Ein letzter Rundgang durch vier Standorte des Wien Museums
Der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Wien tätige Minnesänger Neidhart von Reuental war Superstar und so populär, dass er gemeinsam mit seinem etwa 100 Jahre später aktiven Adepten Neithart Fuchs gar am Wiener Stephansdom begraben wurde. Bereits kurz nach 1400 ließ ein Unternehmer und Kommunalpolitiker namens Michel Menschein aber auch einen Festsaal in seinem Haus der Wiener Innenstadt mit Fresken mit Neidhart'sche Motiven gestalten. In der Barockzeit wurde massiv umgebaut und vieles durch ein neues Stiegenhaus zerstört. Als bei einem weiteren Umbau 1979 dort Wiens die ältesten bekannten profane Fresken der Stadt entdeckt wurden, galt dies als kulturhistorische Sensation.
Seit 1982 wurde im denkmalgeschützten und im Privatbesitz befindlichen Haus auf der Tuchlauben eine Außenstelle des nunmehrigen Wien Museums eingerichtet. In der aktuellen, absolut zeitgemäßen Dauerausstellung aus dem Jahr 2019 wird auf engem Raum nicht nur über Neidhart-Bezüge aufgeklärt oder eine Computeranimation des historischen Baus gezeigt, sondern auch eine kleine Realienkunde des Mittelalters geliefert.
Das Faszinierendste sind aber freilich die Fresken selbst: Zu sehen sind Darstellungen einer Schneeballschlacht, einer Bauernschlägerei oder eine Szene mit einer bedrängten jungen Frau, die thematisch durchaus an aktuelle Veröffentlichungen zur Causa Epstein erinnert. Zu sehen ist aber auch ein Sujet aus Neidharts berühmtem "Veilchenschwank", nicht jedoch jene derbe wie berühmte Schlüsselszene, bei der Bauern ein für die Herzogin bestimmtes Frühlingsveilchen durch Kot ersetzen.
Gumpendorf als Kriegsgebiet
Dank der erhaltenen Fresken erweist sich der mittelalterliche Festsaal als authentischer als jene drei weiteren musealen Räume aus dem 19. Jahrhundert, die nun ebenso geschlossen werden. Hier waren praktisch nur die Häuser ohne Einrichtung erhalten geblieben, die teils später in einen Bauzustand vergangener Zeiten zurückversetzt wurden. Aber auch Komponist Joseph Haydn hatte nach seiner Rückkehr aus England jenes Gartenhaus, das er 1793 in der damaligen kleinen Steingasse auf der Windmühle nahe Gumpendorf erworben hatte, umbauen lassen. 1797 zog er ein und blieb bis zu seinem Lebensende 1809. Hier komponierte er unter anderem die Oratorien "Die Schöpfung" und "Die Jahreszeiten".
Abgesehen vom Fehlen multimedialer Inhalte wirkt die 2009 adaptierte Dauerausstellung im Haus in der nunmehrigen Haydngasse im 6. Wiener Gemeindebezirk keinesfalls antiquiert. Im Erdgeschoss wird zunächst eine kleine Vorstadtgeschichte erzählt, aber auch berichtet, dass die damalige Residenzhauptstadt nur langsam wuchs - Kaiser Franz hatte sich aus Angst vor einer Revolution wie in Frankreich gegen Ansiedelungen von Industrie ausgesprochen. Ungeachtet dessen kam Frankreich selbst mit Napoleonischen Truppen 1809 nach Gumpendorf und verwandelte Haydns Grätzel in ein Kriegsgebiet. Wenige Wochen später starb der Komponist. "Der Angriff hatte ihn stark mitgenommen", informiert die Schau, die auch eine obligatorische Kanonenkugel präsentiert.
Brahms und Stifter als unerwartete Untermieter
Schlüssig geht es auch im ersten Stock weiter, hier ist von Haydn als Komponisten die Rede, ausgestellt sind ein angebliches von Haydn benutztes Clavichord, eine Haydn-Büste sowie historische Notenseiten, die nicht fotografiert werden dürfen. Inhaltliche Fragen wirft jedoch ein Untermieter auf: Seit 1980 beschäftigt sich eine Ausstellung im Haus mit Johannes Brahms - bedingt durch den Abriss von dessen Wohn- und Sterbehaus in der Karlsgasse Anfang des 20. Jahrhunderts war der Komponist museal obdachlos gewesen.
