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"Grelle Tage" ohne Erhellung: Uraufführung im Schauspielhaus

13. Jan. 2023 · Lesedauer 3 min

Die Klimaaktivisten sind wieder unterwegs. Diesmal nehmen sie offenbar den "Schrei" ins Visier. Alles ist bereits vorbereitet, die schützende Glasplatte justiert, die Tomatendose geöffnet - da unterbricht ein hinzutretender Schauspieler seine Kollegen, die Spielsituation wird gebrochen, und es geht ansatzlos weiter. Nicht viele Szenen der Uraufführung von "Grelle Tage" im Schauspielhaus sind so pointiert und witzig geworden. Die Premiere am Donnerstag wurde dennoch bejubelt.

Mit "Grelle Tage" konnte die 1998 in Zürich geborene Autorin Selma Matter im Vorjahr das Hans-Gratzer-Stipendium gewinnen. Die Klimakatastrophe wird in dem Stück überall greifbar: In Brandenburg trocknet ein See aus, das Matterhorn zerbröselt, und in Sibirien taut der Permafrost auf. Forscher und Häuser versinken im Schlamm, über tausende Jahre konservierte Tiere kommen an die Oberfläche. "Mammutdealer" jagen nach Elfenbein, "Archäologen" (gemeint sind wohl eher Paläontologen) nach der DNA ausgestorbener Gattungen. Da wird ein 13.000 Jahre alter Wolfshund-Welpe wieder lebendig und knurrt den verblüfften Forscher an: "Du hast mich aufgestört! Was willst Du?"

Das lässt sich auch im Hinblick auf "Grelle Tage" nicht schlüssig beantworten. Selma Matter, die mit Marie Lucienne Verse auch schon das Thomas-Bernhard-Stipendium gewann (ihr gemeinsames Stück "Alice verschwindet" wurde im Dezember am Landestheater Linz uraufgeführt), streift aktuelle Diskussionen, die in drei kurzen Szenen, in denen die Spieler aus ihren Figuren heraustreten, eine weitere Ebene scheinbarerer Privatheit erhalten, doch verliert sich in Allgemeinplätzen.

Da kann die 13-jährige Nico Werner Lobo an der Seite des Schauspielhaus-Ensembles als aufgetauter Jung-Hund noch so beeindrucken: Regisseurin Charlotte Lorenz findet zwischen Scherz, Ironie und tieferer Bedeutung keinen rechten Mittelweg. Für ihre 70-minütige Uraufführungsinszenierung hat sie zwar einen Saftspender und eine Zuckerwattemaschine, rote Farbe und weiße Tischtennisbälle aufgeboten - statt Verzweiflung über die Zerstörung der Welt oder Verwunderung über die Auseinandersetzung des Wolfshundes mit seinen Findern vermittelt sich eine Beliebigkeit der Mittel, die letztlich auch den Inhalt entschärft. Während anderswo die Polizei die Klima-Kleber langwierig vom Asphalt lösen muss, bleibt im Theater von diesem klimabewussten Abend leider nichts haften.

(S E R V I C E - "Grelle Tage" von Selma Matter, Regie: Charlotte Lorenz, Bühne: Camilla Lønbirk, Olivia Schrøder. Kostüme: Josefin Kwon. Musik: Florentin Berger-Monit, Johannes Wernicke, Mit: Simon Bauer, Vera von Gunten, Clara Liepsch, Sebastian Schindegger, Til Schindler, Nico Werner Lobo. Uraufführung im Schauspielhaus Wien, Weitere Vorstellungen: 14., 17., 18., 20., 21., 24., 25., 26., 27. Jänner, Karten: 01 / 3170101-18, www.schauspielhaus.at)

Quelle: Agenturen