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Direktor Bachmann warnt vor Kaputtsparen des Burgtheaters

Heute, 13:01 · Lesedauer 8 min

Am Freitag feiert mit Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" eine Inszenierung des Burgtheaterdirektors Stefan Bachmann Premiere. In dem Stück rund um multiple Krisen und deren Bewältigung stehen mit Nicholas Ofczarek, Stefanie Reinsperger und Caroline Peters die großen Stars des Hauses auf der Bühne. Im APA-Interview nimmt Bachmann auch auf möglicherweise drohende Einsparungen am Haus Bezug und stellt seinen Verbleib in Wien im schlimmsten Fall in Frage.

Sollten Schließtage, Personalabbau in großem Stil und die Einsparung von Spielstätten notwendig werden, sagt er ganz klar: "Wenn man das Burgtheater nicht mehr möchte und wenn das Haus wie ein mittleres Stadttheater in Deutschland sein soll, ist es vielleicht auch nicht mehr das Theater, das ich dann leiten werde."

APA: Als Sie sich wohl vor mehr als einem Jahr entschieden haben, Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" zu inszenieren: Hätten Sie gedacht, dass - wie im Stück - auf die bereits bestehenden Krisen noch mehr Krisen folgen würden?

Stefan Bachmann: Nein, in dem Ausmaß habe ich das natürlich nicht vorhergesehen. Aber es war absehbar, dass es so schnell nicht besser werden würde. Genau genommen steht das Stück aber schon auf meiner Liste, seit ich es mit 19 Jahren im Rahmen des Schultheaters dramaturgisch begleitet habe.

APA: Woran liegt es, dass es im deutschsprachigen Raum relativ selten auf den Spielplänen zu finden ist?

Bachmann: Es ist ein sehr kompliziertes Werk. Die vielen unterschiedlichen Ebenen machen einem erst mal ein bisschen Bauchschmerzen. Und vordergründig vermittelt es ein vermeintlich veraltetes, stereotypes Rollenbild, was die Familie angeht. Zudem hat es diese Boulevardhaftigkeit, da fragt man sich, ob das Thema überhaupt ernst genommen wird. Und schließlich gibt es eine symbolistisch religiöse Ebene am Ende, zu der man sich verhalten muss. Das alles führt möglicherweise dazu, dass man das Stück wieder weg legt. Aber wenn man es dann szenisch umsetzt, widerlegen sich diese Eindrücke. Dieses Stück gehört auf den Spielplan!

Prinzip Hoffnung den Krisen zum Trotz

APA: Seine Hoch-Zeit hatte das Stück in den 1950er-Jahren ...

Bachmann: In der Nachkriegszeit, vor allem in Deutschland, konnte man gerade den dritten Akt sehr auf die soeben erlebte Situation beziehen. Es war ein Spiegel für den Neubeginn. Das Stück stellt die Frage, wie wir eine Gesellschaft wieder neu aufbauen und unter welchen Voraussetzungen das Sinn ergibt, wenn ohnehin wieder alles da mündet, wo wir gerade herkommen. Was mich aber besonders eingenommen hat, war, dass am Ende ein Prinzip Hoffnung formuliert wird. Es eröffnet den Krisen zum Trotz eine Perspektive.

APA: Wie wirken sich die globalen Krisen auf die Stimmung in den Proben aus?

Bachmann: Wir waren oft baff, wie aktuell und heutig das Stück ist. Das geht einem schon unter die Haut. Aber ich halte nichts davon, angesichts der Katastrophen in Trübsal zu verfallen. Im Gegenteil. Von diesem Geist ist das Stück ja auch durchsetzt. Dass man aller düsteren Aussichten zum Trotz aufsteht und weitermacht. "Don't cry, work", sagt Rainald Goetz so schön. Wir lachen auch viel. Durch die ins Stück eingearbeitete Theaterebene, durch die es immer wieder zu Unterbrechungen kommt, nimmt sich das Stück nochmal selbst auf die Schaufel. Ich glaube, wenn alles fürchterlich ist, dann gibt es eigentlich nur das Lachen. Das ist auch ein Akt von Hoffnung.

