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"Die Gemochten": Neuer Erzählband von Lydia Mischkulnig

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So einfach könnte es sein. Das Buchcover von "Die Gemochten" zieren die Köpfe zweier Flamingos in zärtlicher Umhalsung, jede der dreizehn Erzählungen beginnt mit einer kleinen Zeichnung: Flamingo vor Sonnenscheibe. Alles friedlich, alles innig, alles klar? Keine Spur davon. Die in Wien lebende Kärntnerin Lydia Mischkulnig gibt uns in ihrem neuen Erzählband immer wieder Rätsel auf. Flott und flockig liest sich das nicht.

Schon die titelgebende Erzählung: "Die Gemochten", das sind zwei mitten im Leben Stehende, die einander in schöner und auch gegenüber ihrer Umgebung offen deklarierter Regelmäßigkeit im Stundenhotel treffen. Sie mögen einander - und verleihen durch die Treffen ihren sonst so glatten Biografien einen Hauch von Anrüchigkeit und eine deutliche Prise Geschlechtlichkeit. Sie geben einander quasi ein Alibi. Doch es ist noch komplizierter: Es kommt durchaus zu "geschlechtlichen Handlungen", bei denen nicht nur die dafür notwendigen Organe, sondern auch die Herzen beteiligt sind. Warum also sind die "die Gemochten" keine Liebenden?

Mit solchen Fragen hat man sich zuhauf herumzuschlagen. Einfach ist gar nichts. Nicht einmal das Auseinandergehen nach einem Seitensprung. In "Die Beichte" stellt sich am Ende heraus, dass beide Partner im Familienunternehmen arbeiten und die gemeinsame morgendliche Bürofahrt zumindest fürs Erste weiter unvermeidlich ist. Aber mitunter ist man als Leser schon froh, den Erzähler bzw. die Erzählerin eindeutig ausgemacht zu haben. Schier alles scheint bei Mischkulnig eine Stimme bekommen zu können, da sind Roboter in Robbenbaby-Gestalt ("Incanny Valley") noch das Harmloseste. Auch das Internet der Dinge kann sich zu Wort melden.

Lydia Mischkulnig, die 2020 mit ihrem Roman "Die Richterin" die Spitze der ORF-Bestenliste erklomm, erweist sich in den nie eindeutigen Geschichten der "Gemochten" erneut als durch und durch heutige Erzählerin, nicht nur weil wir "menstruierenden Menschen" begegnen und Männer bei der unverfänglichen Formulierung ihrer Kurznachrichten höllisch aufpassen müssen. Gleichzeitig führt sie uns jedoch sprachlich auf dünnes Eis. Anstatt es uns mit geläufigen Wendungen und gewohnten Formulierungen leicht zu machen, einem Roten Faden in aller Ruhe zu folgen, baut sie ständig neue Stolperstellen ein. Überall scheint es zu rufen: Achtung, Sprache! Immer wieder muss man Sätze mehrfach lesen - und nicht immer zieht man Mehrwert daraus. Einmal aus dem Leserhythmus gebracht, kommt man nur schwer voran.

Am Ende landet man auf unheimlichen Terrains. "Am Ufer des Nahrungsstroms" wird man gleichzeitig mit Zwangsernährung von Hungerstreikenden und dem Verzehr von Stopfleber konfrontiert, "Am Pult" taucht man in archaische Rollenspiele bei der Lebensberater-Ausbildung ein, angeleitet von einem Affen, der einst offenbar schon Kafka persönlich inspiriert hatte. Da rieselt es einem dann doch recht kalt über den Rücken. Und aus den Gemochten werden Gefürchtete.

(S E R V I C E - Lydia Mischkulnig: "Die Gemochten. Erzählungen", Leykam Verlag, 176 Seiten, 22,50 Euro, Buchpräsentation am 26.9., 19 Uhr, in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Wien 1, Herrengasse 5, www.lydiamischkulnig.net)

ribbon Zusammenfassung
  • Das Buchcover von "Die Gemochten" zieren die Köpfe zweier Flamingos in zärtlicher Umhalsung, jede der dreizehn Erzählungen beginnt mit einer kleinen Zeichnung: Flamingo vor Sonnenscheibe.
  • Flott und flockig liest sich das nicht.
  • Sie geben einander quasi ein Alibi.
  • In "Die Beichte" stellt sich am Ende heraus, dass beide Partner im Familienunternehmen arbeiten und die gemeinsame morgendliche Bürofahrt zumindest fürs Erste weiter unvermeidlich ist.

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