APA/APA/dpa/Christoph Soeder

Ex-Berlinale-Chef Kosslick: Debatte "beschädigt" Festival

Heute, 13:20 · Lesedauer 4 min

Der frühere Festivalchef Dieter Kosslick kritisiert die aktuellen Debatten um die Berlinale. "Das ist ja gespenstisch, was hier abläuft", sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Da gewinne ein Film mit dem Titel "Gelbe Briefe" den Goldenen Bären, in dem es darum gehe, dass Künstlern von der Regierung das Wort verboten werde und sie abgelöst würden. "Und dann bekommt jemand blaue Briefe hier", sagte Kosslick.

Er sei nach seiner langjährigen Erfahrungen wirklich entsetzt gewesen. Die "Bild"-Zeitung hatte berichtet, dass Festivalchefin Tricia Tuttle abberufen werden könnte. Hintergrund sei der Umgang mit dem Nahostkonflikt. Eine Aufsichtsratssitzung, die Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) einberufen hatte, endete am Donnerstag ohne Ergebnis. Die Gespräche über die "Ausrichtung der Berlinale" würden in den kommenden Tagen zwischen Tuttle und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt, teilte sein Sprecher mit.

In dem Radiointerview wurde Kosslick gefragt, ob es schwieriger geworden sei, ein Festival zu leiten. An Festivalleitungen habe es schon immer starke Kritik gegeben, auch an ihm selbst, antwortete Kosslick, der die Berlinale zwei Jahrzehnte geführt hatte. "Also die Berlinale ist immer in der Kritik. Aber meistens geht es darum, ob die richtigen Filme gezeigt werden."

Die Berlinale sei immer ein politisches Festival gewesen, denn die kulturelle Äußerung sei eine politische Äußerung, sagte Kosslick. Aber durch den Konflikt Gaza-Israel sei die Sache verkompliziert worden.

Kosslick betonte, die Berlinale sei seit 1951 ein Festival der Meinungsfreiheit, und warnte vor den Folgen der Debatte. "Egal, was da am Ende bleibt: Die Berlinale ist beschädigt", sagte Kosslick. Weil sich Filmemacher weltweit fragen würden, ob sie dort noch einmal hingehen würden und ob sie als Erstes nach ihren Haltungen gefragt würden: "Wie steht's denn mit dir, mein Gretchen?"

Merz will rasche Klärung

Indes rief der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu einer raschen Klärung auf. "Die im Raum stehenden Vorwürfe müssen ausgeräumt werden und gegenseitige Unterstellungen müssen unterbleiben", hielt einer der Sprecher von Merz, Sebastian Hille, fest. Die Berlinale-Jury und Tuttle waren vergangene Woche beim Kanzler im Kanzleramt. Dabei hätten sie "ihren Blick auf die Kontroverse überzeugend dargelegt". Tuttle habe "auch zum Ende der Berlinale in einer vernünftigen Rede den richtigen Ton getroffen und zur Vereinnahmung der Kunst durch die Politik sich geäußert". Auf die Frage, ob dies bedeute, dass Merz gegen eine vorzeitige Abberufung Tuttles sei, antwortete der Sprecher, er wolle nicht über das spekulieren, was sich aus den Gesprächen ergeben könne.

Hille sprach von einer etwas überhitzten und schrägen Debatte. "Es geht doch gar nicht um Eingriffe in Kunstfreiheit", sagte er. Die Diskussion entspinne sich an Aussagen, die zur Abschlussgala auf der Bühne der Berlinale getroffen worden seien. Es müsse die einfache Frage beantwortet werden: "Was soll und darf auf der Bühne der Berlinale stattfinden?" Es könne wenig Zweifel daran geben, dass "Aussagen, die der Bundesregierung eine Beteiligung an einem Völkermord unterstellen und auch noch Drohungen beinhalten, nicht an einem solchen Ort stattfinden sollen".

Überhitzte Debatte

Hille sprach von einer etwas überhitzten und schrägen Debatte. "Es geht doch gar nicht um Eingriffe in Kunstfreiheit", sagte er. Die Diskussion entspinne sich an Aussagen, die zur Abschlussgala auf der Bühne der Berlinale getroffen worden seien. Es müsse die einfache Frage beantwortet werden: "Was soll und darf auf der Bühne der Berlinale stattfinden?" Es könne wenig Zweifel daran geben, dass "Aussagen, die der Bundesregierung eine Beteiligung an einem Völkermord unterstellen und auch noch Drohungen beinhalten, nicht an einem solchen Ort stattfinden sollen".

Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib hatte der deutschen Bundesregierung auf der Bühne vorgeworfen, Partner "des Völkermords im Gazastreifen" zu sein. Der deutsche Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal und ließ mitteilen, die Aussagen seien nicht akzeptabel. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilten die Aussagen ebenfalls. Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen, auch die deutsche Bundesregierung weist den Völkermord-Vorwurf zurück.

Zusammenfassung
  • Der frühere Berlinale-Chef Dieter Kosslick kritisiert die aktuellen Debatten um das Festival scharf und sieht die Berlinale durch die Kontroverse um politische Aussagen und die mögliche Abberufung von Festivalchefin Tricia Tuttle als beschädigt an.
  • Politische Vertreter wie Bundeskanzler Friedrich Merz und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer fordern eine rasche Klärung und betonen, dass die Diskussion nicht um Kunstfreiheit, sondern um die Grenzen politischer Aussagen auf der Berlinale-Bühne gehe.