"Meine politische Haltung ist meine Privatsache"

APA: Gerade in Krisenzeiten wird vom Burgtheater wie auch von dessen Direktor erwartet, Position zu beziehen. Sie lösen das - anders als Ihr Vorgänger Martin Kušej oder etwa Festwochen-Intendant Milo Rau - eher über die Stückwahl oder über Diskussionsveranstaltungen. Warum haben Sie sich entschieden, sich nicht zu Wort zu melden?

Bachmann: Ich finde es nicht so interessant. Meine politische Haltung ist meine Privatsache. Ich möchte als Direktor des Burgtheaters auch nicht eine Botschaft verbreiten, hinter der die Belegschaft vielleicht gar nicht steht. Das Burgtheater ist ja nicht mein Haus, sondern es ist das Haus, das ich leite. Wir machen Kunst und sind damit das Gegenteil von Enge und Erstarrung. Wir sind vielschichtig, komplex, dialektisch, ambivalent und fluid.

Anderes Land, andere Sensibilitäten

APA: Sie haben - wie auch bisherige Direktoren - angekündigt, das Haus auch für Mehrsprachigkeit und Themen zu öffnen, die es vorher nicht gab. Wie gut gelingt Ihnen das?

Bachmann: Als ein solches Angebot habe ich etwa "Akins Traum" aus Köln mitgebracht. Dort haben wir am Stadtrand, in einem Brennpunktbezirk, Theater gemacht. Es gab eine große Auseinandersetzung mit der Nachbarschaft, mit Themen, die den Ort beschäftigen. Und da kam ein junger türkischstämmiger Autor und hatte die Idee, ein Stück über das Osmanische Reich zu machen. Das war in Köln der absolute Knaller und lief, wie auch hier an der Burg, mit türkischen Untertiteln. Hier in Wien fand man das dann nicht so lustig, dass der Osmane im Zentrum der Burgtheaterbühne angekommen ist. Aber so ist das: Man kommt in ein anderes Land und dort gibt es andere Sensibilitäten. Darüber hinaus geht die Abteilung "Community und Bildung" aus dem Theater und versucht, Brücken zu bauen. Zudem gibt es Übertitelungsangebote und weitere Formate.

Auch fordernde Geschichten müssen erzählt werden

APA: Apropos Übernahmen. Einige weitere Ihrer Arbeiten aus Köln wie etwa "König Lear" oder "Holtrop"verzeichneten eine eher geringe Auslastung.

Bachmann: Rainald Goetz hat es in Österreich ungleich schwerer. Ich finde das schade, weil er eigentlich in der Tradition von Thomas Bernhard steht. "Holtrop" ist auch in Berlin und Hamburg erfolgreich gelaufen und hat den Faustpreis für die beste Inszenierung bekommen. Aber das hier ist eben das Burgtheater, und dass es hier nicht genauso gut funktioniert, wie wir dachten, ist halt eine Erfahrung. Natürlich habe ich am Anfang ein paar Stücke gebraucht, um den Spielplan sicherzustellen, und manche Übernahmen waren auch sehr erfolgreich. Manchmal ist es auch eine kleine Fangemeinde wert, für sie zu spielen. Wir werden subventioniert, also müssen wir auch mal komplizierte, fordernde Geschichten erzählen. Grundsätzlich konnte ich die Auslastungszahlen aber deutlich steigern.

APA: Apropos Zahlen: Der scheidende Holding-Chef Christian Kircher hat in seiner Abschiedspressekonferenz die angespannte finanzielle Lage angesprochen. Sie wiederum haben mit Ihrer Aussage aufhorchen lassen, dass auch das Burgtheater bereit sei, zur Budgetkonsolidierung seinen Beitrag zu leisten. Wie haben Sie das konkret gemeint?

