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Ein Notizbuch und ein Zwiegespräch zu Peter Handkes 80er

02. Dez. 2022 · Lesedauer 4 min

Peter Handke kommt nicht nach Wien. Nicht zum Feiern seines 80. Geburtstags am 6. Dezember, nicht zur Uraufführung von "Zwiegespräch" am 8. Dezember im Akademietheater. Das erklärt er leicht unwirsch, als ihn die APA in Chaville am Telefon erreicht. Er wolle nicht gestört werden, sagt er, denn er befinde sich mitten in einer größeren Arbeit. Nichts Neues also vom Literaturnobelpreisträger des Jahres 2019. Neues gibt es jedoch weiterhin unablässig aus seiner Feder.

Das vor wenigen Tagen erschienene neueste Buch Handkes ist jedoch eigentlich ein altes: Mit "Die Zeit und die Räume" ist eines von seinen Notizbüchern, die er seit November 1975 führt und bis dato mehr als 35.000 Seiten umfassen. "Sie sind damit das umfangreichste Werk, das er je geschaffen hat", schreiben die Herausgeber, die im Rahmen einer Forschungskooperation zwischen der Österreichischen Nationalbibliothek und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach eine Digitale Edition von 22 Notizbüchern Peter Handkes aus dem Zeitraum 1976-1979 entwickeln.

Ein erster Prototyp mit zwei Notizbüchern ist online einzusehen, die Druckausgabe bringt erstmals ein vollständig transkribiertes Notizbuch samt Faksimiles sämtlicher Seiten, die Zeichnungen des Autors enthalten. Die Aufzeichnungen, die er von 24. April bis 26. August 1978 geführt hat, sind also weniger wegen der darin beschriebenen Reise, die den Dichter mit dem Bus, per Bahn, vor allem aber zu Fuß durch Kärnten nach Slowenien, in den Karst und weiter nach Triest und Venedig führte, sondern wegen der Sichtbarmachung seiner Arbeitsweise. Handke hält Beobachtungen, Gelesenes und Gehörtes fest und mischt sie mit Selbstgesprächen, Reflexionen und poetischen Einfällen zu einem Materialfundus, aus dem er sich bedient. Im Falle dieser Reise, wird sie sich acht Jahre später in der Handlung von "Die Wiederholung" wiederfinden.

Derlei interessiert weniger die einfachen denn die professionellen Leser. Noch bis Samstag diskutieren diese unter dem Titel "Ich komme von Tolstoi, von Homer, von Cervantes. Peter Handke und die Weltliteratur" im Rahmen eines vom Institut für Germanistik der Universität Wien veranstalteten Symposiums Themen wie "Peter Handkes Abenteuer mit Wolfram von Eschenbach", "Peter Handke und die amerikanische Erzähltradition" oder "Peter Handke und die serbische Intelligenzija".

Auch zurückgezogen bleibt Handke in der Öffentlichkeit präsent. Auf der Viennale lief kürzlich "Mein Satz" von Amina Handke, die das von ihrem Vater Peter geschriebene und 1968 von Claus Peymann uraufgeführte Theaterstück "Kaspar" als Vorlage für ein absurdes filmisches Sprach- und Bilderrätsel genommen hat, in dem ihre Mutter Libgart Schwarz im Zentrum steht. Und am Donnerstag kommt im Akademietheater Handkes "Zwiegespräch", das es seit März als Buch gibt, zur Uraufführung. "Wahr gesagt, alter Freund: Zwei besondere Narren sind wir, ein jeder auf seine Weise", heißt es darin. Handke hat den Text den beiden verstorbenen und ihm einst verbundenen Schauspielern Otto Sander (1941-2013) und Bruno Ganz (1941-2019) gewidmet.

"Lieber Peter, Du hast uns einmal bekannt, daß das, was Du schreibst, ja nur Deine geformte Existenz sei. - Wie gut und wichtig, daß es Dich gibt!", schreibt Burgschauspieler Martin Schwab, mit dem Dichter seit 1982 befreundet, in einem der Briefe, mit denen Ensemblemitglieder des Hauses Handke im "Burgtheater-Magazin" zum Geburtstag gratulieren. Schwab spielt das "Zwiegespräch" gemeinsam mit Branko Samarovski.

Mit dabei sind aber auch Elisa Plüss, Maresi Riegner und Hans Dieter Knebel. Denn die 32-jährige Regisseurin Rieke Süßkow, soeben für ihre Schauspielhaus-Uraufführung von "Oxytocin Baby" mit einem Nachwuchs-Nestroy ausgezeichnet, eignet sich diesen zwischen Theatererinnerungen und "Großväterverklärungsgeschichte" oszillierenden Text offenbar weniger unter der Devise der Werktreue, sondern mit ihrem eigenen Blick an, "mit einem besonderen Gespür für Musikalität und Körperlichkeit und einem frischen Blick, der zu Handkes Anspruch passt, sich poetisch stets neu zu erfinden", wie es in der Ankündigung heißt. Schon vor Jahren hatte sich Handke nichts sehnlicher gewünscht, als "freie und treue" Umsetzungen seiner Stücke durch junge Leute: keine Hochämter, sondern Beweise dafür, dass nicht nur er noch lebt, sondern auch seine Texte. Ob er nun von Homer kommt oder bloß vom Schwammerlsuchen im Wald von Chaville.

(S E R V I C E - Peter Handke: "Die Zeit und die Räume. Notizbuch. 24. April - 26. August 1978", herausgegeben und mit einem Nachwort von Ulrich von Bülow, Bernhard Fetz und Katharina Pektor, unter Mitarbeit von Vanessa Hannesschläger. Suhrkamp Verlag, 312 Seiten. Mit farbigen Abbildungen. 35 Euro. Peter Handke: "Zwiegespräch", Regie: Rieke Süßkow, Bühne: Mirjam Stängl, Kostüme: Marlen Duken. Mit Martin Schwab, Branko Samarovski, Elisa Plüss, Maresi Riegner, Hans Dieter Knebel. Uraufführung am Akademietheater am 8. Dezember, 19.30 Uhr, Weitere Aufführungen am 10., 17. und 25. Dezember. www.burgtheater.at; https://peterhandkeunddieweltliteratur.univie.ac.at/)

Quelle: Agenturen