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Franzobel: "Das Hirn begann beim Schreiben zu sprechen"

19. Jan. 2023 · Lesedauer 7 min

Die unwahrscheinliche, postmortale Reise von Albert Einsteins Hirn fasziniert auch nach dem Tod seines Diebes. Der amerikanische Pathologe Thomas Harvey (1912-2007) stahl das Gehirn des Jahrtausend-Genies.

 Als er dessen Geschichte hörte, stand für den österreichischen Autor Franzobel sofort fest, dass er darüber schreiben werde, erzählte er im Interview mit der APA. Sein Roman "Einsteins Hirn" erscheint am 23. Jänner.

APA: Was hat Sie an Thomas Harveys Geschichte fasziniert?

Franzobel: Ich habe davon gehört und sofort gewusst, dass ich darüber schreiben muss. Harveys Geschichte ist absurd und faszinierend. Da ist ein Kerl mit diesem Hirn von einem der klügsten Menschen aller Zeiten, das er meist in Marmeladengläsern aufbewahrt und mit dem er 42 Jahre lang kreuz und quer durch Amerika zieht. Es ist eine berührende Geschichte von Liebe und Leidenschaft, denn das Allerwertvollste ist Harvey dieses Hirn. Seine Ehen gehen zu Bruch, seine berufliche Karriere versandet, aber das Hirn gibt er nicht mehr her.

Eine weitere Motivation war meine Faszination für moderne Physik. Vor zehn Jahren stand ich staunend im CERN, in diesen Kathedralen der Moderne. Higgs-Teilchen, Gravitationsfelder, ein bis zum Urknall durchdekliniertes Universum ... Sogar die Physiker haben gestanden, dass das kaum einer begreift. Aber es geht nicht nur um Teilchenkollisionen, es werden auch die großen philosophischen Fragen aufgeworfen: Unendlichkeit, Relativität von Zeit und Raum, Ursprung der Welt. Da wird unser Hausverstand komplett auf den Kopf gestellt.

APA: Thomas Harvey ist in Ihrem Roman ein höflicher, wohltätiger Mensch, dessen Leben wegen des Hirns aus der Bahn gerät. Sind Sie ihm so auch bei der Recherche in Amerika begegnet?

Franzobel: Als Autor hat man eine Verantwortung gegenüber Menschen, die man beschreibt, vor allem, wenn sie sich nicht mehr wehren können. Ich versuche, ihnen gerecht zu werden. Die Leute, die ich bei der Recherche kennengelernt habe, haben Thomas Harvey als schweigsamen, aber höflichen, netten Menschen beschrieben. So wird er auch im Roman dargestellt - ein netter Kerl, der nur einen kleinen Spleen hat: das Hirn von Albert Einstein.

APA: Ein Unterschied zum historischen Original ist, dass das Hirn im Buch mit Harvey spricht. Ist Ihr Protagonist schizophren oder unterhält sich das Hirn wirklich mit ihm?

Franzobel: Das bleibt bis zum Schluss offen. Vielleicht hat mich "Mein Freund Harvey", dieser wunderbare Film mit James Stewart, inspiriert. Irgendwann während des Schreibens hat das Hirn zu sprechen angefangen. Plötzlich hatte ich die Möglichkeit, auch Einstein mit hineinzubringen und der Geschichte einen ganz anderen Drall zu geben. Wie es wirklich war, weiß ich nicht.

APA: Harvey ist Quäker und will dem Hirn die Religion näherbringen. War es für Sie ein Anliegen, einen der berühmtesten Physiker der Geschichte und Gott einander gegenüberzustellen?

Franzobel: Eigentlich ja. Ich habe damals im CERN gefragt, ob in diesem restlos vermessenen Universum noch Platz für Gott ist. Manche Wissenschafter haben gesagt, irgendetwas in ihnen glaubt schon, aber rein physikalisch betrachtet gibt es keinen Platz für ein höheres Wesen.

APA: Wie stehen Sie zum Glauben?

Franzobel: Ich gehe gern in Kirchen, bin aber nicht besonders gläubig. Bibel, Heiligenlegenden, Bräuche und so weiter sind ein Kulturgut, aber auch Folklore und Konstrukte zum Machterhalt der Herrschenden. Ich bin eher spirituell und stehe jeder absoluten Wahrheit skeptisch gegenüber. Wahrer Glaube muss nicht darauf beharren, dass er der einzig wahre und richtige ist. Dieser Wunsch, sich moralisch überlegen zu fühlen, weil man an das Richtige glaubt, ist für viele Katastrophen verantwortlich, wobei dieses Richtige auch ein Glaube an eine Partei, die Impfung, Nicht-Impfung, Fußball oder was auch immer sein kann.

