"Fluchtstube" eines Holocaust-Überlebenden als Installation
Die "Fluchtstube" befand sich in der Schlickgasse 4. Emmerich Grünwald wurde 1896 in Budapest geboren und kam 1913 nach Wien, wo er im Radiogeschäft seiner Mutter arbeitete. 1942 wurde er in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Trotz einer körperlichen Beeinträchtigung überlebte er. Nach seiner Rückkehr erhielt er das zuvor arisierte Geschäftslokal zurück und baute einen versteckten Raum ein.
Das Jüdische Museum Wien widmet diesem Versteck bis 8. Juni die Intervention "Die Fluchtstube - Geheimnisse eines verborgenen Raumes". Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes realisiert. Es werden filmische Elemente sowie Interviews und die erhaltene Musikanlage Grünwalds benutzt, um die "Fluchtstube", die auch mit einer kleinen Küche ausgestattet war, zu imaginieren.
Bei Betreten des Project Space müssen Besucherinnen und Besucher genau hinsehen, um die "Fluchtstube" zu erkennen. Diese wurde nicht als enger, aber zugänglicher Raum nachgebaut, sondern durch Bodenmarkierungen gekennzeichnet. Die Atmosphäre in dem hellen, hohen Project Space könnte der "Fluchtstube" kaum ferner sein. "Wir konnten uns den Raum nicht aussuchen. Hier entsteht ein Bruch", gibt Marcus G. Patka, gemeinsam mit Wolfgang Schellenbacher Kurator der Installation, im Gespräch mit der APA zu. "Wir haben versucht, die Fluchtstube erlebbar zu machen. Einer der Bildschirme, ich nenne ihn die 'Geisterbahn', zeigt einen Film, der versucht durch die unruhige Kameraführung und das schwarz-weiße Bild das Klaustrophobische der Fluchtstube widerzuspiegeln und die Unruhe der Seele in diesem Raum zu zeigen."
Grünwald hinterließ bei seinem Tod 1958 keine Unterlagen darüber. Alle Informationen über ihn kamen von Aufzeichnungen seiner Mutter und Schwester. "Die Ausstellung thematisiert auch einen offenen Umgang mit Fragen, die die Wissenschaft nicht beantworten kann. Sie spricht Lücken an", sagt Patka. Ihm war wichtig, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden: "Die Erinnerung an den Holocaust ist immer relevant, um den Überlebenden Anerkennung zu schenken und darauf aufmerksam zu machen, dass das jederzeit wieder passieren kann. Die Ausgrenzung anders Denkender ist leider konstant gegeben."
Was bleibt, sind Fragen
Die Fluchtstube wurde Anfang 2026 aus bautechnischen Gründen abgerissen. Was bleibt, sind Fragen: Wie gehen Überlebende mit den Traumata der NS-Zeit um? Vor was müssen sie sich verstecken? "Es ist eine emotionale Botschaft", sagt Patka. "Die Menschen sollen in sich hineinfühlen und auf sich selbst zurückgeworfen werden: Wie hätte ich gehandelt?"
(S E R V I C E - "Die Fluchtstube - Geheimnisse eines verborgenen Raumes", Project Space des Jüdischen Museums Wien, Wien 1, Dorotheergasse 11, bis 8. Juni, So-Fr 10-18 Uhr, www.jmw.at )
Zusammenfassung
- Die 'Fluchtstube' des Holocaust-Überlebenden Emmerich Grünwald, ein geheimer Raum in der Schlickgasse 4 in Wien, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Rückzugsort vor seinen Traumata gebaut und Anfang 2026 abgerissen.
- Das Jüdische Museum Wien widmet dieser 'Fluchtstube' bis 8. Juni 2026 eine Ausstellung im Project Space, in der mit filmischen Elementen, Interviews und Bodenmarkierungen das Versteck und seine Geschichte erlebbar gemacht werden.
- Kurator Marcus G. Patka betont, dass die Installation nicht nur an die Traumata der Überlebenden erinnert, sondern auch Fragen nach dem Umgang mit Ausgrenzung und der Relevanz der Holocaust-Erinnerung aufwirft.
