APA - Austria Presse Agentur

Der neue Franzen: "Crossroads" und die guten Menschen

04. Okt 2021 · Lesedauer 4 min

Eine Trilogie hat er angekündigt, "Ein Schlüssel zu allen Mythologien" wird sie heißen, und ihr Auftakt ist jetzt da, selbst schon 800 Seiten stark: Der neue Roman von Jonathan Franzen ist ein erster Teil und doch selbst das Sequel seiner großen mittelamerikanischen Familienporträts. "Crossroads" folgt einer Pfarrersfamilie aus einem Vorort von Chicago über jeweils einige Tage in den Jahren 1971 und 1972. Es geht um Religion, Liebe und Eigennutz, um das Gute und das Gelogene.

Die Familie als Mausmodell der Gesellschaft hat Jonathan Franzen schon mehrfach wie im Labor untersucht. Diesmal sind es die Hildebrandts und in vielfacher Hinsicht sind sie Verwandte der Hollands ("Schweres Beben", 1992), der Berglunds ("Freiheit", 2010) und insbesondere der Lamberts ("Die Korrekturen", 2001), an denen Franzen seine Meisterschaft der Systemanalyse und seine unbeirrt-persistierende Erzählkraft geschult hat. Von existenziellen Leitmotiven waren sie bei aller narrativer Kleinteiligkeit, milieubedingter Mittelständigkeit und historischer Beschaulichkeit immer durchwirkt, aber nie hat sich Franzen so prononciert als Moralist bekannt wie in diesem neuen Werk.

Freilich ist es eine Befragung der Moral mehr als ihre Anwendung, ein listiges Auflauern den Bedeutungen der religiösen Sprache, der Sünde und Nächstenliebe. Wer sind die Guten? Die, die sich dafür halten? Die Gutes tun - wenn auch mitunter aus fragwürdigen Motiven? Russ Hildebrandt ist Pastor, überzeugter Pazifist, Aktivist gegen die Segregation, Caritas ist sein Beruf - aber er ist auch Familienvater mit ambivalenten Gefühlen für seine vier Kinder, überdrüssiger Ehemann, der eine junge Witwe in seiner Gemeinde begehrt, gedemütigter Seelsorger, der von der kirchlichen Jugendgruppe - "Crossroads" - zugunsten eines jüngeren, charismatischeren Anführers ausgeschlossen wurde. Auch seine Tochter Becky, das beliebteste Mädchen der örtlichen Highschool, dürfen wir live und aus der porentiefen Nahaufnahme bei der Kalibrierung und Rekalibrierung ihres moralischen Kompass beobachten - der Norden bleibt sie selbst.

Oder sind die Guten etwa die, die sich heimlich für die Schlechten halten? Die lügen müssen, um dazuzugehören und dabei immer tiefer in einen Strudel aus Trauma und vermeintlicher Schuld hineingezogen werden? Marion, die Pfarrersfrau, gehört zu den interessanteren Frauenfiguren des an interessanten Frauenfiguren nicht unbedingt reichen Franzen-Universums. Lernen wir sie zunächst als leicht übergewichtige Mama kennen, über die Mann wie Kinder ungestraft hinwegsehen können, begleiten wir sie plötzlich in eine geheime Therapiesitzung und erfahren in einer meisterlich gebauten Szene die gellend tiefen Abgründe ihrer Vorgeschichte - im Gegensatz zur Therapeutin, die nur angeschwiegen wird. Dass ihre psychische Instabilität erblich ist, weiß sie nicht nur vom eigenen Vater, sondern sieht es gepeinigt auch an ihrem hochbegabten, immer tiefer in die Drogensucht rutschenden Sohn Perry.

Das Psychogramm der Hildebrandts zeichnen die Perspektiven von Russ, Marion, Becky, Perry und Clem, der älteste Sohn, der sich soeben freiwillig für den Vietnamkrieg gemeldet hat. Warum? Natürlich aus Gründen der Moral - und, um sich des Vaters Wertekanon entgegenzusetzen. Das Gute und seine familiären Zwänge, das Schlechte und seine Teufelskreise, Lügen und Beichten, Bekehrungen und Begehrlichkeiten, Sex als Schande, als Spiritualität, als Selbstlosigkeit: Das Panorama ist weit gefasst und passt doch nach allen Regeln der Dramatik in den Ablauf weniger Tage.

Auf Basis des gewaltigen Erfolgs seiner wenigen Romane tritt Jonathan Franzen durchaus mit Gewicht als Chronist des amerikanischen Selbstverständnisses an - und behält sich zugleich vor, mit dem Witz, der Spannung und der Mikrodramatik einer ausgezeichneten Strandlektüre zu operieren. "Crossroads" ist dabei nicht nur der Name einer zwischen körperbefreitem Hippietum und christlicher Selbsthilfesekte changierenden Jugendgruppe. Er steht, wie alle Franzen-Titel, auch für ein übergeordnetes Prinzip. Der Scheideweg, die Kreuzung, die Weggabelung: Auf Deutsch übersetzt wurde der Titel nicht. Wohin die Hildebrandts sich wenden, muss in diesem Fall nicht unbeantwortet bleiben - die Trilogie "Ein Schlüssel zu allen Mythologien" (übrigens eine Referenz zu George Eliots "Middlemarch") ist als Mehrgenerationen-Geschichte angekündigt.

(S E R V I C E - "Crossroads" von Jonathan Franzen. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, 825 Seiten. 28,80 Euro)

Quelle: Agenturen