APA/Sonja Harter

"Feministische Avantgarde" in Novi Sad

20. Mai 2022 · Lesedauer 4 min

Wenn die Europäische Kulturhauptstadt Novi Sad einen "Heldinnen"-Schwerpunkt ausruft, darf die "Feministische Avantgarde" nicht fehlen.

Und so eröffnete am Donnerstagabend die bereits viel gereiste gleichnamige Ausstellung der Sammlung Verbund im Museum für zeitgenössische Kunst Vojvodina. Während im Linzer Lentos zuletzt noch eine große Auswahl von 82 Künstlerinnen gezeigt wurde, konzentriert man sich hier auf 37 Positionen mit osteuropäischem Schwerpunkt.

"Das Private ist politisch"

"Die ganz große Überschrift lautet: Das Private ist politisch", erläuterte Sammlungsleiterin Gabriele Schor im Rahmen der Presseführung den Ansatz, den die Künstlerinnen der 1970er (und der beginnenden 1980er) verfolgten. Anhand von fünf Kapiteln von "Mutter, Hausfrau, Ehefrau" über "Diktat der Schönheit" bis "Weibliche Sexualität" wird die Arbeit der Künstlerinnen aufgerollt.

Neben großen Namen wie Cindy Sherman, Renate Bertlmann oder VALIE EXPORT finden sich auch osteuropäische Künstlerinnen in der Schau, die teils noch nicht in bisherigen Sammlungspräsentationen zwischen Madrid und London gezeigt wurden.

Gegen eheliche Einschränkungen

Den Anfang macht eine Zeichnung von Bertlmann aus dem Jahr 1974, die eine Hochzeitsgesellschaft zeigt, die mit Eros unter dem Tisch und Konformität über der Tischplatte spielt. Karin Mack bahrte die Hausfrau in Trauerkleidung gleich auf einem Bügelbrett auf. Noch radikaler gegen die Einschränkungen in der Ehe trat Florentina Pakosta auf, die gar eine geköpfte Frau mit Ehering zeichnete: "Eine biografische Arbeit", wie Schor erklärt, habe Pakosta sich doch einst in letzter Minute einer für sie als Künstlerin einengenden Eheschließung entzogen.

Weibliche Einengung thematisierte Veronika Dreier in einer vierteiligen Fotoserie, in der sie ihr Gesicht sukzessive mit schwarzem Garn überstickte.

"Ich befreie mich selbst"

Fast zeitgleich entstand in den 1970ern auch eine Performance der Deutschen Annegret Soltau, die ihr Gesicht mit Garn umwickelte und es dann selbst durchschnitt. "Mir war es wichtig, die Schere in der Hand zu haben, um zu zeigen: Ich befreie mich hier selbst", erläuterte die Künstlerin im APA-Gespräch. Dass die Brasilianerin Sonia Andrade zeitgleich am anderen Ende der Erde fast dieselbe Idee hatte, bringt Soltau beim Betrachten ihrer Arbeit zum Schmunzeln.

"Es gab damals ja noch kein Internet, die Vernetzung unter uns weiblichen Künstlern war Kleinarbeit", erzählt die heute 76-Jährige, die mittlerweile mit Reißtechnik Fotos von Frauen(körpern) neu zusammensetzt. Sich selbst umwickelt - allerdings mit Watte und Pflastern - hat sich auch Renate Eisenegger, deren Selbstporträt das Ausstellungssujet bildet.

"Diktat der Schönheit"

Vom Kapitel "Einengung/Befreiung" geht es weiter zum "Diktat der Schönheit", als feministische Künstlerinnen gegen tradierte Schönheitsideale aufbegehrten: So ist etwa eine Fotoserie der serbischen Künstlerin und Autorin Katalin Ladik zu sehen, die ihr Gesicht in unterschiedlichen Grimassen an eine Glasplatte presste und so gerahmt ihre Erscheinung verzerrte. Die Ungarin Orshi Droznik montierte ihren nackten Körper in Da Vincis vitruvianischen Menschen.

Auf Tuchfühlung mit Ausstellungsbesuchern ging einst die kroatische Künstlerin Sanka Ivekovic, die ihren Puls während dieser Begegnungen in ihrer Ausstellung aufzeichnete und ebendort integrierte und ihren Körper so zum Medium machte. Die polnische Künstlerin Ewa Partum inszenierte die nackte Frau in Berlin an der Grenze zwischen Ost und West.

Die weibliche Sexualität

Am Ende der Schau steht schließlich explizit die weibliche Sexualität: Anita Münz zeigt hier eine Serie von expliziten Zeichnungen, die Anfang der 1980er für Kontroversen sorgten: "Die Arbeiten wurden anlässlich eines Theaterstücks von Jean Paul Sartre im Ateliertheater gezeigt und wurden nach heftigen Beschwerden aber gleich wieder abgehängt", erinnert sie sich im APA-Gespräch.

"Ein andermal fand ich die Zeichnungen im Mistkübel. Ja, so waren damals meine ersten Ausstellungserfahrungen." Bis zum 21. Juni ist "Feministische Avantgarde" in Novi Sad zu sehen, bevor Schor mit ihrer Sammlung nach Arles weiter reist, wo der Fokus ab 4. Juli auf Fotografie und Performance liegen wird.

Quelle: Agenturen