Ich liebe aber religiöse Feste. In Sri Lanka war ich auf einem heiligen Berg, dem Sri Pada, wo mir buddhistische Mönche gesegnete Bänder umgebunden haben, ich Pilger-Prozessionen erleben durfte. In der algerischen Wüste waren es Musiker und in Amerika Quäker, bei denen mir das Herz übergegangen ist.

APA: Auch "Das Floß der Medusa" und "Die Eroberung Amerikas" waren historische Romane. Wird Sie dieses Genre noch länger begleiten?

Franzobel: Je älter ich werde, desto notwendiger wird es, dass mir ein Thema unter den Nägeln brennt und ich große Lust darauf habe. Historische Stoffe bieten eine schöne Möglichkeit, die Gegenwart über die Maschekseite zu beschreiben. Ich liebe die Recherche, das Eintauchen in eine andere Zeit, dazu das Reisen zu den Orten der Handlung. Um Renoir zu zitieren: Für mich ist der einzige Lohn der Arbeit die Arbeit selbst. Die Arbeit an historischen Stoffen ist für mich die höchste Form von Glück. Aber letztlich geht es darum, lebendig zu bleiben, in keinen Trott zu verfallen, daher weiß ich nicht, was ich in ein paar Jahren mache.

APA: Sie sind als Vielschreiber bekannt. Sitzen Sie schon am nächsten Projekt?

Franzobel: Natürlich. Es geht um Inuit in Nordgrönland, und ich bereite gerade eine Reise dahin vor, obwohl ich mir noch überhaupt nicht vorstellen kann, wie aus all dem gesammelten Material jemals ein Buch werden soll. Aber so ist es immer, ich sammle und fummle herum, bis ich in den Fluss falle und mich der Erzählstrom mitreißt.

APA: Am Ende ist Einsteins Hirn auch Helfer im Kampf gegen den Klimawandel. Eine frühe Klimaaktivistin kritisiert im Buch, dass, sobald die Öffentlichkeit beruhigt ist, alle weitermachen wie zuvor. Sehen Sie das heute noch?

Franzobel: Der Mensch reagiert immer erst, wenn Katastrophen eintreten. Beim Klimawandel findet ein Umdenken erst statt, wenn es Überflutungen oder Hitzewellen gibt. Dann schreien alle nach Veränderung. Vorher verlässt man nicht seine Komfortzone, beschimpft Leute, die sich auf die Straße kleben, als Terroristen. Ich kann nicht entscheiden, ob das richtig ist, aber ich verstehe die Verzweiflung. Die Ursachen, warum die das machen, müssen bekämpft werden. Natürlich ist es lästig, wenn man eine Stunde im Stau steht, aber gemessen an der drohenden Katastrophe ist das ein lächerliches Luxusproblem.

APA: Ein anderes aktuelles Thema ist der Ukraine-Krieg. Sie haben sich zu Kriegsbeginn für eine Kapitulation der Ukraine ausgesprochen, später gegen Waffenlieferungen. Hat sich Ihre Meinung dazu geändert?

Franzobel: Der Krieg ist schrecklich - menschlich, moralisch, aber auch für die Weltordnung. Damals habe ich gedacht, die Ukraine hat keine Chance. Das war eine Fehleinschätzung, insofern sehe ich jetzt die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung gegenüber einem brutalen Aggressor. Trotzdem bin ich verzweifelt über diesen Krieg. Mich erschüttert die Kriegsbegeisterung, die ich als jemand, der Friede immer für einen der allerhöchsten Werte gehalten hat, nicht nachvollziehen kann. Aber klar ist auch, wenn die Ukraine aufhören würde, sich zu verteidigen, würde sie nicht mehr existieren. So geht es mir wie Einstein: Auch er war Pazifist, hat aber irgendwann gesagt, man müsse gegen Nazideutschland mit allen Mitteln kämpfen.

APA: Österreich ist heuer Gastland bei der Leipziger Buchmesse. Wie werden Sie daran teilnehmen?

Franzobel: Es sind dort drei, vier Lesungen geplant. Außerdem werde ich mit Freunden in Auerbachs Keller ein paar Humpen stemmen. Für Autoren ist Leipzig angenehmer als Frankfurt, kein so gewaltiger Almauftrieb, familiärer, dazu hunderte Manga-Fans, die aus der Buchmesse einen bunten Kostümball machen.

APA: Wie beurteilen Sie die österreichische Literatur, die sich dort vorstellt?

Franzobel: Österreich hat viele monolithische Schreibpositionen. Das ist fantastisch. In Deutschland ist durch die politische Korrektheit alles geglättet, sträubt sich weniger. Bei uns wird nicht alles ernst genommen, gleichzeitig gibt es die köchelnde Wut der zu kurz Gekommenen und den lebenslangen Kampf mit der Hochsprache. Vielleicht haben wir deshalb eine Autorendichte wie Island.

Quelle: Agenturen