Ein jüdisches Leben in Wien: "Isidor" im Akademietheater
2015 hat die Journalistin Shelly Kupferberg auf einem Dachboden in Tel Aviv in alten Koffern ihres Großvaters, des 1919 in Wien geborenen Historikers Walter Grab, Unterlagen über ihren Urgroßonkel Isidor gefunden. Auf diesem Dachboden lassen auch Stölzl und seine Co-Bearbeiterin Caroline Bruckner die Geschichte beginnen und enden, mit großer Ruhe erzählt von Lilith Häßle und Itay Tiran.
Sie ist auch erzählenswert, nicht nur, weil der Hauptschauplatz nach Anfängen in Galizien eine große, herrschaftliche Wohnung in der Wiener Canovagasse ist, kaum 200 Meter vom Akademietheater entfernt. Obwohl sie vielen Familiengeschichten gleicht, die in den vergangenen Jahrzehnten erzählt wurden, ist es wichtig, auch diese zu hören. Sie berichtet vom Glauben daran, dass Fleiß und Rechtschaffenheit belohnt wird, und von der Erkenntnis, dass es Konstellationen gibt, in denen dies alles von einer Sekunde auf die andere nichts wert ist.
Diese Erkenntnis kommt dem reichen jüdischen Industriellen, der sich mit seinem Geld vieles kaufen konnte, auch den Kommerzialrat-Titel, in den Tagen unmittelbar nach dem "Anschluss", den so viele Menschen traumatisierend erlebt oder gar nicht überlebt haben. Da baumelt Stefko Hanushevsky, der der Titelrolle viel Energie und Selbstbewusstsein verleiht, in der "Schutzhaft" nackt und kopfüber an einer Kette, und kommt erniedrigt und gebrochen zur Einsicht, dass er dies nur überleben kann, wenn er die Unterschrift zum Überschreiben seines gesamten Vermögens, die ihm abgepresst werden soll, auch tatsächlich leistet.
Es ist in diesen drei Stunden, in denen vor der Pause der Aufstieg und danach die Zerstörung gezeigt wird, jene Szene, die am meisten unter die Haut geht. Der Gefolterte unterschreibt. Im Gegensatz zu seinem Neffen Walter, dem die Ausreise nach Palästina gelingt, wird er jedoch nicht lange überleben.
Viele Nebenrollen
In dieser Tragödie gibt es viele Nebenrollen, die Stölzl geschickt von animierten, auf die Rückwand projizierten Fotos auf die Bühne bringt. Nina Siewert lässt sich als ungarische Sängerin Ilona so lange von Isidor aushalten, bis nach ihrem ersten Staatsopernauftritt Filmmogul Louis B. Mayer in ihrer Garderobe erscheint und sie nach Hollywood lockt. Alexandra Henkel ist eine treue Hausangestellte, die ihr Herz gerne an den Hausherrn verlöre, als dieser sie aber nicht erhört sich beim Regimewechsel fürchterlich rächt. Markus Hering, Aaron Blanck, Dunja Sowinetz und Tristan Witzel schlüpfen behände von einer Rolle in die nächste. Dasselbe gilt auch für Itay Tiran, der als Erzähler zudem auch noch häufig (und gekonnt) in die Klaviertasten greift.
"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", rezitiert Häßle Verse aus Paul Celans "Todesfuge", als sich für die jüdischen Bürger Wiens das Tor zur Hölle öffnet. Es ist immer wieder gut, daran zu erinnern, wie viele Gesellen er auch hierzulande zur Seite hatte. Autorin Shelly Kupferberg nahm nach der Premiere inmitten des Ensembles den langen, betroffenen Schlussapplaus entgegen. In drei Wochen erscheint ihr neuer Roman. In "Stunden wie Tage" erzählt sie von einem Berliner Mädchen, das in den 40er-Jahren zur Widerstandskämpferin wird.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Isidor" nach Shelly Kupferberg von Caroline Bruckner und Philipp Stölzl, Regie: Philipp Stölzl, Bühnenbild: Philipp Stölzl, Franziska Harm, Kostüme: Barbara Drosihn, Musik: Tino Klissenbauer. Mit Aaron Blanck, Stefko Hanushevsky, Lilith Häßle, Ernest Allan Hausmann, Alexandra Henkel, Nina Siewert, Dunja Sowinetz, Itay Tiran, Tristan Witzel, Akademietheater, Nächste Vorstellungen: 5., 13., 20.3., https://www.burgtheater.at/produktionen/isidor )
Zusammenfassung
- Die Uraufführung von 'Isidor' am Samstag im Akademietheater erzählt das Schicksal des jüdischen Industriellen Isidor Geller, dessen Leben nach dem 'Anschluss' 1938 von Enteignung und Demütigung geprägt ist.
- Basierend auf Dokumenten, die die Journalistin Shelly Kupferberg 2015 in Tel Aviv fand, zeigt das Stück in rund drei Stunden den Aufstieg und die Zerstörung einer jüdischen Familie mit starkem Ensemble und reduziertem Bühnenbild.
- Im Gegensatz zu seinem Neffen Walter, der nach Palästina fliehen kann, überlebt Isidor die NS-Zeit nicht; die nächsten Vorstellungen finden am 5., 13. und 20. März im Akademietheater statt.
