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Heute neu: Norbert Gstreins Roman "Vier Tage, drei Nächte"

22. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

"Vier Tage, drei Nächte" heißt der heute erscheinende neue Roman von Norbert Gstrein. Genauso gut könnte er "Zwei Männer, eine Frau" heißen, "Brüderlein und Schwesterlein" oder "Drei Arten, ein Rassist zu sein". So heißt jedenfalls der Roman, den eine der Protagonistinnen, die Literaturwissenschafterin Ines, gegen Ende des Buches beginnt und damit dem letzten Kapitel von Gstreins Roman seinen Namen gibt. Erklärt ist damit freilich nichts. Gstrein liebt es kompliziert.

Der in Hamburg lebende Tiroler, der 2019 für "Als ich jung war" den Österreichischen Buchpreis erhielt und im Vorjahr mit "Der zweite Jakob" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, hat sich immer schon dem einfachen Storytelling verweigert. Stets waren komplizierte Motivlagen, ständige Selbstzweifel und alternative Deutungsversionen konstituierende Begleiter seiner in klarem und unaufgeregtem Duktus erzählten Geschichten. Müsste er vor Filmproduzenten seinen neuen Roman für eine Verfilmung pitchen, "würde (ich) sagen, da sei ein junger Mann, der seine Schwester über alles liebt und nicht von ihr loskommt, und würde so alle glauben lassen, sie hätten es mit einem Skandalroman zu tun", sagt er nun in einem von seinem Verlag verbreiteten Interview. Das wäre dann freilich kein Gstrein-Roman.

"Tabu" hieß vor ein paar Jahren ein Film von Christoph Stark, der mit Lars Eidinger und Peri Baumeister in den Hauptrollen den vermeintlichen Inzest des Dichters Georg Trakl und seiner Schwester Grete verfilmte. In diese Richtung scheint Gstrein mit Ines und ihrem Halbbruder, dem Flugbegleiter Elias, zu steuern. Voller erotischer Spannung sind die Episoden ihres gemeinsamen Aufwachsens. Man spürt dabei förmlich die diebische Freude des Autors, Erwartungen zu wecken, die er nicht einzulösen gedenkt. Denn unmerklich wird eine ganz andere Geschichte daraus. Mehrere Geschichten.

Die eine handelt von dem Eifersuchtsspiel, das die Beziehung der Halbgeschwister in der Folge bestimmt: Ines hat jede Menge Verehrer und Liebhaber, hält diese jedoch kurz und lässt Elias leiden, indem sie ihn in die geschickt gesteuerte Abfolge von Anziehung und Abstoßung einbezieht. Es gibt aber auch die Dreiecksgeschichte von Ines, Elias und dessen Freund Carl, der für Ines' abgewiesenen und sie stalkenden Verehrer Ulrich als Nebenbuhler wirkt.

Und es gibt die "Corona verändert alles"-Geschichte, in der der Vater von Elias und Ines, ein Tiroler Hotelier, eine gewichtige Rolle spielt: Er zieht seine traditionelle "Vier Tage, drei Nächte"-Saisonauftakt-Sause trotz Lockdowns durch, verursacht dabei einen Corona-Hotspot und schleppt später von einer Südafrika-Jagd mit Hoteliers-Kollegen eine neue Virus-Variante ein - alles Echos auf reale Ereignisse. Dass sich sein Name von "Gstraun", dem Südtiroler Dialektausdruck für kastrierte Widder, ableitet, ist übrigens eine von mehreren (selbst)ironischen Insider-Anspielungen, von denen auch Kollege Peter Handke nicht verschont wird.

Gegen Ende, man hat immer weniger Ahnung, wohin dieses Buch nun führen soll, biegt man Richtung "Decamerone" ab. Ines, Elias und Carl sperren sich nach Weihnachten genau "vier Tage, drei Nächte" ein, bis ihre Vorräte aufgebraucht sind, und beschließen, in einer Art Hommage an Boccaccio einander Geschichten über erste Erfahrungen mit Begehren und Begehrt-Werden zu erzählen. Carl erzählt auf englisch. Beiläufig, bisher spielte es keinerlei Rolle, erfährt man, dass er schwarze Hautfarbe hat. Womit der Übergang zum Schlusskapitel gelegt ist, in dem Ines eine Spiegelgeschichte der eigenen Dreier-Konstellation erzählt und alles noch vertrackter macht.

Das Motiv des Buchcovers, ein schwarzer Stier im weißen Schnee, kommt übrigens nur ganz kurz vor, als Jugend-Erinnerung von Elias in einer Sitzung mit seiner Therapeutin. Es wäre auch ein schönes Filmplakat. Doch "Vier Tage, drei Nächte" wird wohl unverfilmt bleiben. Es sei denn, die Produzenten ließen sich von Gstreins Pitch überzeugen. Dann freilich würde der Autor auf der Leinwand sein Buch wohl kaum wiedererkennen. Dann käme es zum Showdown im Lockdown. Ganz ohne Skrupel. Dafür mit Mord und Totschlag.

(S E R V I C E - Norbert Gstrein: "Vier Tage, drei Nächte", Hanser Verlag, 352 Seiten, 26,80 Euro; Lesungen u.a. am 14.9. um 19 Uhr in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Wien 1, Herrengasse 5, am 15.9. um 19.30 Uhr im StifterHaus, Linz, Adalbert-Stifter-Platz 1, sowie am 16.9. um 19 Uhr in der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum Innsbruck, Museumstraße 15)

Quelle: Agenturen