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Kritischer Kleist: "Der zerbrochne Krug" online aus Linz

28. März 2021 · Lesedauer 3 min

Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug" gilt als das bekannteste Lustspiel deutscher Sprache. Dass es außer Schadenfreude über den sich um Kopf und Kragen redenden Dorfrichter Adam darin nicht viel zu lachen gibt, haben viele Inszenierungen betont. Auf Kapitalismuskritik setzt Regisseurin Bérénice Hebenstreit in ihrer neuen Arbeit, die am 20. Februar am Linzer Landestheater Premiere feiern hätte sollen und gestern erstmals als Aufzeichnung der "Netzbühne" zu sehen war.

Theresa Palfi ist kein liebes, unschuldiges Evchen, sondern eine junge Frau von heute, die um die Hintergründe ihrer Lage Bescheid weiß. Hebenstreit, im Vorjahr für ihre Goethe-Jelinek-Verschneidung "Urfaust/FaustIn and out" im Volx Margareten mit einem Nestroy als bester weiblicher Nachwuchs ausgezeichnet, lässt Eve Rull eingangs vor dem roten Vorhang einen Monolog mit der Vorgeschichte halten und gibt ihr - Adam hat sich da längst so schnell, wie ihn sein Klumpfuß trägt, aus dem Staub gemacht - einen Schlussmonolog, der das ganze ausbeuterische und unterdrückerische System anklagt. Carolyn Amann hat ihn geschrieben und baut dabei auf einem selten gespielten Kleist'schen "Variant" auf, der schon bei der Uraufführung zugunsten des theaterwirksameren Komödienschlusses gestrichen wurde. Warum die große Durchblickerin Eve sich zuvor in der Verhandlung so zurückgehalten hat, wird freilich nicht ganz klar.

Die 90-minütige Aufführung baut immer wieder Verfremdungseffekte ein, in denen sich das Unheil über Adam zusammenbraut, und bietet auch manche Überraschung. Eine davon ist das T-Shirt, das der übel zugerichtete Dorfrichter, der am Tag nach seinem Fenstersturz quasi die Verhandlung in eigener Sache zu leiten hat, unter dem Nachtgewand trägt: "We are all feminists!" ist auf ihm zu lesen. Das versteht der alte Macho, der von Klaus Müller-Beck sehr traditionell mit der für diese Rolle üblichen Mischung aus ostentativer Naivität und vermeintlicher Gewitztheit gespielt wird, jedoch gut zu verbergen. Es würde ihm bei Gerichtsrat Walter, der hier - zweite Überraschung - mit Katharina Hofmann weiblich besetzt ist, auch nicht viel nützen. Spätestens die neue Schlussszene zeigt: Die Frau Revisor ist aufrechte Dienerin des ausbeuterischen Systems und keine, die mit Frauensolidarität zum Umsturz beitragen möchte.

Am selbstbewusstesten vertritt Gunda Schanderer als Eves Mutter Martha Rull vor Gericht ihre Sache. Sie ist nur leider die falsche: bloß ihr Krug nämlich, der ist freilich ihr ein und alles, seine Zerstörung symbolisiert für sie den Niedergang der Menschheit. Die Tochter hat den klaren Blick, die Mutter den energischen Auftritt - da wünschte man dem Duo mehr innerfamiliären Austausch. Dann wäre viel möglich, denn die Männer sind entweder blass (wie Jakob Kajetan Hofbauer als Ruprecht) oder glatt (wie Markus Ransmayr als Schreiber Licht).

Der zerschlagene Krug wird in dieser Aufführung, mehr archäologisches Ausstellungsstück als corpus delicti, auf einem kleinen Podest an der Bühnenkante präsentiert. Das Aneinanderfügen seiner Scherben wird zum Sinnbild für die Inszenierung: Sieht wirklich interessant aus; ob da aber wirklich eins ins andere greift und er am Ende wieder ganz dicht hält, möchte man lieber nicht ausprobieren.

(S E R V I C E - Heinrich von Kleist: "Der zerbrochne Krug", Inszenierung: Bérénice Hebenstreit, Bühne: Mira König: Kostüme: Karoline Bierner, Musik: Boris Fiala, Mit Katharina Hofmann Klaus Müller-Beck, Markus Ransmayr, Gunda Schanderer, Theresa Palfi, Jakob Kajetan Hofbauer, Eva-Maria Aichner. Bis 24. April im Stream der Netzbühne des Linzer Landestheaters. Interaktives Zoom-Publikumsgespräch am 9. April um 19 Uhr für Käufer der Online-Tickets. https://www.landestheater-linz.at/netzbuehne/unser-angebot)

Quelle: Agenturen