APA - Austria Presse Agentur

"Das Lied von der Erde": Festwochen-Produktion enttäuschte

27. Juni 2021 · Lesedauer 4 min

Dafür hätte es keinen Regisseur gebraucht. Die szenische Version des sinfonischen Liederzyklus' "Das Lied von der Erde" von Gustav Mahler wurde am Samstag im Wiener Volkstheater zu einer Enttäuschung. Was sich Philippe Quesne, normalerweise einer der originellsten Bühnen-Gesamtkünstler der Gegenwart, zu der von Christina Daletska und Michael Pflumm gesungenen und vom Klangforum Wien unter Emilio Pomàrico intonierten Kammermusikfassung einfallen ließ, war entbehrlich.

Das Projekt hätte bereits im Vorjahr im Theater an der Wien stattfinden sollen. Nun wurde es im Volkstheater realisiert. Kein Gewinn, denn hier hat das Ensemble des Klangforum nicht im Orchestergraben, sondern unmittelbar vor dem Publikum Aufstellung genommen und errichtet mit seinem präzisen, akzentuierten, vom Dirigenten aber zunächst überhaupt nicht zur Verhaltenheit angeleiteten Spiel eine wahre Musikmauer zu den beiden auf der Bühne abwechselnd agierenden Sängern. "Das Lied von der Erde" wird so mehr zum instrumentalen als zum vokalen Erlebnis.

Die Produktion wurde als so etwas wie ein Signature Dish der Wiener Festwochen angekündigt, die sich um die Möglichkeit und die Aufgabe von Kunst in einer von den Menschen aufs Höchste gefährdeten Welt Gedanken machen. Doch in der Umsetzung entpuppte sich Schmalhans als Küchenmeister. Zwei Probleme waren augenfällig: Zum einen mutet es widersprüchlich an, sich um die Zukunft einer Welt ohne Menschen Gedanken machen zu sollen, andererseits aber nicht nur über ein Dutzend Musiker ständig im Blick zu haben, sondern dabei auch zwei Sänger über die Bühne wandeln zu sehen. Zum anderen gibt nicht der ganze, sechsteilige - auf alte chinesische Dichtung zurückgehende - Zyklus inhaltlich das her, was man an mahnenden Worten vermitteln wollte: zu viel Lebensfreude, zu viel Romantik, zu wenig Apokalypse.

Eine Möglichkeit wäre gewesen, Musik und Gesang quasi aus dem Off kommen zu lassen und auf der Bühne seine eigenen szenischen Fantasien zu entwickeln. Ragnar Kjartansson und Kjartan Sveinsson haben 2014 in "Der Klang der Offenbarung des Göttlichen" an der Berliner Volksbühne gezeigt, wie das aussehen kann: menschenleeres Natur-Musiktheater. Philippe Quesne, der im Vorjahr in "Farm Fatale" Schauspieler als Vogelscheuchen auftreten ließ, die in einer aussterbenden Natur Vogelstimmen vor dem Vergessen bewahren, hat sich jedoch entschieden, die Sängerin und den Sänger mal nachdenklich, mal staunend, mal kokettierend über die Bühne wandeln zu lassen. Dazu gibt es eine kleine Auswahl herkömmlicher Theater-Tricktechnik: Regen, Nebel, Schnee, Lichteffekte und Bühnenprospekte. Vom US-Maler Albert Bierstadt (1830-1902) hat er sich zwei Gemäldesujets ausgeborgt, eine Teichlandschaft sowie das imposante Gebirgsbild "Storm in the Rocky Mountains, Mount Rosalie". Die beiden Bilder werden vom Schnürboden herunter- und hinaufgefahren und mit Licht und Überblendungen ein wenig belebt. Banale Effekte. Nach 65 Minuten ist das Ganze vorbei, ohne dass sich je ein Zauber eingestellt hätte.

Auch von Jura Soyfer ist ein "Lied von der Erde" überliefert. Der 1939 im KZ Buchenwald ermordete österreichische Dichter hat es ans Ende seines Stücks "Der Weltuntergang" gestellt. An dessen hoch emotionalen Text muss der Rezensent nach diesem Abend denken, der ihn völlig kalt gelassen hat: "Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde, / Voll Leben und voll Tod ist diese Erde, / In Armut und in Reichtum grenzenlos. / Gesegnet und verdammt ist diese Erde, / Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde, / Und ihre Zukunft ist herrlich und groß."

(S E R V I C E - "Das Lied von der Erde", Regie, Konzept, Bühne: Philippe Quesne, Musikalische Leitung: Emilio Pomàrico, Mit Musik von Gustav Mahler, Das Lied von der Erde, Kammermusikfassung von Reinbert de Leeuw, Mit dem Klangforum Wien, Christina Daletska - Alt, Michael Pflumm - Tenor. Volkstheater. Noch am 27. und 28.6., 19.30 Uhr, Deutsch mit englischer Übersetzung. Talk mit Philippe Quesne und Emanuele Coccia am 28. Juni, im Anschluss an die Vorstellung, Rote Bar; Karten via www.festwochen.at sowie telefonisch mit Kreditkarte unter 01 / 589 22 11)

Quelle: Agenturen