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Die documenta fifteen gastiert auch in der Kasseler Vorstadt

16. Juni 2022 · Lesedauer 3 min

Die documenta fifteen, das sind nicht nur Museen und Ausstellungshallen, sondern auch wieder eroberte Leerstände, revitalisierte Gebäude oder temporär genutzte Industrieareale. Zu Recht bedankte sich der Kasseler Oberbürgermeister bei den Kuratoren von ruangrupa, wie sehr sie in der Vorbereitungszeit ein Sensorium für die Stadt entwickelt hätten. Besonders profitiert der Stadtteil Bettenhausen von dieser Aufwertung durch Aufmerksamkeit.

In der Vorstadt zeigt sich Kassel nur stellenweise von seiner charmanten Seite. Zwischen kleinen Fachwerkhäusern und hübschen Gärten zerschneiden hässliche Ausfallstraßen und weite Industriebrachen das Gelände. Die Industriestadt Kassel hat einst deutlich bessere Zeiten erlebt. Das wird auch auf dem weitläufigen Areal der Firma Hübner klar. Herrschaftliche Fabriksgebäude aus Backstein und riesige Schornsteine sind Industriekulturdenkmäler, die teilweise bereits dabei sind, zu Ruinen zu werden. Mitten drinnen ein moderneres Hallen-Areal, das der Produzent von Bauteilen für Busse, Bahnen und Panzer erst vor kurzem aufgegeben hat. Die documenta hat hier eines ihrer wichtigsten Labore aufgeschlagen, in denen Kollaboration gelebt wird.

In den Hallen sind viele Inselsituationen aufgebaut, an denen sofort Gespräche geführt, Workshops abgehalten und Konzerte gegeben werden können. Die Fondation Festival sur le Niger hat u.a. über 200 geschnitzte Puppen und Masken aus Mali mitgebracht und an verschiedenen Orten Musikinstrumente bereitgestellt. Die Jatiwangi art Factory hat Dachziegel- und Steininstallationen aufgebaut, das dänische Trampoline House berichtet in einer Installation von seiner Flüchtlings- und Asylarbeit. Dazwischen organisieren Künstler aus China und Indien ihre kommenden Performances und bereitet man in der Kantine Mahlzeiten aus den unterschiedlichsten Esskulturen vor. Das globale Dorf - hier wird es für 100 Tage Wirklichkeit.

Ein paar hundert Meter weiter haben Künstler im pittoresken Areal einer leer stehenden Haferkakaofabrik ganz buchstäblich ihre Zelte aufgeschlagen. Das 2017 im ehemaligen Bürogebäude eröffnete Hostel ist nun Anlaufstelle und Zentrale für eine Reihe von Initiativen von Upcycling bis zur Flüchtlingsunterkunft. Die Serigrafistas queer aus Argentinien leben und arbeiten hier ebenso wie die vietnamesischen Sa Sa Art Projects und das dänische Trampoline House. Sie berichten den Besuchern von vorbildlicher Zusammenarbeit mit den Gruppen vor Ort.

Die Kuratoren sind auch bei anderen Institutionen fündig geworden. In der wegen ihrer Spannbetonbauweise unter Denkmalschutz stehenden römisch-katholische Kirche St. Kunigundis hat Gruppe Atis Rezistans | Ghetto Biennale aus Haiti gruselige Skulpturen aufgebaut, in denen die Toten wiederaufzuerstehen scheinen, im seit 2007 leer stehenden Hallenbad Ost, eines der wenigen Gebäude im Bauhaus-Stil in Kassel, zeigt das indonesische Kollektiv Taring Padi eine Retrospektive auf 22 Jahre gemeinsame Arbeit. Vor dem Bad begegnet man den lebensgroßen Figuren aus Pappe wieder, die auch den Friedrichsplatz bevölkern, im ehemaligen Schwimmbecken tun großformatige Wandbilder unmissverständlich kund, was die Hauptaufgaben bei der Befreiung der Unterdrückten sind: "Agitate - Educate - Organise". Agitprop in der Arbeitervorstadt als Teil der Weltkunstschau: Das hat was. Auch, wenn man ahnt, dass es ganz und gar nicht ironisch gemeint ist.

(S E R V I C E - https://documenta-fifteen.de)

Quelle: Agenturen