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Für immer Nacht: Eröffnungsoper der Festspiele umjubelt

26. Juli 2022 · Lesedauer 4 min

Romeo Castellucci und Teodor Currentzis lassen es "für immer Nacht" werden in Salzburg: Mit dem Zweiteiler aus Bela Bartoks Psychostudie "Herzog Blaubarts Burg" und Carl Orffs Weltuntergangsfantasie "De temporum fine comoedia" hat der Opernreigen der heurigen Festspiele am Dienstagabend mit dickem schwarzen Pinselstrich begonnen. In der Felsenreitschule gab es für den ungewöhnlichen Auftakt viel Jubel - auch und gerade um den umstrittenen griechisch-russischen Dirigenten.

Als Eröffnungsproduktion ist Festspielintendant Markus Hinterhäuser mit der neuartigen Kopplung der beiden selten gespielten Werke ein schwer kalkulierbares Risiko eingegangen. Nicht so sehr wegen Currentzis: Das Auftreten des in Russland bekannt gewordenen und via sanktionierter Bank finanzierten Ausnahmedirigenten mag für die überschaubaren, aber schwer zu dechiffrierenden Proteste vor Premierenbeginn in der Hofstallgasse verantwortlich gewesen sein - oder auch nicht. Verlässlicher ist, dass Currentzis für Hochspannung und Begeisterung sorgt. Riskant ist allerdings der dramaturgische Zugriff auf die beiden Werke. Musik, deren schroffe Klippen nicht von Bekanntheit gemildert werden, szenische Düsternis, psycho- und theologische Nihilismen, die das Weltenende unmissverständlich und unverdaulich an den Festspielbeginn setzen.

Eine gemeinsame Bildsprache zu finden für den Frauenmörder Blaubart und für das jüngste Gericht, damit hat der Festspielintendant Castellucci beauftragt, den Bühnen-Bildhauer, der nicht in Plot, sondern in Symbolen denkt und lieber mit langlebigen Assoziationen verstört als mit schlüssigen Kausalketten durch den Abend zu führen. 1918 und 1981 sind die Jahreszahlen, aus denen die beiden Stücke stammen, das eine ein impressionistischer Psychothriller über eine Frau, die sich trotz und wegen aller dunkler Ahnungen in die Fänge eines Serienkillers begibt, das andere ein wuchtiges, mit wirkungsvollen Rhythmen wild aufpeitschendes Oratorium über das monströse Ende des Menschen, das durch das Böse in seiner Mitte notwendig herbeigeführt - und in der Bekenntnis der Sünde zuletzt überkommen wird.

"Blaubart" und diese "Comoedia" haben in ihrer Anlage wenig gemeinsam, außer dass sie - zumindest bei Castellucci - von weit entfernten Enden in das gleiche Nichts starren, das uns diese fast monochrom schwarze Bühne immer und immer wieder in lebendige Formen gießt. Als Blaubart und Judith bauen Mika Kares und Ausrine Stundyte im ersten Teil kammerspielartige Spannung auf, die Szene reduziert auf schemenhafte Feuer- und Wasserelemente, einen See schwarzer Tränen, der den dichten Pas de Deux von Mann und Frau, Verführung und Neugier, Täter und Opfer in immer mehr Schattierungen tränkt. Groß, warm, mühelos und packend singen Stundyte und Kares, Currentzis formt mit dem solistisch bestens ausgestatteten Gustav Mahler Jugendorchester einen spätromantisch fließenden Bartok von herausragender Lebendigkeit, uneitel, und doch reich an Akzenten.

Nachdem wir so im ersten Teil - vor einer fast einstündigen Umbaupause - gelernt haben, wie verführerisch die Abgründe in jedem und jeder wohnen, laden die Zelebranten in der zweiten Hälfte trommelnd, zischend und schreiend zur schwarzen Messe und lassen Chor, Tänzer und Statistinnen ein mitreißendes archaisches Gruselkabinett durchdeklinieren. Die Sibyllen und ihre Schatten verstehen sich nicht nur auf die schrille Kunst der Prophezeiung, sie steinigen auch, sie morden Kinder, sie häuten die schwarze Bühne und legen darunter einen sakral gefließten Boden frei.

Während Currentzis im präzisen Aushorchen und Aufschichten des musikdramatischen Zündstoffs zur Hochform aufläuft und dem Weltuntergang damit zu immer neuen, grauenhaften Wendungen verhilft, tummeln sich auf der Bühne schließlich die Untoten, ein hautfarbener Zellhaufen, der sich ent- und vermenschlicht zugleich aus dem Boden windet. Wehklage. Buße. "Gott hat es so gewollt." Blaubart und Judith treten noch einmal auf, beobachten den jungen Luzifer, wie er das Licht bringt, zum Vorschein bringt als weißes Kleid unter vielen dunklen Umhängen. Der Abend ist inzwischen lang geworden, das Ende - der Welt, wie des Opernabends - scheint schon seit einer Weile zum Greifen nah und entzieht sich doch.

Nicht wenige im Publikum werden nach Ende erschöpft und ein wenig ratlos die Felsenreitschule verlassen. Die große Mehrheit aber wird in Jubel ausbrechen. Weil die Festspiele mit einem solchen Einstieg halten, was sie versprechen. Dass man das nur hier erleben kann. Dass man nicht Fluchtpunkt, sondern Fokuspunkt in einer Zeit der übermächtigen Krisen, Kriege und Zukunftsängste ist. Dass man wagt und fordert und Abwege nimmt und dabei musikalische Spitzenleistungen garantiert. Dass man den Konflikt, etwa um einen Currentzis, nicht scheut, weil man im Angesicht des Plumpen auf dem Schwierigen beharrt. Der Applaus für den Dirigenten fiel sehr dezidiert aus.

(S E R V I C E - "Herzog Blaubarts Burg" von Bela Bartok und "De temporum fine comoedia" von Carl Orff. Musikalische Leitung: Teodor Currentzis, Regie: Romeo Castellucci. Choreographie: Cindy van Acker. Mit Mika Kares, Ausrine Stundyte, Nadezhda Pavlova. Gustav Mahler Jugendorchester. Weitere Termine am 31.7., 2., 6., 15., 20. 8. Felsenreitschule. www.salzburgerfestspiele.at)

Quelle: Agenturen