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"Genie und Gewissen": Neues Buch über Herbert von Karajan

13. Feb. 2026 · Lesedauer 3 min

Herbert von Karajan war Opportunist, aber kein glühender Nationalsozialist und schon gar kein Täter; seinen Aufstieg verdankte der Dirigent "in erster Linie seinem Können, nicht seiner erkennbar nur formalen NS-Mitgliedschaft". Das sind die wesentlichen Thesen, die der Historiker Michael Wolffsohn in seinem Buch "Genie und Gewissen - Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus" aufstellt, das am 19. Februar im Gustav-Mahler-Saal der Staatsoper präsentiert wird.

Wolffsohn, "1947 in Israel geborener Sohn und Enkel von deutschstämmigen Holocaustüberlebenden" und von 1981 bis 2012 Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München, erlebte den Dirigenten oft selbst am Pult und schildert eingangs eine Aussage seiner Mutter, die zu Karajans Konzerten regelrecht pilgerte: "Er war zwar Nazi, aber erstens nur ein kleines, bedeutungsloses Rädchen und zweitens ist er für mich der weltweit beste Dirigent."

Wolffsohn hat u.a. über "Die Wurzeln des Streits zwischen Juden und Arabern", "Die Rolle Europas im Nahost-Konflikt" und "deutsch-jüdisch-israelische Beziehungen" publiziert. Warum hat er nun über Karajan und seine Rolle im NS-Staat geschrieben? Weil Karajans Töchter Isabel und Arabel ihn gefragt haben. Weil sie wissen wollten, "wie es eigentlich gewesen ist", weil sie wissen wollten, "ob ihr Vater wirklich, wie vielfach behauptet, 'Nazi' war oder nicht", schreibt er. Und weil ihn eine Frage schon länger beschäftige: "Schließen Genie und Gewissen einander aus?"

Wolffsohn wurde also 2024 vom Eliette und Herbert von Karajan Institut in Salzburg mit einer umfassenden Studie beauftragt. Er habe dafür umfangreiches Quellenstudium betrieben, häufig in der Sekundärliteratur einfach übernommene Behauptungen geprüft und analysiert, Zugang zu privater Korrespondenz ("Seine Briefe zeigen keinen ideologischen Eifer, aber eine deutliche Karriereorientierung.") und der Privatbibliothek Karajans in St. Moritz ("... keinerlei völkisch-ideologische Literatur nachweisbar.") bekommen und auch die internationale Rezeption von Karajans Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg untersucht, schildert der Autor.

"Karajan war kein Täter"

In einem Abstract fasst er seine Erkenntnisse zusammen: "Karajan war Formalnationalsozialist, kein Gesinnungsnationalsozialist und kein Täter. Seine Handlungen während des NS-Regimes entsprechen dem Muster eines politisch desinteressierten, karriereorientierten, nur in seiner Musikwelt lebenden Mitläufers - eingebettet in ein System, in dem Kultur von der Politik hochgradig instrumentalisiert wurde."

Wolffsohn, der schon bisher zu anderen Themen selten die Konfrontation scheute, stößt sich angesichts seiner Forschungsergebnisse an dem im Dezember 2022 im Kulturausschuss des Salzburger Gemeinderats beschlossenen neuen Text einer Gedenktafel am Herbert-von-Karajan-Platz. "Er trat 1933 der NSDAP bei und nutzte das NS-Regime für seine Karriere", heißt es dort unter anderem. Das lege nahe, dass er ohne die Nationalsozialisten keine Karriere gemacht hätte, meint der Historiker und merkt süffisant an: "Harren wir also geduldig des nächsten amtlichen Salzburger Karajan-Textes."

"Ein schlechtes Gutachten"

Herbert von Karajan (1908-1989) gehört zu jenen 13 Namenspaten von Salzburger Straßen oder Plätzen, denen von einer Historikerkommission eine so gravierende Verstrickung mit dem NS-Regime zur Last gelegt wird, dass sie in ihrem nach dreijähriger Forschung vorgelegten 1.100-seitigen Abschlussbericht der Politik eine Umbenennung nahelegte.

Auch dieses "Salzburger Gutachten" wird von Wolffsohn auf vielen Seiten kritisiert. Sein Fazit: "Es ist ein im doppelten Sinne schlechtes Gutachten, fachlich schlecht und schlecht, weil vielfach falsch, bezogen auf Karajan. Als Grundlage einer politischen Entscheidung zugunsten einer Umbenennung des Herbert-von Karajan-Platzes ist es gänzlich ungeeignet. Erst 'der bedeutendste Sohn', dann Schmuddelkind Salzburgs. Zeiten, Werte und Akteure ändern sich."

(S E R V I C E - Michael Wolffsohn: "Genie und Gewissen - Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus", Herder Verlag, 368 Seiten, 26,80 Euro, Präsentation am 19.2. um 16.30 Uhr in der Wiener Staatsoper, Gustav-Mahler-Saal)

Zusammenfassung
  • Wolffsohn kritisiert das 1.100-seitige Salzburger Historikergutachten, das Karajan eine gravierende Verstrickung mit dem NS-Regime zuschreibt und eine Umbenennung des Herbert-von-Karajan-Platzes empfiehlt, als fachlich und sachlich mangelhaft.
  • Das Buch erscheint im Herder Verlag, umfasst 368 Seiten, kostet 26,80 Euro und wird am 19. Februar um 16:30 Uhr im Gustav-Mahler-Saal der Wiener Staatsoper präsentiert.