APA/APA/Tiroler Landestheater/Ida Zenna

Innsbrucker "Schwanensee": Zeitgenössisches Hofmärchen

08. März 2026 · Lesedauer 4 min

Pjotr Iljitsch Tschaikowskis "Schwanensee" hat Samstagabend im Großen Haus des Tiroler Landestheaters in Innsbruck Premiere gehabt und mit einer schlüssig modernisierten Handlung und hoher tänzerischer Präzision überzeugt. Choreograf Marcel Leemann und Dramaturg Stefan Späti erzählten den Ballettklassiker als Märchen über Heiratszwang, Macht und Selbstbestimmung - mit einer gegenwartsnahen Hofwelt, neuen Figuren und einem hoffnungsvollen Ende.

Gleich zu Beginn zeichnete die Inszenierung ein Königshaus im Abstieg: Das Königspaar, die durchsetzungsstarke Königin Elisabeth und der unsensible König Georg, hatte an Einfluss eingebüßt: Am Hof regierten Krisenmodus und Kalkül. Der Prinz Siegfried sollte daher möglichst rasch "reich" heiraten - flankiert von einer Finanzberaterin und einem politischen Berater, die den Plan der Königin mit geschäftiger Konsequenz vorantrieben. Diese Setzung erwies sich als ein passender Motor für die Handlung und gab dem ersten Akt die nötige Reibung zwischen Protokoll und Freiheitsdrang.

Die Choreografie blieb in der Hofwelt oft pointiert und körpernah, mit klaren Gruppensetzungen und einem wachen Blick für die sozialen Rollen im Ensemble - vom überforderten Hofnarr "Sleepy", über Freunde aus einer anderen Welt bis zum treuen "Doggo", der als Siegfrieds bester Freund eine eigenwillige, warmherzige Figur zwischen Mensch und Hund erhielt.

Der eigentliche Sog entwickelte sich dann am See, im zweiten Akt: Dort setzte die Produktion stärker auf Stimmung, Linien und ruhige Spannung, wenn die weißen Schwäne als verzauberte Gemeinschaft sichtbar wurden und Odette als Mittelpunkt dieser Welt Kontur gewann. Catarina Abreu zeichnete Odette dabei als selbstbewusste, haltungsstarke und zugleich verletzliche Figur. Iliano Tomasetto gab Siegfried indes mit kraftvoller Präsenz und sauberer Technik - als freiheitsliebender Träumer, der an Pflichten und Begehren zugleich zerrieb. Die beiden konnten - ebenso wie ein insgesamt sehr starkes Tanzensemble - vor ausverkauftem Haus überzeugen.

Doppelter Rotbart, programmierte Odile

Einen der stärkeren dramaturgischen Kniffe setzte die Innsbrucker Version beim Antagonisten. Rotbart trat nicht als singuläre Schreckgestalt, sondern als doppelter Magier auf - eine Verdichtung, die das "Böse" als allgegenwärtige Macht erscheinen ließ und dem Stück ein klares Gegengewicht gab. Als zweite Zuspitzung geriet Odile: Der schwarze Schwan wurde als künstlich programmierte Verführungsfigur erzählt, als Täuschungsmaschine, die Siegfried im "Ball-Akt" in die Irre führte. Antonietta Bajraktari setzte Odile mit kontrollierter Schärfe an, ohne die Figur bloß eindimensional auszustellen.

Bühne und Video von Ayşe Gülsüm Özel arbeiteten mit wirkungsvollen, teils poetischen Zeichen. Am Premierenabend schien aber technisch nicht alles reibungslos zu laufen: Der über den Tänzerinnen und Tänzern fixierte Mond stieß im Verlauf ein paar Mal an und sorgte für einen kleinen Schreck. Der Fluss der Aufführung brach dadurch allerdings nicht. Kostüme von Catherine Voeffray fanden indes eine stimmige Balance zwischen klassischer Anmutung und heutiger Lesart.

Orchester als Rückgrat

Musikalisch erwies sich Tschaikowski mit Live-Orchester einmal mehr als Trumpf. Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck gab der Partitur Spannkraft, Klangglanz und Atem - gerade gegen Ende der Vorstellung wurde die Spannung förmlich spürbar. In den Szenen am See verband sich der Orchesterklang zudem eng mit der Bewegungssprache und verlieh dem Abend jene emotionale Breite, die "Schwanensee" seit jeher trägt. Dass die Produktion als märchenhaftes Stück für die ganze Familie angelegt ist, blieb dabei spürbar - die Inszenierung hielt die dunklen Momente präsent, ohne in plakative Härten zu kippen.

Der Premierenabend endete schließlich mit einem tosenden Schlussapplaus. Besonders die Hauptrollen sowie das Ensemble wurden lautstark gefeiert - als Bestätigung für eine Innsbrucker "Schwanensee"-Lesart, die den Klassiker nicht museal ausstellt, sondern ihn als zeitgenössisches Hofmärchen mit klaren Figuren und Gruppensetzungen neu formt.

(Von Max Hofer/APA)

(S E R V I C E: "Schwanensee". Tanzstück von Marcel Leemann mit Musik von Pjotr I. Tschaikowski, Tiroler Symphonieorchester Innsbruck. Musikalische Leitung: Gerrit Prießnitz (7., 12., 13., 22., 29. März; 26. April; 2. und 10. Mai) / Matthew Toogood. Bühne & Video: Ayşe Gülsüm Özel. Kostüme: Catherine Voeffray. Libretto/Dramaturgie: Stefan Späti. Mit: Iliano Tomasetto (Prinz Siegfried), Catarina Abreu (Odette), Elizabeth Shupe (Königin Elisabeth), Giorgos Mitas (König Georg), Antonietta Bajraktari (Odile). Dauer ca. 2 h 10, eine Pause. Weitere Vorstellungen: 12., 13., 22., 29. März, 26. April, 2., 10., 16., 20., 28. Mai, 3., 27. Juni, 2. Juli.)

Zusammenfassung
  • Tschaikowskis "Schwanensee" feierte am Samstagabend Premiere im Tiroler Landestheater Innsbruck und überzeugte mit einer modernisierten Handlung, die aktuelle Themen wie Heiratszwang und Selbstbestimmung in einer zeitgenössischen Hofwelt aufgriff.
  • Das Ensemble, angeführt von Catarina Abreu als Odette und Iliano Tomasetto als Siegfried, zeigte hohe tänzerische Präzision, während das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck die Aufführung mit Live-Musik untermalte.
  • Die Produktion dauerte etwa 2 Stunden 10 Minuten, endete mit großem Applaus und bietet bis Juli zahlreiche weitere Vorstellungen.