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Für immer fremd: "Dschomba" von Karin Peschka

Der neue Roman von Karin Peschka beginnt mit einer Urszene: An einem nasskalten Tag des Jahres 1954, kurz nach Allerheiligen, tanzt ein halbnackter fremder Mann singend zwischen den Gräbern des Eferdinger Friedhofs. Die Stimmung der Augenzeugen schwankt zwischen Neugier, Besorgnis und Aggression. Ehe man gemeinsam den vermeintlichen Grabschänder überwältigt, der es wagt, auf dem katholischen Friedhof ein serbisches Wiegenlied zu singen, greift der Herr Dechant ein.

Was in den Fremden gefahren und woher er gekommen ist, wird sich nie ganz klären lassen, denn am Land spricht man nicht viel. Da setzt man mehr auf nonverbale Kommunikation und beherrscht viele Arten, seine Abneigung körperlich auszudrücken. Insofern passt der Serbe Dragan Džomba gut hierher. Auch, weil es hier einen "Serbenfriedhof" gibt, auf dem (neben Italienern, Russen, Österreichern, Albanern, Rumänen und einem Franzosen) 5.362 Serben aus der Zeit begraben sind, als im Ersten Weltkrieg hier ein Kriegsgefangenenlager war, sowie 1.027 russische Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg ihre letzte Ruhe fanden. Lager und Friedhof sind wenig bekannt, aber historische Tatsachen.

Es geht Peschka weniger um die Vergangenheit des titelgebenden "Dschomba" als um seine Gegenwart, um die langsame und immer wieder auf Widerstände stoßende Integration des Fremden, der tun kann, was er will: Er wird nie so recht dazugehören. Woran das liegt, das beschreibt die Autorin ziemlich genau - ohne zu werten. Dabei greift sie direkt auf eigene Erfahrungen zurück. Ein guter Teil des Geschehens spielt sich in jenem Gasthof "Roter Krebs" ab, in dem die Eferdinger Wirtstochter aufgewachsen ist. Sie hat sich selbst und ihre Geschwister als Kinder eingeschrieben, die in dem in den 1970er-Jahren spielenden Handlungsstrang immer wieder an der Schank und beim Servieren aushelfen müssen. Als Kind habe sie bei Stammtischrunden Männer beim Schnapsen von ihren Kriegserfahrungen berichten gehört oder den Geschichten aus dem Familienkreis gelauscht, sagt die Autorin. "Devojka", Mädchen, wird die jüngste Tochter vom Herrn Dschomba liebevoll genannt, wenn sie ihm sein Schnitt Bier ("Kein Seiterl, keine Halbe. Ein Schnitt.") serviert. Džomba ist da schon ein alter Mann, aber noch immer sind die abenteuerlichsten Geschichten über ihn im Umlauf ...

Als Autorin kann Peschka nicht nur auf ihre Eferdinger Kindheit, sondern auch auf ihre Arbeit als Sozialarbeiterin zurückgreifen. Ihre Romane "Watschenmann" (2015), "FanniPold" (2016) und "Putzt euch, tanzt, lacht" (2020) sowie ihr Erzählband "Autolyse Wien" (2017) sind geprägt von Menschenkenntnis und Zuneigung für ihre Figuren. Das ist auch in "Dschomba" nicht anders. Sie schaut zu, aber spitzt nicht zu. Jedenfalls nicht mehr als notwendig. Was aber auch heißt: Hier wird um die Leser nicht geworben. Der in viele kurze Szenen gegliederte Erzählduktus hat eine gewisse Schroffheit, die dem Geschilderten entspricht. "Dschomba" bedeutet zunächst ernsthafte Lektürearbeit. Erst, wenn einem Dragan Džomba, der hilflos wirkende, aber wichtige Integrationsarbeit leistende Dechant, oder der Kleinhäusler Silvester nahe gekommen sind, liest sich das über 370 starke Buch wie von selbst. Und berührt einen nachhaltig.

(S E R V I C E - "Dschomba" von Karin Peschka, Otto Müller Verlag, 380 Seiten, 26 Euro; Lesungen u.a. am Dienstag, 28. Februar, 19.30 Uhr, Stifterhaus Linz, Adalbert-Stifter-Platz 1; Mittwoch, 1. März, 19.30 Uhr, Literaturhaus Salzburg, H.C. Artmann-Platz; 16. März, 19.00 Uhr, Literaturhaus Wien, Seidengasse 13)

ribbon Zusammenfassung
  • Der neue Roman von Karin Peschka beginnt mit einer Urszene: An einem nasskalten Tag des Jahres 1954, kurz nach Allerheiligen, tanzt ein halbnackter fremder Mann singend zwischen den Gräbern des Eferdinger Friedhofs.
  • Ehe man gemeinsam den vermeintlichen Grabschänder überwältigt, der es wagt, auf dem katholischen Friedhof ein serbisches Wiegenlied zu singen, greift der Herr Dechant ein.
  • "Dschomba" bedeutet zunächst ernsthafte Lektürearbeit.