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Florentina Holzinger: "Gestorben ist noch niemand bei uns"

Heute, 05:34 · Lesedauer 7 min

Die Wiener Choreografin, Regisseurin und Performerin Florentina Holzinger, regelmäßig im Spitzenfeld von Theater- und Kunst-Rankings, ist gefragt wie nie. Allein im Mai gastiert sie mit ihrer Produktion "A Year Without Summer" beim Berliner Theatertreffen, gestaltet unter dem Titel "Seaworld Venice" den Österreich-Pavillon der Kunstbiennale in Venedig und realisiert ein neunstündiges "Pfingstspiel" in Wien und Prinzendorf als eine "Étude" zu ihrem Biennale-Beitrag.

APA: Frau Holzinger, Ihr Biennale-Thema lautet "Seaworld Venice". Das klingt nach viel Wasser. Wie kommen Sie beim Thema Wasser auf Prinzendorf?

Florentina Holzinger: Dieses Jahr produzieren wir keine große neue Bühnenarbeit, sondern fokussieren uns natürlich auf Venedig und auf einige Etüden an site spezific Orten abseits des Theaters, die sich sehr stark mit dem Venedig-Thema beschäftigen. Prinzendorf ist die erste von einer längeren Liste von Etüden, die dieses Jahr stattfinden. Der Pavillon in Venedig wird für uns nicht nur ein Unterwasser-Themenpark, sondern auch ein Sakralbau und eine Kläranlage sein. Es geht in dieser technischen Installation viel um Themen von Schmutz, Verunreinigung und ihrer Beseitigung. In Prinzendorf beschäftigen wir uns stark mit einem religiösen Ritual - und Rituale sind eigentlich vom Menschen geschaffen, um Verunreinigung zu beseitigen oder mit Tabubrüchen umzugehen. Insofern ist auch das ein sehr relevantes Thema.

APA: Eine der Etüden ist für Bregenz angekündigt. Da läge nahe, dass der Bodensee mit einbezogen wird.

Holzinger: Dort werden wir wirklich im Wasser etwas machen und laden Leute auch dazu ein, uns mit entsprechendem Equipment zu begleiten. Dabei geht es stark um den Mythos von Glocken, die von versunkenen Städten unter Wasser liegen und dennoch einen Klang von sich geben. Wir beschäftigen uns immer wieder mit den Narrativen, die aus der Tiefe des Wassers hervorzuholen sind. Und so versuchen wir jetzt, Unterwasserglocken zum Erklingen zu bringen.

APA: Was verbindet Sie mit Hermann Nitsch - und was trennt Sie von ihm?

Holzinger: Für mich ist es gar nicht so wichtig, das zu analysieren, denn meine Arbeit soll für sich selbst stehen. Die beschäftigt sich stark mit der Historie von Orten und mit einem gewissen kulturellen Erbe. Natürlich ist Prinzendorf extrem geschichtsträchtig, und für uns ist es extrem spannend, sich mit dieser Historie zu beschäftigen. Ich hab mich bisher in meiner Arbeit nicht obsessiv mit dem Wiener Aktionismus beschäftigt. Eigentlich war unsere Opernarbeit "Sancta" das erste Mal, wo Nitsch bei uns auf den Tisch gekommen ist, eine Arbeit, die sich dezidiert mit Kirche und Religion beschäftigt hat. Da war Nitsch tatsächlich Inspiration für gewisse Objekte, die bei uns am Ende auf der Bühne gelandet sind, etwa für unsere Skate-Ramp, unseren Heiligen Gral - die haben wir in einem Buch über Nitsch gefunden.

"Das ist auch so eine arge Österreicherin!"

Natürlich steht Nitsch für Bildgewalt, und meine Arbeit wohl auch in gewisser Art und Weise. Aber es ist schon so, dass nicht ich den Aktionismus gefunden habe, sondern der Aktionismus mich. Journalisten im Ausland setzen mich häufig in Bezug zum Aktionismus, im Sinn von: Das ist auch so eine arge Österreicherin! Für mich als Person, die vom Tanz und vom Theater kommt, spielt die Geschichte des abendländischen Theaters eine große Rolle. Sie ist auf dem Dionysos-Ritus begründet, diesem kollektiven religiösen Fest, in dem natürlich Fragen von Moral und Leben verhandelt werden. Das interessiert mich in meiner Arbeit auch.

APA: Neulich hat Thaddaeus Ropac bekanntgegeben, dass Sie künftig Künstlerin seiner Galerie sein werden. Er sagte, Sie wollten die Bildende Kunst für sich stärker entdecken. Gibt es in Theater und Performance mittlerweile zu wenig Herausforderungen für Sie?

