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Filmfestival San Sebastian mit Seidl-Premiere

14. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

Am Freitag startet in der nordspanischen Küstenstadt San Sebastian die 70. Jubiläumsausgabe des Internationalen Filmfestivals. Eröffnet wird das Festival von "Modelo 77", einem mitreißendem Gefängnisdrama des angesagten spanischen Filmemachers Alberto Rodríguez, der im Wettbewerb allerdings außer Konkurrenz läuft. Die Augen zumindest der österreichischen Filmwelt sind aber wohl eher auf Ulrich Seidls neues Werk "Sparta" gerichtet, der am Sonntag Weltpremiere feiern soll.

Kaum ein Festivalbeitrag im Rennen um die Goldene Muschel wird mit so großer Spannung erwartet wie das "Bruderstück" zu Seidls "Rimini". Schuld daran sind die jüngsten Anschuldigungen des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Angesetzt ist die Premiere am Sonntagabend um 19 Uhr im großen Kursaal der nordspanischen Metropole.

In dem Film mit Georg Friedrich in der Hauptrolle geht es um einen Mann mit pädophilen Neigungen. Seidl, so die Vorwürfe, habe die minderjährigen rumänischen Laiendarsteller ohne ausreichende Betreuung und Unterrichtung der Familien mit Szenen rund um Alkoholismus, Gewalt und Nacktheit konfrontiert. Der 69-jährige Starregisseur ("Hundstage") wies die Vorwürfe aufs Schärfste zurück. Dennoch strich das kanadische Filmfestival in Toronto den Film in der vergangenen Woche aus dem Programm.

In San Sebastian versucht sich Seidl nun im Rennen um die "Goldene Muschel" gegen insgesamt 16 weitere Festivalbeiträge durchzusetzen. Seidl tritt im offiziellen Wettbewerb gegen renommierte Regisseure wie den Koreaner Hong Sangsoo ("Walk up"), den Franzosen Christophe Honoré ("Winter Boy") oder den argentinischen Filmemacher Sebastian Lelio ("The Wonder") an.

Doch befinden sich unter den "Muschelanwärtern" auch interessante Beiträge von jüngeren Regisseuren wie der Spanierin Pilar Palomero mit "La Maternal" oder der US-Amerikanerin Marian Mathias, die mit ihrem ersten Langspielfilm "Runner" ins Rennen geht. Der Jury unter Vorsitz der US-Schauspielerin und dreimaligen "Golden Globe"-Gewinnerin Glenn Close ("Gefährliche Liebschaften") wird die Wahl nicht leicht fallen.

Zumindest wurden der Jury bereits im Vorfeld einige wichtige Entscheidungen abgenommen. Die französische Schauspielerin Juliette Binoche und der kanadische Kultregisseur David Cronenberg werden heuer zur 70. Jubiläumsausgabe mit dem Festivalehrenpreis ausgezeichnet. Unterdessen erhält der jüngst oscargekrönte "Drive my car" des Japaners Ryusuke Hamaguchi am Freitag auf der Eröffnungsgala den FIPRESCI-Preis des internationalen Filmkritikerverbands als "bester Film des Jahres".

Bis zum 24. September werden in verschiedenen Nebenreihen insgesamt 200 Festivalbeiträge gezeigt. Neben Seidls "Sparta" sind in San Sebastian zwei weitere österreichische Produktionen zu sehen. Im mit 20.000 Euro dotierten Zabaltegi-Tabakalera Award tritt die Österreicherin Ruth Beckermann mit ihrem heuer in Berlin uraufgeführten Dokumentarfilm "Mutzenbacher" an.

Und in der Nebenreihe "Pearls", einer Art "Best of" der ausgehenden Filmfestivalsaison, nimmt Marie Kreutzer mit ihrer neuen Sisi-Verfilmung "Corsage" teil, die im Mai auf dem Filmfestival von Cannes gezeigt wurde und soeben von Österreich als Auslandsoscar-Kandidat benannt wurde. Ihr unkonventioneller Blick auf die österreichische Nationalikone Sisi, gespielt von der Luxemburgerin Vicky Krieps, hat jedoch harte Konkurrenz im Kampf um den mit 50.000 Euro dotierten Publikumspreis. Neben Cannes-Gewinner "Triangle of Sadness" von Ruben Östlund sind in der "Pearls"-Nebenreihe auch Francois Ozons Berlinale-Beitrag "Peter von Kant" sowie der in Venedig hochgelobte Film "Argentina" von Santiago Mitre zu sehen. Ebenfalls am Start die neusten Produktionen von Penelope Cruz ("On the Fringe") und Olivia Wilde ("Don't worry Darling").

Die diesjährige Retrospektive widmet San Sebastian dem französischen Regisseur Claude Sautet (1924-2000). Sautet, der 1970 mit "Die Dinge des Lebens" seinen großen Durchbruch feierte, gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten des französischen Kinos der 1970er und 1980er Jahre. Romy Schneider und Emmanuelle Béart gehörten zu seinen Stammschauspielerinnen.

Beendet wird der offizielle Wettbewerb mit Neil Jordans neuem Detektivthriller "Marlowe". In den Hauptrollen sind die Hollywoodstars Liam Neeson und Diane Kruger zu sehen, die ebenfalls in San Sebastian erwartet werden.

San Sebastian gehört neben Cannes, Berlin und Venedig zu den international renommiertesten A-Festivals. "Wir sind zwar das kleinste der großen Filmfestivals, haben aber einen sehr speziellen Charakter", hebt Festivaldirektor José Luis Rebordinos im Gespräch mit der APA hervor. Mit den Nebenreihen "Made in Spain" und "Horizontes Latinos" sei San Sebastian nicht nur das wichtigste Filmfestival im spanischen Sprachraum mit rund 500 Millionen Konsumenten, sondern auch ein "Fenster zum lateinamerikanischen Kino".

Außerdem habe San Sebastian mit der Kurzfilm-Sektion "Nest" und dem mit 50.000 Euro dotierten New Directors Award für Erst- und Zweitregiewerke im Vergleich zu anderen A-Festivals einen sehr intensiven Blick auf neue Tendenzen und junge Filmemacher, so Festivaldirektor Rebordinos.

(S E R V I C E - www.sansebastianfestival.com/2022/)

Quelle: Agenturen