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Ein "Ring" der Marginalisierten bei den Wiener Festwochen

02. Juni 2022 · Lesedauer 4 min

"Bin ich der Richtige für diesen Stoff?" Diese Frage stellt sich der deutsche Autor Necati Öziri in einem quälend langen Prolog zu seiner "Ring des Nibelungen"-Umschreibung, die nach dem Zürcher Schauspielhaus nun im Rahmen der Wiener Festwochen zu sehen ist. Durchaus, lautet die Antwort am Ende des Abends. Aber Regisseur Christopher Rüping ist nicht der Richtige für diesen Stoff. Am Ende steht ein Opernabend ohne Oper, dem es vor allem an Dynamik mangelt.

Mühsam ist dabei die Attitüde des Revolutionären, als wäre man die erste Formation, die Wagners Monumentalwerk auf links wendet, auf den Kopf stellt oder gegen den Strich liest. In seinem halbstündigen Einführungsmonolog betreibt der 33-jährige Öziri prätentiöse Nabelschau in Pseudoselbstreflexion. Fühlt sich der eigene Onkel verraten, wenn sich der Neffe DEM deutschen Mythos zuwendet, weil er dann nicht mehr zu ihm spricht? Allzu abgeholt dürfte sich der Öziri-Onkel bei diesem "Ring" allerdings nicht fühlen, bleibt die postulierte Neudeutung doch ohne profunde Kenntnisse von Wagners Operntetralogie an vielen Stellen kryptisch, konterkariert sich die vermeintlich unkonventionelle Lesart, ohne eine Zeile Wagners auszukommen, selbst.

Dabei sind es teils gute Texte, die Öziri verfasst hat und die vor allem dann Kraft entfalten, wenn der Autor sie nahe an seiner Erfahrung hält. Eine eigene Schicht legen etwa die Riesen im poetischen Duett frei, die das Dasein der letztlich betrogenen Walhall-Erbauer als Gastarbeiterschicksal reflektieren. Überhaupt sind es nicht Siegfried, nicht Hagen oder Mime, die hier den Ton angeben, sondern mehrheitlich die Nebenfiguren des großen Zyklus.

Alberich philosophiert über das Wesen der Attraktivität und die Zurückweisungen, die einen erst zum Zwerg machten. Erda liest als "Mummy Nature" der Menschheit die Leviten, Brünnhilde echauffiert sich über die gläserne Decke, an die sie auch als Lieblingstochter Wotans stößt, und die gealterte Fricka geht dem Ende gelassen entgegen, dass ihr Mann fürchtet. Zum Schluss darf dann doch noch der alte weiße Mann selbst auftreten, der sich nach drei Stunden Monologen seiner erweiterten Familie zu Unrecht als Despot an den Pranger gestellt sieht, habe er doch alles für die Familie getan und anstelle der egozentrischen Selbstbespiegelung eine Gemeinschaft ermöglicht.

Anstelle diese Texte, die zwar nicht neu und revolutionär, aber immerhin stimmige kleine Charakterdramolette sind, in ein dynamisches Wechselspiel zu bringen, setzt Regisseur Christopher Rüping bei seiner ersten Auseinandersetzung mit dem Opernrepertoire auf handelsübliche Stadttheaterversatzstücke. Von der leeren Bühne über Gesangseinlagen bis hin zu Livevideoeinspielungen ist alles vorhanden, um einen Abend in die Länge zu ziehen. Bereits lange vor dem offiziellen Beginn schaffen die Darsteller in einer kleinen Manufakturstraße Kerzen - gleichsam ein Nibelheim für Bobos, dessen Produkte am Ende des Abends als kleines Licht der Erkenntnis ans Publikum verschenkt werden.

Weniger mitzunehmen gibt es indes musikalisch, fungiert der Musiker Black Cracker über den Abend hinweg doch als DJ, wobei bis auf kleine Zitate auf dem Niveau eines Walküren-Ritts mit Blockflöten bewusst kein Wagner erklingt. Der "Ring" sei schließlich rassistisch, antisemitisch und sexistisch, erklärte Rüping im Vorfeld. Da man ihn nicht loswerde, müsse man ihn zumindest "korrigieren". Dass Wagners "Ring" selbst so etwas aushält, genau das macht ihn zum unsterblichen Meisterwerk.

(S E R V I C E - "Der Ring des Nibelungen" von Necati Öziri im Rahmen der Wiener Festwochen im Museumsquartier, Halle E, Museumsplatz 1, 1070 Wien. Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind. Mit Maja Beckmann, Black Cracker, Nils Kahnwald, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Matthias Neukirch, Necati Öziri, Steven Sowah, Yodit Tarikwa. Weitere Aufführungen am 2. und 3. Juni. www.festwochen.at/der-ring-des-nibelungen)

Quelle: Agenturen