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Dorian Concept lässt seine Hörer "die Beeren selber finden"

26. Okt. 2022 · Lesedauer 4 min

Der Einstieg mag sich zwar vorsichtig entfalten, doch Dorian Concept macht auf seinem neuen Album keine halben Sachen: Der Wiener Musiker und Produzent entwirft mit "What We Do For Others" eine umwerfende Versuchsanordnung in Sachen Elektroniksounds und Synthesizerakrobatik. "Die Fragen sind oft spannender als die Antworten", beschreibt er seinen Zugang, der diesmal von einem offenen Arbeiten geprägt war. Live stellt Concept die Songs am 17. November im Porgy html5-dom-document-internal-entity1-amp-end Bess vor.

Vier Jahre sind vergangen, seit Concepts Vorgängerplatte "The Nature of Imitation" erschienen ist - ein ebenso abenteuerliches Unterfangen wie das neue Material, allerdings mit veränderten Vorzeichen. Zog er damals aus langen Sessions einzelne Elemente heraus, verfremdete sie oder setzte sie neu zusammen, war es diesmal ein schnelleres, ergebnisorientiertes Arbeiten. "Ich suche immer den Moment, an dem ich merke, dass ich weit genug weg bin vom letzten Album. Damit es auch Sinn macht, mit etwas Neuem anzufangen", verriet der 38-Jährige im APA-Interview.

Um sich kreativ auszuleben während der Pandemie, hat er mit Freunden ein Gruppenprojekt gestartet, bei dem man sich wöchentlich gegenseitig neues Songs vorstellte. "Oft habe ich dann im Zeitstress etwas hochgeladen, weil ich vorher nicht daran gedacht habe", schmunzelte Oliver Johnson, wie der Musiker eigentlich heißt. "Ich habe gemerkt, wenn ich alle Zeit der Welt habe, komme ich immer zum gleichen Ort. Ist das Ende aber vordefiniert, dann macht das was mit dem kreativen Prozess. Im schnellen Arbeiten sind letztlich Nummern entstanden, die ich sonst nicht gemacht hätte." So ging es auch um den Gedanken, "dass sich diese Magie irgendwann zeigt. In diesen frühen Versionen, frühen Takes passiert immer irgendetwas."

Herausgekommen ist dabei auch eine Auseinandersetzung mit dem Selbst. Die Pandemie sei schließlich eine Einladung gewesen, "in die Innenwelt zu gehen", so Concept. "Es hat fast eine psychoanalytische Einstellung ermutigt: Wieso mache ich die Sachen, wie ich sie mach'? Habe ich Glaubenssätze, menschlich und kreativ? Vielleicht fühlt sich das Album deswegen ein bisschen ruhiger an, weil es ein nach innen Gehen ist, ein Betrachten. Es lässt auch Sachen offen, immerhin ist die Innenwelt ja sehr groß", lachte Concept. Auch der Titel sei ihm im Halbschlaf gekommen, "an dieser Brücke aus Unterbewusstem und Bewusstem". Wobei er die Auslegung offen lässt, "sei es Codependency, sei es Altruismus".

Bezieht man "What We Do For Others" konkret auf die Songs, so bekommt man von Concept einiges: Der Opener "Out" bietet ein beständiges An- und Abschwellen, bevor "Let It All Go" die elektronische Wundertüte öffnet und an unterschiedlichste Orte führt. Zu "Survival Instinct" könnte man gar das Tanzbein schwingen, während "Birds" oder "Not You Anymore" einen artifiziellen Bandsound evozieren und mit ihren verfremdeten Vocals leicht in Richtung Soul und R'n'B schielen - wenngleich in der für Concept ganz typischen, dreimal um die Ecke gedachten Art und Weise.

Es passiert also vieles, und nicht alles ist sofort im ganzen Ausmaß zu erfassen. Etwas, was auch für den Urheber selbst bis zu einem gewissen Grad gilt. "Ein Freund von mir hat das einmal schön beschrieben: Er merkt, dass ihm die Kunst immer vorauseilt. Das, was er macht, hat die Botschaft dann schon. Er merkt aber oft erst Jahre später, was sich da zeigt." Das "rationelle Zerlegen von Sachen in Bezug auf die eigene Kreativität" biete dementsprechend viele offene Fragen, die sich möglicherweise erst beim nächsten Output oder im nächsten Lebensabschnitt beantworten lassen. Insofern brauche es einfach Vertrauen. "Wir leben in einer Zeit, in der es viel Bedürfnis nach Klarheit und einer Antwort gibt", so Concept. "Aber es hilft auch, wenn man Uneindeutigkeit einfach hinnehmen kann."

Dass kein Song die Vier-Minuten-Marke überspringt, hat laut Concept einen einfachen Grund: "Es ist nicht länger gegangen", grinste er. "Ich sehe es fast wie ein Sprinten. Wie bei einem Sportler, der auf Hochtouren unterwegs ist, so habe ich es bei der Musik empfunden. Auch weil ich versucht habe, im Kopf sehr frei und unvoreingenommen diese Nummern zu machen. Fast wie abwesend, um zu schauen, was passiert. Wie beim Tauchen, vielleicht konnte ich noch nicht länger den Atem anhalten." Zudem sei es eine Absage an Formatvorgaben wie bei TikTok oder Spotify. "Dazu ist es quasi die Antithese." Müsse man dort nach wenigen Sekunden zum Punkt kommen, mache er lieber "eine Zwei-Minuten-Nummer, die dahinplätschert. Ich finde den Gedanken schön, dass man verloren anfängt und verloren aufhört bei einem Song. Es wird dir nicht alles serviert, sondern ist ein wilder Garten, in dem man die Beeren selber finden kann."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.dorianconcept.com)

Quelle: Agenturen