Bachmann: Als ich diesen Satz gesagt habe, war nicht klar, in welchem Umfang eingespart werden sollte. Da war ich vielleicht ein bisschen naiv. Die Möglichkeiten, am Burgtheater zu sparen, sind eingeschränkt. Nach dem Finanzskandal 2014 wurde das Haus schon unfassbar auf Effizienz getrimmt. Ich habe hier schon eine Burg angetroffen, die - metaphorisch gesprochen - hart am Wind segelt. Wenn wir weiterhin jeden Tag spielen wollen, wenn wir die Spielstätten behalten wollen, wenn wir ein Ensemble von dieser Qualität haben möchten, dann müssen die Subventionen an die Inflation angepasst werden. Ich fordere also nicht mehr Geld, sondern ich fordere nur, dass wir bitte auf dem künstlerischen Status quo weitermachen können.

Warnung vor massiven Einsparungen: "Das ist nicht mehr das Burgtheater"

APA: Von welcher Solidaritätsbekundung haben Sie dann gesprochen?

Bachmann: Als Solidaritätsbekundung sehe ich eher, dass wir Einsparungspotenziale nutzen im Bereich von beispielsweise Investitionen. Aber wenn es darum geht, Schließtage einzuführen, um somit Personal im großen Stil einzusparen, oder an Spielstätten einzusparen, dann sage ich auch ganz klar: Das ist nicht mehr das Burgtheater. Wenn man das Burgtheater nicht mehr möchte und wenn das Haus wie ein mittleres Stadttheater in Deutschland sein soll, ist es vielleicht auch nicht mehr das Theater, das ich dann leiten werde. Das soll gar keine Drohung sein, sondern das ist dann einfach nicht mehr das Haus, das mir anvertraut wurde.

APA: Wie planen Sie unter dieser drohenden finanziellen Situation die nächste Saison?

Bachmann: Ganz normal. Sonst haben wir unseren Job nicht gemacht, denn die Planungsvorläufe sind sehr lang. Wir können nicht aus vorauseilendem Gehorsam die Waffen strecken. Um die nächste Saison zu überleben, werden die Bundestheater auf ihre Rücklagen zurückgreifen. Danach sind die weg. Und dann stehen wir vor dem Abgrund. Und ich möchte gerne wissen, ob die Regierung dann sagt: Da stoßen wir euch hinein oder davor bewahren wir euch. Aber die Signale, die ich empfangen habe, stimmen mich positiv. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Land Österreich seine größten kulturellen Flaggschiffe einfach so verspielt. Also ich hoffe, dass wir irgendwann - und jetzt komme ich wieder auf die kommende Premiere zurück - sagen können: Wir sind noch einmal davongekommen.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Wir sind noch einmal davongekommen" von Thornton Wilder am Burgtheater. Premiere am 20. März, 19.30 Uhr. Regie: Stefan Bachmann, Bühnenbild: Olaf Altmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Sven Kaiser. Mit u.a. Nicholas Ofczarek, Stefanie Reinsperger, Caroline Peters, Mehmet Ateşçi, Zeynep Buyraç, Nils Strunk, Barbara Petritsch. www.burgtheater.at )

Zusammenfassung
  • Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann warnt, dass massive Einsparungen wie Schließtage, Personalabbau und der Wegfall von Spielstätten das Haus grundlegend verändern würden.
  • Nach dem Finanzskandal 2014 sei das Burgtheater bereits maximal auf Effizienz getrimmt, weitere Kürzungen sieht Bachmann als kaum möglich und fordert stattdessen eine Anpassung der Subventionen an die Inflation.
  • Für die kommende Saison werden die Bundestheater auf ihre Rücklagen zurückgreifen, doch danach droht laut Bachmann eine kritische finanzielle Situation.
  • Bachmann betont, dass er das Burgtheater unter diesen Bedingungen möglicherweise nicht weiterführen werde: "Wenn das Haus wie ein mittleres Stadttheater in Deutschland sein soll, ist es vielleicht auch nicht mehr das Theater, das ich dann leiten werde."
  • Die Premiere von Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" findet am 20. März um 19:30 Uhr im Burgtheater statt und thematisiert Krisenbewältigung und Hoffnung.