APA - Austria Presse Agentur

Film über Troller: "Bin halt mit der Wahrheit herausgerückt"

03. Nov 2021 · Lesedauer 9 min

Am 10. Dezember feiert der aus Wien gebürtige und in Paris lebende Autor, Drehbuchautor und Fernsehjournalist Georg Stefan Troller seinen 100. Geburtstag. Für die Premiere von Ruth Riesers Film "Auslegung der Wirklichkeit - Georg Stefan Troller" und die Vorstellung seines Buches "Meine ersten hundert Jahre" kommt er am Freitag in das Metro-Kinokulturhaus. Im APA-Telefonat erzählte er vom Dreh und dem späten Angebot zur Wiederverleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft.

APA: Herr Troller, Sie haben so viele Filmporträts in Ihrem Leben gedreht, wie ist es Ihnen gegangen, diesmal selbst im Mittelpunkt zu stehen?

Georg Stefan Troller: Es war ein komisches Gefühl. Ich hab mich nie als Prominenter empfunden oder als irgendwie außergewöhnlich. Und ich habe ja immer versucht, entweder prominente oder außergewöhnliche Menschen zu finden, Menschen mit Schicksalen, mit denen ich Filme machen konnte. Nun wendet sich das Blatt, und man will von mir etwas Schicksalsträchtiges erfahren, das ich so nicht bieten kann. Ich bin ein Mensch, der immer sehr viel Glück hatte, jedenfalls professionell, und der durch viele Gefahrenmomente durchgerutscht ist. Das, was man von mir vielleicht erhofft, etwas Tragisches oder Aufregendes, kann ich eigentlich nicht bieten.

APA: Ich glaube, da widerspricht Ihnen der Film. Was man dort über Sie erfährt, ist sehr wohl aufregend. Wie kam es überhaupt zu dem Filmprojekt?

Troller: Ruth Rieser kam auf mich zu. Ich kannte sie, weil sie in dem Film "Wohin und zurück" von Axel Corti mitgespielt hat. Das war ja meine Lebensgeschichte in drei Teilen, die da gedreht wurde, die sogenannte Emigrantentrilogie. Sie ruft an und fragt, ob ich einen Film mit ihr machen will. Ich dachte, das wird eines von diesen Zehn-Minuten-Dingern sein, und dann stellte sich heraus, nein, sie will meine jugendlichen Gefühle und Erlebnisse reproduzieren, wir müssen nach Wien und nach Dachau und so weiter. Am Ende kam ein Zwei-Stunden-Film dabei heraus, womit ich überhaupt nicht gerechnet habe. Als ich aber den Film fertig sah, da fand ich: Na, den Film hätte ich auch machen können!

APA: Zumal sich die Regisseurin offenbar auch an ein Credo von Ihnen gehalten hat: Bloß kein genaues Drehbuch für einen Dokumentarfilm!

Troller (schmunzelt): Ja, genau. Alles muss spontan entstehen. Man muss den richtigen Ort finden, man muss die richtige Stimmung finden, und nachher alles der Psychologie des Augenblicks überlassen. Das funktioniert, wenn es richtig eingefädelt ist, und Ruth Rieser hat sehr viel Empfindung für Menschen und für richtige Augenblicke. Man reagiert ja richtig oder gut als Opfer eines Films nur dann, wenn der Mensch, der mit dir einen Film macht, fähig ist, auf dich einzusteigen und dich zu verstehen. Und das konnte Ruth Rieser. Auf diese Art bin ich auch ganz schön aus mir herausgegangen und habe zu meiner Überraschung, als ich es nachher sah, Dinge gehört, von denen ich keine Ahnung hatte, dass ich sie gesprochen habe oder dass ich sie wusste.

APA: Gegen Anfang sagen Sie im Film: Ach, ich kenne mein Leben schon auswendig. An welche Momente Ihres Lebens hätten Sie sich ohne den Film nicht erinnert?

Troller: Ich bin eigentlich kein Mensch, der viel über sein eigenes Leben nachdenkt. Man muss es schon aus mir herausholen, Es gab Momente, wo ich mir sagte, mein Gott, so etwas hat mich noch niemand gefragt, und jetzt kann ich entweder etwas vormachen, oder ich muss mit der Wahrheit herausrücken. Ich bin halt mit der Wahrheit herausgerückt.

