In der Volksoper gehen "Piraten" auf hochkomischen Raubzug
Als Brücke in die Gegenwart - auch humortechnisch - dient ein Stück-im-Stück-Rahmen, bei dessen selbstironischem Vorspiel der Interimsdirektor des Hauses (köstlich tollpatschig und Penzance ständig falsch aussprechend: Marcel Mohab) seiner Assistentin Magister Maria Ritt (Katharina Pizzera) und allen "verlorenen Schäfchen" das Comeback der Operette am Haus erklärt. "Mit Entsetzen musste ich nämlich feststellen, dass es viele gibt, die sich seit Jahren vernachlässigt - ja links liegen gelassen fühlen", heißt es in der frechen Textadaption und -überschreibung der Dramaturgin Jennifer Gisela Weiss. Der Direktor selbst sei konservativ und sieht es als seine "heilige Pflicht" an, sich nicht dafür zu schämen. Die Schäfchen sollen zurück ins Piratenschiff. Gelinge das nicht, möge er "auf der Stelle aus einem Kanonenrohr" gefeuert werden. Und immerhin seien Karten für die Volksoper zwar teuer, aber lange "nicht so teuer wie für die Staatsoper".
Zur Premiere geladen sind auch die fiktiven Urenkelinnen der Operetten-Stars Gilbert und Sullivan: Gillian Gilbert (Lucy Hopkins) und Sally Sullivan (Petra Massey), die dem Herrn Direktor nicht nur alle möglichen Wörter im Mund umdrehen, sondern als Geschenk ein Piratenschiff-Modell mitbringen, das ihn künftig bei allen Auf- und Abgängen behindern wird. Und weil die neu adaptierte Comic-Opera in zwei Akten die weibliche Selbstermächtigung betont, setzt sich die Assistentin gleich einmal ab, um selbst an Bord der herzenswarmen, chaotischen Piratinnentruppe zu gehen. In dieser Doppelrolle als Leutnant Samuel darf Katharina Pizzera ihr großes komödiantisches Talent unter der unangefochtenen Piratenkönigin (Katia Ledoux) ausspielen. Die Ausstattung von Julian Crouch lässt für den einen oder anderen wohl den Piratenschifftraum aus der Kindheit wahr werden: Auf einem zweidimensional angelegten Meer, dessen Wellen händisch bedient zum Schunkeln gebracht werden, schippert es durch die Geschichte:
Eine krude Pointe mit hauchdünner Logik zementiert das Schicksal des jungen, hilflosen Frederic (hochkomisch: Timothy Fallon) ein: Weil seine Schweizer Nanny Ruth (sehr witzig: Johanna Arrouas) und ihr eidgenössisches Sprachgefühl "private" und "pirat" verwechselt, wird er zur Lehre auf ein Piratenschiff geschickt. Mit 21 Jahre endet diese Lebensschulung, und er will endlich raus ins wahre Leben und eine Frau finden. Doch die Ladys hecken folgende Falle aus: Weil er an einem 29. Februar - also in einem Schaltjahr - geboren wurde, muss er nach Piratenlogik Jahrzehnte in ihrem Dienst bleiben, getrennt von seiner Liebe Mabel (Nicole Chévalier). Weil ihm die Gefühle aber eingeschossen sind, schießt er aus der Not gegen Mabels Vater, den Generalmajor Stanley (Jakob Semotan). Der hatte nämlich einst der Piratentruppe vorgemacht, er sei ein Waisenkind. Und sich so ihr Mitgefühl erbettelt, doch die Seeräuberinnen schwören Rache.
Britischer Humor von Spymonkey
Und so schaukelt sich das Vergnügen zwischen hoch stilisierten Tanz- und Chorszenen weiter zwischen Ahninnen und Ahnen aus Pappkarton hoch und die geflunkerte Biografie gerät ins Wanken: Das britische Regieduo Spymonkey (Aitor Basauri und Toby Park), das schon mit "Orpheus aus der Unterwelt" in Wien einen Bühnenerfolg einfuhr, setzen voll auf bewährte Stilmittel des britischen Humors: auf stete Parodie, gar nicht subtil gesetzte Gags, auf Tempo, Slapstickeinlagen, visuell wunderbar choreografierten Nonsens und vor allem auf Körperkomik. Die Polizei, angeführt vom Sergeanten (Stefan Cerny als geborener Entertainer), pirscht sich von unter Wasser an - "getarnt" als Muschel, Oktopus, Krabbe, Fisch oder Seeigel. Die Fischkopfhüte von Julian Crouch schießen den Vogel ab. Die Dirigentin Chloe Rooke lässt das Orchester schwungvoll der finalen Konfrontation zwischen Piratenfrauen und Nobelmännern entgegen schaukeln, wobei Gut und Böse hier nicht festgelegt sind. Das Ensemble verständigt sich vor allem auf eins: den Humor. Prognose: Die Segel für einen veritablen Hit sind gesetzt.
(Von Julia Schafferhofer/APA)
(S E R V I C E - "Die Piraten von Penzance" von Arthur Sullivan, Libretto von William Schwenck Gilbert in der Volksoper, Währinger Straße 78, 1090 Wien. Regie: Spymonkey (Aitor Basauri & Toby Park), Textadaption- und Überschreibung: Jennifer Gisela Weiss, Musikalische Leitung: Chloe Rooke, Bühne/Kostüme: Julian Crouch, Licht: Phil Supple. Mit: Piratenkönig - Wallis Giunta, Samuel - Katharina Pizzera, Frederic - Timothy Fallon, Ruth - Johanna Arrouas, Polizeisergeant - Alexander Fritze, Stanley - Jakob Semotan, Mabel - Nicole Chévalier, Edith - Mira Alkhovik, Kate - Camila Aguilera Yáñez, Sally Sullivan - Petra Massey, Gillian Gilbert - Lucy Hopkins, Robert Kitzler - Marcel Mohab, Maria Ritt - Katharina Pizzera, Ariel - Jeanne Lenoble, Polizisten - Georg Wacks/Kevin Perry/Gerhard Kasal/Smelo Mahlangu/Aaron Pendleton/Nicolaus Hagg. Weitere Aufführungen am 2., 6., 10., 14., 17., 20. und 26. April sowie am 2. Mai. www.volksoper.at/produktion/die-piraten-von-penzance-2026.de.html )
Zusammenfassung
- Die Volksoper Wien präsentierte am Freitagabend eine knallbunte Neuadaption von "Die Piraten von Penzance" unter der Regie des britischen Comedyduos Spymonkey.
- Das Stück setzt auf modernen britischen Humor mit viel Slapstick, Parodie und Körperkomik, was vom Premierenpublikum gefeiert wurde.
- Im Mittelpunkt steht eine Piratinnentruppe, die weibliche Selbstermächtigung betont, mit Katharina Pizzera und Katia Ledoux in zentralen Rollen.
- Die aufwendige Ausstattung von Julian Crouch verwandelt die Bühne in ein zweidimensionales, kindlich-verspieltes Piratenschiff mit handbetriebenen Wellen.
- Weitere Vorstellungen finden am 2., 6., 10., 14., 17., 20. und 26. April sowie am 2. Mai in der Volksoper, Währinger Straße 78, 1090 Wien, statt.
