzichtet, sind die Puppen des Habjan. Einzig im Gefängnis hat am Ende ein gealterter Gefangener einen Kurz-Auftritt, der frappant an einen einstigen politischen Spitzenrepräsentanten erinnert...

Die Bilanz: Der Anspruch von Neo-Direktor Stefan Herheim, das Theater an der Wien zum breiter aufgestellten Musiktheater umzubauen, in dem eben auch die Operette ihren Platz findet, ist mit diesem Abend zweifelsohne eingelöst worden. Die Latte für nachfolgende Operettisten liegt hoch.

(S E R V I C E - "La Périchole" von Jacques Offenbach im Theater an der Wien im MQ, Halle E, Museumsplatz 1, 1070 Wien. Musikalische Leitung des RSO: Jordan de Souza, Inszenierung: Nikolaus Habjan, Bühne: Julius Theodor Semmelmann, Kostüm: Cedric Mpaka. Mit Périchole - Anna Lucia Richter, Piquillo - David Fischer, Don Andrés de Ribeira - Alexander Strömer, Graf Panatellas - Boris Eder, Don Pedro - Gerhard Ernst, Erster Notar - Paul Graf, Zweiter Notar - Florian Stanek, Ein Gefangener - Angelo Konzett, Erste Cousine - Tania Golden, Zweite Cousine - Alexandra Maria Timmel, Dritte Cousine - Bettina Soriat, Hofdame - Susanna Hirschler, Puppenspieler - Anderson Pinheiro da Silva. Weitere Aufführungen am 18., 20., 22., 25. 27., 29. und 31. Jänner. www.theater-wien.at/de/spielplan/59/La-Perichole)

Quelle: Agenturen