APA: An einer Stelle wirken Sie wie ein ertappter Schulbub, als Rieser streng nachfragt, ob Sie in Ihrem "Bullenreiter"-Film verraten haben, warum die Stiere so wild sind.

Troller: Das stimmt, das ist das Geheimnis der Veranstalter: Dem Bullen wird das Geschlechtsteil abgebunden, und er springt im Schmerz. Sonst würde er das nicht machen, und das Rodeo würde nicht stattfinden. Das Geheimnis wird aber nie verraten.

APA: Das Verhältnis in den im Film gezeigten Gesprächen ist sehr persönlich. Rieser ist dabei nicht nur eine Fragende, auch eine Stützende. Wie hat sich dieses Verhältnis entwickelt? Ist es eine Freundschaft geworden?

Troller: Freundschaft zwischen Mann und Frau ist etwas anderes als zwischen Männern. Freundschaft zwischen Mann und Frau hat immer auch etwas mit dem Verhältnis Mann-Frau zu tun. Man muss von der Weiblichkeit seines Gegenübers angezogen werden - und sie von der Männlichkeit, nehme ich an. Daraus ergeben sich Spannungsverhältnisse, die beim Film, wenn zwei Männer miteinander arbeiten, nicht oder nur selten stattfinden. Ruth sah mich nicht nur als Gegenstand ihres Films, sondern auch als jemand, der sie persönlich interessiert hat - und natürlich beruhte das auf Gegenseitigkeit.

APA: Der subjektive Blick aufs Gegenüber war Ihnen immer wichtig und hat etwa dazu geführt, dass Sie Edith Piaf gefragt haben, ob ihr bewusst sei, dass man hinter ihrem Rücken über ihre jüngste Heirat lacht. Kann es auch die Arbeit behindern, wenn zu viele persönliche Gefühle mit im Spiel sind?

Troller: Die Gefahr ist dann, dass man den Anderen zu positiv darstellt aus lauter Gefühlsseligkeit. Aber da ich ja meistens bei meinen Interviews mit Profis zu tun hatte, konnte ich auch die scharfen oder negativen Fragen stellen. Wenn wir über persönliche Gefühle sprechen: Für mich war eine der erstaunlichsten Momente beim Dreh, als ich mich in unserer alten Wiener Wohnung zum ersten Mal seit 1938 umsah. Da stand unser Bücherschrank und enthielt meine Bücher, die ich zur Bar Mitzwa bekommen hatte. Die Dame des Hauses, die damit natürlich nichts zu tun hatte, hat gesagt, nein, der Schrank sei Familienbesitz - aber es war unser Bücherschrank, und es waren meine Bücher. Ich wollte nicht, dass es zu einer Auseinandersetzung kommt. Aber es war schon ein eigentümlicher Moment.

APA: Wie geht es Ihnen, wenn Sie jetzt wieder nach Wien kommen? Haben Sie den Frieden mit Ihrer Heimatstadt gemacht, aus der Sie vertrieben wurden?

Troller: Man hat mir vor ein paar Monaten wieder die österreichische Staatsbürgerschaft angeboten, und vor einer Woche von der Leiterin des österreichischen Kulturforums in Paris noch einmal. Ich habe gesagt, ich nehme sie gerne an - aber ohne, dass auf meiner Seite irgendwelche Verbindlichkeiten entstehen dürfen. Tatsache ist: Hätte man mir das vor 20 Jahren angeboten, das, was ich immer den Ruf der Heimat genannt habe, wäre es lebensverändernd gewesen, dass die Heimat mich endlich wiederhaben will. Nun, in meinem jetzigen Lebensalter, ist so etwas nicht mehr welterschütternd. Man hat sich mit allem abgefunden. Meine Beziehung zu Österreich ist die eines langjährig Heimatsüchtigen, der diese Sucht nun zu einer sentimentalen, alten Liebesbeziehung umgemodelt hat. Man denkt an die alte Heimat wie man an vergangene Lieben denkt - mit Sentimentalität, mit Freude, mit Wärme, aber ohne Begierde. Damit kann man leben. So muss man leben, es ist nun einmal so. Aber es wäre schön gewesen, wenn man auf diese Idee vor einigen Jahrzehnten gekommen wäre, wo ich auch noch die Vorstellung hatte, ich möchte wieder in Österreich leben.