Holzinger: Ich würde das eher so ausdrücken: Meine Arbeit wurde schon immer im Bildenden Kunst-Kontext ernstgenommen. Für mich selber sind diese Unterschiede eh nicht so relevant. Ich arbeite mit den Mitteln verschiedener Künste - und das ist auch die Kraft meiner Arbeit, dass sie sich dieser unterschiedlichsten Genres bedient und mit ihnen spielt. Natürlich ist es auch für meine Arbeit spannend, die Zuschauerschaft zu erweitern und eine andere Öffentlichkeit für sie zu finden. Meine Arbeit ist eigentlich immer sehr busy damit, sich einen anderen Kontext zu suchen. Aber es muss organisch sein. Es geht mir nicht darum, das zu forcieren.

APA: In einer Ausstellung ist der Zeitbegriff ein anderer. Ist das für Sie wichtig?

Holzinger: Die Parameter sind natürlich ganz andere. Aber das gilt auch für den öffentlichen Raum. Damit gehe ich gerne um. Generell sehe ich mich schon als Erschafferin von Welten, von Bilderwelten - egal in welchem Raum.

Unkonventionelles Opernprojekt in Vorbereitung

APA: Klimawandel spielt bei Ihren Arbeiten immer wieder eine Rolle, Genderfragen sowieso. Geht das subkutan bei Ihnen, oder gibt es eine bewusste Entscheidung, ein aktuelles Thema einzuarbeiten, weil es Ihnen wichtig ist?

Holzinger: Definitiv. An das nächste Projekt gehe ich so heran: Was sind die Themen, die mich beschäftigen? Ich erachte dann eine Arbeit für notwendig, wenn ich mich dabei mit solchen Themen beschäftigen kann. Die Krisen und Kriege der Zeit - als Künstlerin hat man die Möglichkeit, sich dazu auszudrücken. Das nehme ich definitiv wahr. Wir haben ein großes Projekt in der Pipeline, das sich genau damit beschäftigt. Darüber darf ich aber noch nicht sprechen. Es ist ein unkonventionelles Opernprojekt, das an einem aufgeladenen, unkonventionellen Ort stattfinden wird.

APA: Bei Ihrem Operndebüt mit "Sancta" hatten Sie teilweise ein ganz anderes Publikum - das laut Berichten immer wieder gelabt werden musste. War das eine strange Erfahrung?

Holzinger: Von vielen Seiten wurde mir allerdings erklärt, dass das gerade in der Oper nichts Seltenes ist, weil der Altersdurchschnitt viel höher liegt. Es sollen sogar immer wieder Leute während einer Arie versterben - es gibt schlimmere Tode, unter uns gesagt! Aber ja, wir arbeiten mit echtem Blut, und viele Leute können kein Blut sehen. Dann sitzen diese Leute im Dunkeln und haben halt eine Kreislaufschwäche. Aber gestorben ist noch niemand bei uns.

Auch noch die Volksbühne auf die Beine zu stellen "wäre ein bisschen too much"

APA: An der Berliner Volksbühne haben Sie sich zunächst beworben, damit auch Frauen auf der Liste stehen, und sind jetzt im künstlerischen Beirat des künftigen Intendanten Matthias Lilienthal. Wie wird das ausschauen?

Holzinger: Ich sehe meine Berufung zur Zeit nicht in einer kuratorischen Rolle. Ich mach gerne meine Kunst und bin gerne mitten drinnen - und wollte auch diesen Scherbenhaufen Volksbühne nicht übernehmen, unter uns gesagt. Ich will auch viele andere Sachen machen, und für uns war Venedig eben das spannende Projekt am Horizont. Wenn ich dieses Jahr mich auch noch darum kümmern müsste, die Volksbühne auf die Beine zu stellen, wäre das ein bisschen too much. Außerdem vertraue ich Matthias, mit dem ich ja eine lange Arbeitsbeziehung habe, und bin trotzdem happy, mit im Boot zu sitzen, weil mir die Volksbühne sehr am Herzen liegt. Kuratorisch bin ich in der ersten Saison noch nicht beteiligt - aber ich werde sicher mit meinen Arbeiten, mit alten und neuen, weiter am Haus präsent sein.

APA: Gibt's auch eine neue Kinorolle?

Holzinger: Mittelfristig möchte ich selbst einen Film machen - und damit steht auch eine Rolle für mich in den Sternen.

Politik? Sag' niemals nie

APA: Welches Genre können Sie denn eigentlich für Ihre persönliche Zukunft ausschließen?

Holzinger: In die Politik gehe ich nie. Ich bin definitiv lieber auf die Bühne und vertrete dort meine Interessen, als im Parlament. Aber wie soll ich sagen: Ich habe sicher schon einiges getan, was ich mir davor nicht hätte vorstellen können.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

Zusammenfassung
  • Die Wiener Choreografin, Regisseurin und Performerin Florentina Holzinger, regelmäßig im Spitzenfeld von Theater- und Kunst-Rankings, ist gefragt wie nie. Allein im Mai gastiert sie mit ihrer Produktion "A Year Without Summer" beim Berliner Theatertreffen, gestaltet unter dem Titel "Seaworld Venice" den Österreich-Pavillon der Kunstbiennale in Venedig und realisiert ein neunstündiges "Pfingstspiel" in Wien und Prinzendorf als eine "Étude" zu ihrem Biennale-Beitrag.