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Eröffnung der Salzburger Festspiele im Zeichen des Kriegs

26. Juli 2022 · Lesedauer 5 min

Mit ernsten, ja dramatischen Worten hat Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Dienstag die Salzburger Festspiele offiziell eröffnet. "Es liegen herausfordernde Jahre für uns, unser Gemeinwesen und für unsere demokratischen Institutionen vor uns", sagte er Bezug nehmend auf den Ukraine-Krieg bei einem Festakt in der Felsenreitschule. "Es gibt kein Zurück in die gute alte Zeit. Es braucht ein grundlegendes Umdenken, wenn wir diese Krise erfolgreich bewältigen wollen."

"Unsere Demokratie wird angegriffen. Mit hoher Aggression und Vernichtungswut", sagte der Bundespräsident. "Wir befinden uns in dieser Lage, weil ein Diktator es nicht ertragen kann, dass Menschen in individueller Freiheit und Unabhängigkeit leben wollen." In der Ukraine werde um das gekämpft und gestorben, "woran wir glauben. Um unsere Werte! Um unsere Art zu leben. Um unsere Freiheit. Um unseren Frieden", so Van der Bellen in seiner Rede am Ende des Festakts, bei dem das Mozarteumorchester Salzburg unter Duncan Ward sowie der Bachchor Salzburg mit Stücken von Felix Mendelssohn Bartholdy, Giacinto Scelsi und des 1937 geborenen ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov den musikalischen Programmteil bestritten. "Diese Auseinandersetzung zwischen Despotie und Freiheit ist nicht in ein paar Wochen oder Monaten vorbei. Sie hat eben erst begonnen." Das realistische Szenario sei, "dass es so weitergeht und sogar noch schlimmer kommen kann". "Wir sind in dieser Situation in einer Art Schicksalsgemeinschaft", die sich nicht verführen, einschüchtern und spalten lassen dürfe. "Österreich kann das. Europa kann das."

Festspielpräsidentin Kristina Hammer nahm bei ihrer ersten Eröffnung ("Ich darf mich kurz vorstellen: Ich bin die Neue.") in ihren Begrüßungsworten auf Ukraine-Krieg, Pandemie, Energie- und Klimakrise Bezug. "Wir dürfen der Kunst nicht nur weiter ihren Platz einräumen - wir sollten und müssen ihr gerade angesichts dieser Weltlage besonders viel Raum zur Entfaltung geben", sagte Hammer. "Wir brauchen Kunst. Weil sie Geistes- und Herzensbildung in einem ist - und vermutlich das einzige Instrument, das unsere Individualität und unseren Gemeinschaftssinn gleichermaßen stärkt."

"Auf der ganzen Welt leiden Menschen, hungern und sterben. Die Salzburger Festspiele finden statt. Trotzdem", sagte Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP). Man könne sich nicht heraushalten. "Nein, wir können und müssen beides, Anteil nehmen und helfen so gut und viel wir vermögen, aber auch uns selbst verteidigen, unsere Wertehaltungen, das was uns ausmacht." Denn es gelte: "Bei aller Betroffenheit: Die Kunst darf vor dem Krieg nicht kapitulieren!" Gleichzeitig müsse "unmissverständlich betont werden: Diese Krieg fördernden oder rechtfertigenden Künstlerinnen und Künstler haben ohne Zweifel keinen Platz im Friedenswerk der Salzburg Festspiele und ihrer humanistischen Sendung."

"Es geht nicht um unangebrachte Ausgelassenheit, sondern um Reflexion. Es geht um Kultur als Gegenmodell zur Barbarei. Wir wollen die Stille der Ohnmacht mit Kunst füllen und Perspektiven in einer scheinbar so perspektivenlosen Zeit entwickeln", sagte Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne). "Wir können die Welt nur gemeinsam zum Besseren verändern. Dabei sind es die Künstlerinnen und Künstler, die eine wichtige Aufgabe übernehmen: Sie entfalten ein Bild der menschlichen Möglichkeiten, sie zeigen, wie ein Miteinander gelingen kann. Es ist die Kunst, die uns darin stärkt, die Idee einer friedlichen Welt zu leben."

Der Schriftsteller Ilija Trojanow hielt die Festrede, die er unter den Titel "Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens" gestellt hatte. "Die Kunst und der Krieg sind Antipoden", lautete seine zentrale Aussage. "Das Verhältnis von Kunst und Macht, es ist komplex", sagte er und verwies darauf, "dass der Krieg an sich ein Verbrechen ist": "Alle Ambivalenzen, alle Schattierungen, alle Nuancen. Ratschläge werden brachial zu Schlägen und aus dem guten Rat wird im Salutierschritt der Verrat. Es wird nicht gesät und geerntet, sondern geplündert, es wird nicht getanzt, es wird exerziert." Er erinnerte an den Einmarsch von Österreich-Ungarn 1914 in Serbien und das die daran beteiligten Soldaten in Denkmälern landauf-landab als Helden gefeiert würden.

Trojanow nahm sich aber auch bei seinen Bezügen auf die Gegenwart und die Salzburger Festspiele kein Blatt vor den Mund. So verwies er auf ein Video von Alexei Nawalny, das den Dirigenten Valery Gergiev "als Großgrundgewinnler" zeige: "Dutzende Immobilien, vor allem in Italien - eine Villa mit 18 Zimmern in einem Golfklub, ein ganzes Kap in Amalfi, dreißig Hektar in Rimini, 800.000 qm in Mailand, ein Palazzo in Venedig und und und. Das Ass im Ärmel dieses Dirigenten ist sein eigener Wohltätigkeitsfonds, an dem er sich nach Belieben bedient, gefördert von den mafiösen Banken seines Landes. Und von der Moskauer Regierung. Vier Milliarden Rubel insgesamt." Es sei aber auch "richtig und richtungsweisend" gewesen, dass die Festspiele im Falle des Sponsors Solway, eines in Kritik geratenen Bergbaukonzerns, "eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben haben, die zu einem Abbruch der Beziehungen (...) geführt hat": "Wenn Wohlstand nur entstehen kann, indem Mitmenschen geknechtet werden und Natur zerstört wird, dann wird es höchste Zeit, das System zu ändern, nicht nur die Sponsoringregeln." Trojanows Fazit am Ende seiner Rede: "Desertieren wir also aus der Eintönigkeit des Krieges in die Vieltönigkeit der Kunst!"

Das künstlerische Programm hat bereits vor über einer Woche mit der Wiederaufnahmepremiere des "Jedermann" begonnen. Mit Hugo von Hofmannsthals Traditionsstück wurde am Domplatz die Ouverture spirituelle eingeläutet. Die erste szenische Neuproduktion gilt am Dienstagabend dem von Romeo Castellucci inszenierten Doppelabend mit Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" und Carl Orffs "De temporum fine comoedia", bei dem der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis die musikalische Leitung übernommen hat. Für die bis 31. August dauernden Festspiele hat Intendant Markus Hinterhäuser heuer Dantes "Göttliche Komödie" als Referenzpunkt erkoren. In Summe sind knapp 225.000 Karten aufgelegt.

Quelle: Agenturen