APA/Herwig G. Höller

documenta: Komplexer Dialog zwischen Nord und Süd

14. Sept. 2022 · Lesedauer 5 min

Kurz vor Ende der documenta fifteen am 25. September ist nach weiteren Antisemitismusvorwürfen der Konflikt zwischen verantwortlichen Politikern und den indonesischen Kuratoren von Ruangrupa eskaliert. Anlass ist eine japanische Sammlung pro-palästinensischer Propagandafilme, die in der Schau jedoch nicht als solche deklariert werden. Die Causa verweist dabei auf bleibende Schwierigkeiten im globalen Dialog, an denen selbst diese documenta in Kassel nichts verändern konnte.

Die Druckmaschinen in der documenta-Halle waren auch am vergangenen Wochenende angeworfen worden - am Sonntag waren in praktisch allen Ausstellungslocations druckfrische Protestplakate affichiert worden: "Die Vergangenheit ist die Gegenwart" stand auf ihnen etwa zu lesen, aber auch "Befreit Palästina von deutscher Schuld" oder "Wir sind wütend, wird sind traurig, wir sind müde, wir sind vereint", dem Titel einer am Samstag veröffentlichten Mitteilung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern des internationalen Kunstevents.

Stein des Anstoßes waren zuvor veröffentlichte Erklärungen des "Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen" gewesen, das gefordert hatte, die Vorführung der unter dem Namen "Tokyo Reels Film Festival" gezeigten Kompilation von pro-palästinensischen Propagandafilmen sofort zu stoppen.

"Hoch problematisch an diesem Werk sind nicht nur die mit antisemitischen und antizionistischen Versatzstücken versehenen Filmdokumente, sondern die zwischen den Filmen eingefügten Kommentare der Künstlerinnen und Künstler, in denen sie den Israelhass und die Glorifizierung von Terrorismus des Quellmaterials durch ihre unkritische Diskussion legitimieren", erklärte das Gremium. Deutschlands Kulturministerin Claudia Roth unterstützte am Dienstag die Forderung nach Absetzung der Filme.

In einer weiteren Erklärung von fünf Vertretern des von Documenta-Gesellschaftern Stadt Kassel und Land Hessen einberufenen Gremiums war zudem die Rede, dass auch eine Auseinandersetzung mit der Werkreihe "Guernica Gaza" des palästinensischen Künstlers Mohammed Al-Hawajri sowie Dokumenten des "Archivs des Kampfes der Frauen in Algerien" geboten erscheine. Die Analyse der Arbeiten von Taring Padi sei noch nicht abgeschlossen, hieß es. Diese mit einem riesigen Oeuvre an faszinierender Protestkunst vertretene indonesische Kollektiv hatte bereits kurz nach der Eröffnung der documenta mit raren antisemitischen Motiven für einen Eklat gesorgt - die kritisierte Banner-Installation war in Folge entfernt worden, die Künstler entschuldigten sich.

Ruangrupa wies am Wochenende gemeinsam mit zahlreichen Teilnehmern dieser documenta eine "aggressive, unüberprüfte und absichtlich erniedrigende Form der Kritik" zurück, schrieb von Zensur und verweigerte, die Vorführung der kritisierten Filme zu stoppen. "Wir lehnen einen eurozentrischen und in diesem Fall germanozentrischen Überlegenheitsglauben als Form der Disziplinierung, des Managens und Zähmens ab", schrieben die Kuratoren. Sie erklärten, dass unter anderem Antiislamismus und ein antipalästinensischer Rassismus Rassismen seien, mit denen die deutsche Gesellschaft zusätzlich zum Antisemitismus noch ins Reine kommen müsse. Auf der Fassade des zentralen Ausstellungsorts Fridericianum tauchte am Dienstag neben Dan Perjovschis Plakaten zum Krieg gegen die Ukraine ein trotziger Banner auf, auf dem in spanischer Sprache dem palästinischen Volk Solidarität bekundet wurde.

Die Zuspitzung der öffentlichen documenta-Debatte auf Antisemitismus greift freilich zu kurz. Denn abgesehen von einer bisher für Europa in dieser Größe einzigartigen Leistungsschau von Kunst aus dem globalen Süden werden zahlreiche Fragen angesprochen, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Vergleichsweise wenig Diskussionen gab es über die Visaprobleme von zahlreichen Künstlerinnen und Künstler, die in der offiziellen Timeline der documenta als zentrales Problem dargestellt wurde. Mehr Aufmerksamkeit hätten auch die Flüchtlingsporträts von Jan-Hendrik Pelz und insbesondere dahinterliegende Schicksale im ruruHaus verdient. Ähnliches gilt für die Arbeiten des Kollektivs Trampoline House im Hübner-Areal, das Widrigkeiten des dänischen Asylsystems detailliert anprangert.

Aufschlussreich ist aber auch ein Projekt von "The Nest Collective", das sich auf der Karlswiese mit dem Export von gebrauchter Kleidung aus dem globalen Norden nach Kenia beschäftigt. Der australische Künstler Richard Bell zeigt indes nicht nur Gemälde, die sich mit der Forderung der Ureinwohner seiner Heimat nach Landrechten beschäftigen, er hat am Friedrichsplatz auch ein traditionsreiches Protestzelt aufstellen lassen.

Der Fokus auf Antisemitismus illustriert aber auch, dass der globale Norden und insbesondere Deutschland zu anderen potenziell ebenso umstrittenen Sujets dieser documenta eher wenig zu sagen hat. Für zahlreiche Projekte sind aktivistische Kollektive verantwortlich und sie vertreten oft Positionen, die empören könnten. "The Black Archives" im Fridericianum beschäftigen sich mit dem einzigen schwarzen Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei der USA, Otto Huiswoud, und präsentieren in der Hamburger Zeitschrift "The Negro Worker" aus dem Jahr 1932 auch offene stalinistische Propaganda, die etwa Ukrainern sauer aufstoßen könnte.

Die offizielle Türkei dürfte indes wenig Freude mit der "Rojava-Film-Kommune" haben, deren Projekt sich mit kurdischer Filmgeschichte in Nordsyrien beschäftigt und auch propagandistisch anmutende Beiträge zeigt. Das Kollektiv "Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road" präsentiert im Kulturbahnhof indes einen Tatarisch-Sprachkurs mit offen separatistischen Untertönen - im offiziellen Russland, das Tatarstan jedenfalls als seinen Teil sieht, könnten derartige Projekte strafrechtlich verfolgt werden.

Unklar bleibt, weshalb die hauptverantwortlichen Kuratoren der Ruangrupa aktivistische Teile der documenta nicht automatisch einer kritischen Kommentierung unterzogen haben und damit auch Antisemitismusvorwürfen hätten besser begegnen können. Denn gerade bei der nun kritisierten japanischen Sammlung von pro-palästinensischen Propagandafilmen aus den 1960er bis 1980ern, die vom Kollektiv "Subversive Film" präsentiert wird, gibt es laut APA-Beobachtungen sichtlich Bedarf: Einer kleinen Gruppe deutscher Teenager mit Wurzeln in der islamischen Welt war es am Dienstagvormittag im Hübner-Areal etwa sichtlich nicht klar, dass es sich bei den Filmen um sehr einseitige und bisweilen auch problematische Darstellungen des israelisch-palästinensischen Konflikts handelt. Die Frage, ob sie für etwaige Folgen ihrer Vorführungen die Verantwortung übernehmen würden, ließen von der APA schriftlich kontaktierte Mitglieder der Ruangrupa am Mittwoch unbeantwortet.

(S E R V I C E - https://documenta-fifteen.de/)

Quelle: Agenturen