APA - Austria Presse Agentur

Günther Groissböck feierte sein Regiedebüt in der Kammeroper

27. Mai 2021 · Lesedauer 3 min

Auch die Wiener Kammeroper, die kleine Dependance des Theaters an der Wien, ist nun mit der letzten Premiere der laufenden Spielzeit in den postcoronalen Aufführungsreigen eingestiegen: Dort, wo Starbass Günther Groissböck 1996 im Chor seinen ersten Bühneneinsatz hatte, stand für ihn nun ein weiteres Debüt an - das als Regisseur. Dafür hat sich der 44-Jährige mit Wagners "Tristan und Isolde" gleich einen fetten Brocken ausgesucht und ihn zum "Tristan Experiment" entschlackt.

Um rund eine Stunde gekürzt, streicht Groissböck dabei vor allem die Handlungsebenen, die Erzählungen. Was bleibt, ist ein noch mehr auf den Liebesexzess fokussiertes Werk. Dabei wirft der "Tristan" immer schon den Schatten der Liebesgeschichte von Wagner und Mathilde Wesendonck, die den Ausschlag für die Entstehung der Oper bildete, stellt also gleichsam eine Parabel wie ein Schlüsselwerk dar. Groissböck fügt dieser Doppelgesichtigkeit noch eine dritte Ebene hinzu, eine Frau und ein Mann, die bei einer Versuchsanordnung in einer Klinik in den Liebestaumel verfallen, zwischen Wagner und Mathilde, zwischen Tristan und Isolde changieren.

Dass diese Konstellation über die intellektuelle Kopfgeburt ins Sinnliche hinausreicht, dafür ist auf Inszenierungsebene vor allem die Videoarbeit von Philipp Batereau verantwortlich, die einen trichterförmigen Bühnenaufbau als flexible, dreidimensionale Leinwand nutzt, die mal ein Zimmer der Wesendonck-Villa abstrahiert oder das Geschehen zum Schachbrett stilisiert. Die Akteure werden da im Vergleich immer wieder statisch positioniert.

Doch kann ein Stück, in dem es letztlich "nur" um die Liebe geht, ohne das große Wagner-Orchester funktionieren? Die Antwort ist eindeutig: Jein. Die auf 20 Musiker kondensierte Fassung mangelt notwendigerweise am Rausch, am Exzess. Im Vordergrund stehen Klangfarben, die weniger mit breitem Strich gezeichnet sind als mit dem gespitzten Stift, es geht um Durchsichtigkeit, die den Sängern mehr Raum lässt. Diesen wissen Norbert Ernst und Volksoper-Mitglied Kristiane Kaiser zu nutzen, die sich weniger mühen müssen, über ein Orchester zu dringen und deshalb auf eine feinstofflichere Färbung ihrer Titelcharaktere setzen können.

Und ganz hat Neo-Regisseur Groissböck auch nicht auf die Bühnenluft verzichten wollen. In den beiden Szenen, in denen er als Marke auf der Bühne steht, füllt er den kleinen Raum der Kammeroper mit seinem Bass vollends aus. Als Regisseur mag hier in puncto Personenführung noch Luft nach oben sein. Aber die Kammeroper hat sich ja bereits einmal als Sprungbrett für den Künstler erwiesen.

(S E R V I C E - "Tristan Experiment" nach Richard Wagner in der Kammeroper, Fleischmarkt 24, 1010 Wien. Musikalische Leitung des Wiener Kammerorchesters: Hartmut Keil, Inszenierung: Günther Groissböck, Videodesign: Philipp Batereau, Ausstattung: Stefanie Seitz. Mit Tristan - Norbert Ernst, Isolde - Kristiane Kaiser, Brangäne - Juliette Mars, König Marke - Günther Groissböck, Kurwenal/Melot - Kristján Jóhannesson. Weitere Aufführungen am 29. Mai sowie am 1., 6., 9., 13., 17. und 20. Juni. www.theater-wien.at/de/programm/production/984/Tristan-Experiment)

Quelle: Agenturen