Einen unerwarteten Untermieter gibt es auch im Franz Schubert Geburtshaus, die Rede ist vom oberösterreichischen Schriftsteller Adalbert Stifter, der hier als Landschaftsmaler präsentiert wird. Im Haus am damaligen Himmelpfortgrund, nunmehr Nußdorfer Straße im 9. Wiener Gemeindebezirk, war am 31. Jänner 1797 der Komponist Franz Schubert zur Welt gekommen. Im Gebäude war seinerzeit auch eine Schule untergebracht, in der Vater Franz Theodor unterrichtete. Die Schuberts zogen jedoch bereits 1801 weiter, und die musikalische Karriere von Franz begann anderswo.
Neue Schubert-Schau 2028
Die Unmöglichkeit, den Ort mit konkreten Werken in Verbindung zu bringen, äußert sich aber auch in der 1996 gestalteten Dauerausstellung, die von bildender Kunst dominiert wird. Zu sehen sind Porträts, die Schubert selbst, Verwandte sowie von ihm besuchte Orte zeigen. Zusätzlich gibt es Programmzettel und Noten, Musikinstrumente und als wichtigste Attraktion die Brillen des Komponisten. Etwas rätselhaft bleibt dabei, was uns diese Schau eigentlich sagen will. Anlässlich des 200. Todestags von Schubert 2028 plant das Wien Museum eine neue Dauerausstellung, in der dies wohl klarer werden dürfte.
Ebenso aus den Neunzigerjahren stammt auch jene Dauerausstellung, die einstweilen noch in der Johann-Strauß-Wohnung im 2. Gemeindebezirk zu sehen ist. Der erfolgreiche Komponist war mit seiner Gattin Henriette Chalupetzky hier Mitte der 1860er-Jahre eingezogen und lebte bis zur Übersiedlung in eine Hietzinger Villa 1874 in der schicken Praterstraße. Im Winter 1866/67 komponierte er vor Ort "An der schönen blauen Donau". Nach einer kurzen Einführung zur Leopoldstadt, die zu Strauß' Zeiten großstädtisch wurde, gibt die Schau ein Potpourri zu allem, was mit dem Komponisten, seiner Familie und seinem Werk zu tun hat.
141 Quadratmeter für Strauss-Fans
Zweifelsohne kommen Fans hier auf ihre Kosten - gezeigt werden zahlreichen Gemälde, die Strauß zeigen, Büsten und natürlich auch die seinerzeit obligatorische Totenmaske. Gleichzeitig enttäuscht die Ausstellung vor allem nach dem Strauss-Jahr von 2025, in dem das Wiener Theatermuseum auf größerem Raum den Komponisten detaillierter und tiefgehender präsentieren konnte. Freilich wäre der Verzicht des Wien Museums auf die Location sowie auf die Möglichkeit, hier an Strauss zu erinnern, schade. Denn die Miete dürfte vergleichsweise günstig sein: Als ein Immobilienkonzern das gesamte Haus 2010 an eine deutsche Prinzessin verkaufte, war im Kaufvertrag von einem Hauptmietzins in Höhe von 549 Euro für die 141 Quadratmeter große Wohnung die Rede.
(Von Herwig Höller/APA)
(S E R V I C E - Neidhart Festsaal, Tuchlauben 19, 1010 Wien. Haydnhaus, Haydngasse 19, 1060 Wien. Schubert Geburtshaus, Nußdorferstraße 54, 1090 Wien. Johann Strauss Wohnung, Praterstraße 54, 1020 Wien. Alle Freitag bis Sonntag 10-13, 14-17 Uhr, letzter Öffnungstag am 1. März. https://www.wienmuseum.at )
Zusammenfassung
- Mit 1. März schließen vier Standorte des Wien Museums – Neidhart Festsaal, Haydnhaus, Schubert Geburtshaus und Johann Strauss Wohnung – aus Spargründen für voraussichtlich zwei Jahre.
- Im Neidhart Festsaal sind seit 1982 Wiens älteste bekannte profane Fresken öffentlich zugänglich, die 1979 entdeckt wurden.
- Das Haydnhaus im 6. Bezirk war von 1797 bis zu seinem Tod 1809 Wohn- und Schaffensort von Joseph Haydn, der dort unter anderem "Die Schöpfung" komponierte.
- Im Schubert Geburtshaus, wo Franz Schubert am 31. Jänner 1797 geboren wurde, ist eine Ausstellung zu Schubert und Adalbert Stifter zu sehen; 2028 soll eine neue Schau zum 200. Todestag folgen.
- Die Johann Strauss Wohnung in der Praterstraße umfasst 141 Quadratmeter, kostet laut Kaufvertrag 2010 monatlich 549 Euro Miete und bleibt bis 1. März für Besucher geöffnet.