APA: Heißt das, dass die Staatsbürgerschaft Ihnen rund um 100er wieder verliehen wird?

Troller: Nein, ich habe gesagt, das sollen sie sein lassen. Ich akzeptiere es, so wie ich vor drei Tagen das deutsche Bundesverdienstkreuz am Bande, oder wie es heißt, gerne akzeptiert habe. Das ist eine schöne Sache, aber nicht mehr lebensverändernd. Ich bin ja Amerikaner. Ich will sehr gerne die doppelte Staatsbürgerschaft haben, aber ich will nicht, dass das mit irgendwelchen Verpflichtungen verbunden ist. Ich will keine Fragebögen ausfüllen müssen - und ich will auch nicht besteuert werden... (lacht)

APA: Was wünschen Sie sich zu Ihrem 100. Geburtstag?

Troller: Eigentlich, dass es so weiter geht wie bisher. Das heißt: verhältnismäßig gute Gesundheit, Freunde, von denen nicht allzu viele wegsterben oder krank werden, und immer noch Auftragsarbeiten. Ich bin jetzt Kolumnist geworden in der "Literarischen Welt", ich schreibe monatlich eine Kolumne über Autoren, die ich gekannt habe. Das sind ja eine ganze Menge. So etwas ist doch schön. Man kriegt noch Aufträge und ist gefragt. Und wenn die Verstandeskräfte und das Gedächtnis nicht allzu schnell abnehmen, dann bin ich doch hochzufrieden. Was einem im Moment am Gefährlichsten scheint, ist, dass die Verstandeskräfte und die körperlichen Kräfte abnehmen. Jetzt gehe ich am Stock. Meine Tochter ist schon dabei, sich nach einem Rollstuhl umzusehen. Und mir fallen Namen nicht mehr ein, mit denen ich jahrelang vertraut war. Das scheint selbstverständlich zu sein, sagt mein Arzt, aber es ist natürlich trotzdem ein Schock. Damit muss man sich aber abfinden. Verhältnismäßig ist mein Hirn noch relativ klar, verglichen mit dem anderer Leute in meinem Alter, von denen ich weiß. Ich kann also noch Interviews geben - sie sind aber nicht mehr so brillant wie früher einmal. (lacht)

APA: Verfolgen Sie die politischen Ereignisse in Österreich noch?

Troller: Ich habe natürlich diese filmreife Ibiza-Affäre und die Kurz-Affäre verfolgt. Das sind schon ganz tolle Dinge. Ich lese jeden Tag die "International New York Times" auf Englisch, wöchentlich den "Spiegel" auf Deutsch und den "Observateur" auf Französisch. Auf diese Art bin ich in drei Sprachen informiert, und natürlich gucke ich Fernsehnachrichten. Ich interessiere mich also schon - aber mit dem Alter kommt eine gewisse Wurschtigkeit hinzu. Die kommenden Naturkatastrophen, die natürlich welterschütternd sind, werde ich nicht mehr erleben. Insofern fühle ich mich nicht mehr so persönlich betroffen. Aber es gibt doch noch Dinge, die ich noch nie erlebt habe. So werde ich bei der Veranstaltung in Wien auch mein neues Buch vorstellen, es heißt "Meine ersten hundert Jahre". Nun stellt sich heraus, dass der Verlag wegen des herrschenden Papiermangels noch nicht sicher ist, ob das Buch auch wirklich vorliegen wird. Auf diese Überraschung hätte ich gerne verzichtet.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Georg Stefan Troller wurde am 10. Dezemer 1921 in Wien geboren, emigrierte 1938 nach Frankreich, dann in die USA. Als Soldat der US-Army war er 1945 an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt. Seit 1949 lebt er in Paris, wo er u.a. mit seinen Fernsehreihen "Pariser Journal" und "Personenbeschreibung" bekannt wurde. Troller hat viele Dokumentarfilme gedreht, u.a. die Drehbücher zu "Wohin und zurück" und (mit Robert Schindel) zur "Gebürtig"-Verfilmung verfasst und zahlreiche Bücher veröffentlicht.

(S E R V I C E - Österreichpremiere des Films am Freitag (5. November), 19 Uhr, im Metro-Kinokulturhaus, Johannesgasse 4, 1010 Wien. Ab 16 Uhr signiert Troller sein neues Buch "Meine ersten hundert Jahre". www.filmarchiv.at)

Quelle: Agenturen