APA - Austria Presse Agentur

Erster Roman von Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo

16. Apr 2021 · Lesedauer 3 min

"Adas Raum" liegt in der Baracke 37 des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora in Thüringen. Ada musste dort, im Lagerbordell, als Prostituierte arbeiten. "Ausgerechnet dieses Zimmer war ich", heißt es in dem Roman "Adas Raum" von Sharon Dodua Otoo einmal. Adas Raum bekommt darin ebenso eine Erzählstimme wie ein Reisigbesen, ein eiserner Türklopfer, ein Zimmerboden oder ein britischer Reisepass. Das Buch ist bestimmt von literarischer Fantasie, die sich ihre eigenen Regeln gibt.

Sharon Dodua Otoo, 1972 in London geboren und heute in Berlin lebend, hatte 2016 und 2020 zwei große Auftritte bei den Internationalen Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. 2016 gewann sie, die in der Schule Deutsch als Fremdsprache gelernt und nach einem Au-Pair-Jahr in Hannover Germanistik studiert hat, mit ihrer Erzählung "Herr Gröttrup setzt sich hin" den Ingeborg-Bachmann-Preis. Dem als Erzähler auftretenden Frühstücksei, das sich auch nach siebeneinhalb Minuten gekocht Werden weigert, hart zu werden, begegnet man in "Adas Raum" augenzwinkernd wieder.

Mit ihrer "Klagenfurter Rede zur Literatur" wurde im Vorjahr die Digital-Ausgabe des Wettlesens eröffnet. "Dürfen Schwarze Blumen Malen?" nannte die britische Aktivistin und Autorin ihre Auseinandersetzung mit Rassismen in Literatur und Gesellschaft: "Ich möchte mit meinem Schreiben auf gesellschaftliche Missstände hinweisen", sagte sie damals. "Wir Schwarzen Menschen können uns in unserer Diversität begreifen und die Bürde der Repräsentation wird leichter. Außerdem wird die deutschsprachige Literaturlandschaft daran wachsen, davon lernen, und wenn sie sich traut, wird sie ihren Horizont erweitern."

"Adas Raum" spannt einen weiten Horizont aus. Otoos erster Roman spielt 1459 im westafrikanischen Fischerdorf Totope, im heutigen Ghana gelegen, 1848 in London, 1945 im eingangs erwähnten KZ und in der Gegenwart in Berlin. Immer ist es eine Frau namens Ada, die seitens der Männer Leid und Unterdrückung erfährt. In Afrika sind es die portugiesischen Eroberer, die sich nehmen, was ihnen gefällt. In England ist es Eifersucht und Machismo, die einer hochbegabten Mathematikerin (für die offenbar Ada Lovelace Vorbild war) zwischen ihrem Ehemann und ihrem Geliebten, dem Autor Charles Dickens, den Garaus machen. In Nazi-Deutschland ist es purer, tödlicher Rassismus und am heutigen Berliner Wohnungsmarkt seine unterschwellige, nur schlecht verborgene Spielart, die eine schwangere junge Schwarze verzweifeln lassen.

Die einzelnen Lebensgeschichten sind nur episodisch angerissen, doch eng verwoben. Eine mindestens ebenso große Rolle wie ihre Schicksale, deren Gemeinsamkeiten deutlich herausgearbeitet werden, spielt das Konstruktionsprinzip des Romans. Ein Perlen-Armband bildet dabei eines der Bindeglieder, Gott persönlich, der sich eine Art Luftgeist zu halten scheint, der sich in vielerlei Gestalteten materialisieren kann, ein anderes. Der scheint kein schlechter Kerl zu sein, doch allzu viel Gottvertrauen, meint Ada, die über die Jahrhunderte viel mit ihm zu tun hat, ist auch nicht angebracht. Nicht, ob sie an Gott glaube, sei die wirklich interessante Frage, meint sie, sondern: "Glaubt Gott wirklich an uns?"

Otoo glaubt jedenfalls an die Kraft der Literatur. Auch, wenn man an "Adas Raum" vielleicht nicht alles vollends geglückt finden mag, muss man zugeben, dass dieser Roman neue Räume öffnet und den Blick weitet. Eine Türe ist aufgestoßen worden. Mal sehen, was dahinter wartet.

(S E R V I C E - Sharon Dodua Otoo: "Adas Raum", S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 22,70 Euro)

Quelle: Agenturen